03.11.2026Matthias Dohmen
Bücher geschrieben, verlegt und verkauft: Klaus Waller
Mit 80, schreibt er im Vorwort seiner in diesem Jahr erschienenen Anekdotensammlung „Bitte nochmal ‚Patta-Patta‘“, habe man „Anlass, auf sein Leben zurückzublicken“. Auf eine beachtliche Journalistenkarriere mit den Hauptstationen Sport-Informations-Dienst, bekannt unter seinem Kürzel sid, Sportabteilung der UZ und Redaktion des Monatsmagazins „Buchmarkt“, modernistisch BuchMarkt geschrieben, die Arbeit für den Rowohlt-Verlag, das Engagement für einen eigenen Verlag (Zollhaus), Aufbau, Geschäftstätigkeit und Abwicklung eines hauptsächlich Internet-basierten Antiquariats und schließlich – das Alterswerk – das Führen von zwei Youtube-Kanälen, von denen einer sich ausschließlich mit Leben und Werk des in den 1920er und zu Beginn der 1930er-Jahre äußerst erfolgreichen Operettenkomponisten Paul Abraham beschäftigt, über den er im Übrigen eine opulente Biographie geschrieben hat, die unter Kennern als „das“ Standardwerk gilt. Zweimal verheiratet, zwei Töchter, vier Enkelinnen. Eine Schwester, vier Brüder, von denen einer, Jürgen, in der Studentenbewegung aktiv und sozialkritischer Künstler („… reitet für das Kapital“) war, der es zum Rektor der Hochschule für Kunst und Kultur (Bremen) gebracht hat und vor viereinhalb Jahren verstorben ist. Zeugnis von ihm legt die sehr ansprechend gemachte Homepage juergenwaller.de ab.
In der Öffentlichkeit bekannte Persönlichkeiten wie Helmut „Auto-Becker“, Volker Herres, Hape Kerkeling, Helmut Markwort („focus“), Michael Naumann (Rowohlt), Wolfgang Niersbach (DFB) und – als Gastgeber, den es zu porträtieren galt – Gerhard Schröder kreuzten seinen Weg und bekommen nicht immer nur positive Noten. Das gilt insbesondere für Elke Heidenreich, zu deren Popularität Klaus Waller zweifelsfrei beigetragen hat, und Alice Schwarzer, die von ihm als trinkfest, aber selbstverliebt erinnerungsschwach beschrieben wird.
1946 wird er in Düsseldorf in eine bildungsbürgerliche Familie geboren, der Vater ist Zahnarzt. Schon früh entdeckt die Familie sein schriftstellerisches Talent, produziert er doch schon als Zehnjähriger eine „Zeitung“ und selbsterfundene „Jerry Cotton“-Geschichten, die er auf der Schreibmaschine mit Durchschlagspapier produziert und für 10 Pfenning das Stück in der Familie vertreibt. Früh wird klar: Er wird „etwas mit Medien machen“, wie man das heute nennt.
Er liest und liest und liest: „Ein Karl-May-Buch pro Tag, wobei ich die Landschaftsbeschreibungen überschlagen habe.“ So habe er „gelernt, das Wichtigste aus einem Text herauszufiltern“, was sich später als nützlich für den Journalistenberuf erwiesen habe. Waller macht Bekanntschaft mit dem sid, anfangs mit Aushilfsarbeiten, später dann mit Einsätzen bei Olympischen Spielen in Grenoble und Mexiko 1968 und Sapporo 1972 sowie der Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko. In der Zeit heuert er bei der DKP-Zeitung UZ an, deren Sportchef er wird. Zeitweise arbeitet er bei internationalen Sportereignissen mit Berichten sowohl für die Sportagentur als auch für das „Zentralorgan“.
Mit der Deutschen Kommunistischen Partei überwirft er sich schließlich und beginnt ein Lehrerstudium, bevor es ihn zum gedruckten Wort zurückzieht, nämlich in die Branchenzeitschrift „Buchmarkt“, ein Magazin für Verlage und Buchhandlungen. Schließlich heuert er für etliche Jahre beim Branchenriesen Rowohlt an, für den er gut 200 Bücher auf den Markt bringt, darunter die populäre Reihe „rororo Tomate“, in der vor allem satirische Texte, Humor, Cartoons, Comics und Schmunzelgeschichten erschienen. Mit dabei: die Millionenseller „Darf’s ein bisschen mehr sein?“ und „Geschnitten oder am Stück“ der bereits erwähnte Elke Heidenreich. Zwei Jahre stand er mit ihr an der Spitze der Taschenbuch-Bestsellerliste.

Als Redakteur der Branchenzeitschrift „Buchmarkt“
„In dieser Zeit war ich festes Mitglied der Buchbranche, wo jeder jeden kennt, und wurde von den Verlagen mit Büchern zugeschüttet.“ Wichtigstes Kriterium zur Aufnahme in die am Ende 6.000 Bände umfassenden private Bibliothek: „Das Thema musste mich interessieren und ich musste mich wenigsten eine halbe Stunde mit dem Inhalt beschäftigt haben.“

Das Antiquariat in Witten. Fotos: Waller
Im Anschluss an die Arbeit für Rowohlt, die unfreiwillig-abrupt zu Ende ging, arbeitet Klaus Waller als freier Journalist, Schriftsteller und Werbetexter. Und gründet Mitte der 1990er-Jahre in Witten ein Internet-Antiquariat. Grundstock waren die frühere Bibliothek, die im Ferienhaus eines Freundes Asyl gefunden hatte, der umfangreiche Nachlass eines sehr belesenen SPD-Funktionärs aus dem Ruhrgebiet sowie hunderte aussortierte Bücher aus der Bibliothek eines Lehrerseminars.
Insgesamt sammelten sich im Laufe der sieben Jahre ca. 50.000 Bücher an. Davon wurde etwa die Hälfte verkauft. Der Rest ging bei Auflösung des Antiquariats en bloc an ein Kollegen-Unternehmen in Köln.

Waller, Herres, Schröder
Als die wichtigsten Bücher seiner Autorenkarriere mit insgesamt rund 20 Bänden sieht Waller an „Fotografie und Zeitung“, eine Analyse des Einsatzes von Bildern in Tageszeitungen, ein Werk, das ihm zahlreiche Einladungen zu Fachvorträgen einbrachte (1983), die zusammen mit Volker Herres verfasste Biographie „Gerhard Schröder. Der Weg nach oben“ (1998), „Von Achtung bis Zivilcourage. Lexikon der Werte und Tugenden“ (2002), ein Werk, aus dem Texte heute noch regelmäßig in Schulbüchern abgedruckt werden, und – der Höhepunkt – „Paul Abraham. Der tragische König der Operette“ (2013).

WAZ vom 17.4.2009

Zentrales Werk: Die Biographie eines genialen Musikers
3.700 Abonnenten zählen seine beiden Youtube-Kanäle, auf denen er digitalisierte alte Schellackplatten und Langspielplatten (LPs) mit Paul-Abraham-Werken sowie allgemeine Operettenaufnahmen veröffentlicht. Bisher sind insgesamt 1.200 Videos erschienen, jeweils mit einem knappen Text versehen, die knapp drei Millionen mal aufgerufen wurden. Ihre Namen sind „kjosefw präsentiert Paul Abraham“ und „Operetten und andere Fundstücke“.
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