Der Bücherverschenker Klaus Schumann
Sybba. Eine untergegangene Welt. Alec Puch liebt seine drei zarten Söhne, die während seiner Berufstätigkeit als Gehilfe eines wandernden Scherenschleifers in die Welt gesetzt wurden. Alec ruft sie nach den Ortschaften, in denen sie gezeugt wurden: Sybba, Schissomir und Quaken. Auf einem Kahn wachsen die Burschen auf, „das Paradies war niemals näher“.
Hier wird zitiert nach einer Neuausgabe der Siegfried-Lenz-Erzählungen über seine masurische Heimat, „So zärtlich war Suleyken“. „Der Ostertisch“ ist das vierte von 20, genau genommen 21 Kapiteln, in denen Lenz der Landschaft und den Menschen seiner Kindheit ein Denkmal gesetzt hat.
In Sybba (ab 1938 Walden) wurde die Mutter am 25. August 1914 unter Nr. 5, Daum 25. August 1914, in das Geburtsregister als gebürtig in Mrossen (Kreis Lyck) eingetragen. Die Familie Lipinski lebte nacheinander in verschiedenen Ortschaften der Umgebung, in Gr. Mrossen, zuletzt in Regeln (Freidorf) am Kleinen Selmentsee. Mitte der 1930er Jahre zog sie auf Arbeitssuche zu zwei Schwestern, die in Wuppertal lebten. Hier heiratete sie 1937 den Blumenbinder Erich Schumann. Der Sohn Klaus wurde im September 1940 in Elberfeld geboren. Ca. 1942 entstand das Foto: Mutter mit ihrem Sohn. 1943 feierte die Familie das Weihnachtsfest, nicht ahnend, dass Anfang Januar 1944 der Sanitätssoldat Erich Schumann bei Rückkehr zu seiner Einheit an die Front in der Ukraine zusammen mit einem Kameraden vom Kriegsgegner überfallen und verschleppt wurde. Bei der Suche nach ihnen fanden Männer ihrer Einheit nur noch die zertrümmerten Motorräder und größere Blutlachen. Unbekannt der Verbleib der Vermissten. Schwerverwundete wurde in der Regel, bei dem ständigen Wechsel des Frontverlaufes, nicht gemacht. 1950 wurde Erich Schumann für tot erklärt.

Heimatbesuch 1943
So das ungewollte Schicksal des Vaters, den er nie näher als Papa kennengelernt hat. Tot, verscharrt, verbrannt auf ukrainischem Boden, auf dem Hitlers mörderischer Krieg gegen die Sowjetunion ausgetragen wurde. Schumann gehört zu den vielen vaterlos aufgewachsenen Halbwaisen und er wurde bekannt mit dem aus Wuppertal gebürtigen und in Essen lebendem Historiker Jürgen Reulecke, dessen Vater ebenfalls in der Ukraine sein Leben ließ. In entscheidenden Kinderjahren vaterlos aufgewachsen ist auch der mit Schumann lose befreundete Schriftsteller Hermann Schulz. Reulecke hat in einem seiner Vorträge die Frage aufgeworfen, inwieweit es zu Problemen kommen kann, wenn diese in entscheidenden Jahren vaterlos aufwachsenden Kinder selber einmal Väter werden: Was können sie dann ihren Kindern vermitteln?

Mutter und Kind ca. 1940
Klaus Schumann bedauert, dass er seine 1914 geborene und 1991 verstorbene Mutter, als es noch möglich war, zu wenig nach ihrem Leben befragt, sich für sie zu wenig Zeit genommen hat, um zuzuhören. Erkundigungen nach ihren Träumen, den großen Momenten in ihrem Leben und den Enttäuschungen, die sie hatte hinnehmen müssen wie etwa den Verlust des Ehegefährten. Im Herbst 1944, anlässlich eines Besuches bei Bekannten in Dortmund, wurde sie infolge eines Bombenangriffes verschüttet. Erst nach zwei Tagen wurde sie mit schweren Verletzungen geborgen. Diese Verletzungen, die daraus folgenden Schmerzen und Einschränkungen hielten ihr Leben lang an und begleiteten sie psychisch in starkem Maße.

Der Schüler Klaus Schumann 1950
Um den jungen Klaus kümmerten sich die Mutter, trotz der massiven eigenen Beschwerden, die Verwandten und Nachbarn. Besonders auch die Schwester des Vaters, Tante Tilly, und der Bruder des Vaters, Onkel Carl. Zu beiden Haushalten gehörten viele Bücher, mit denen er, neugierig lesend, in Berührung kam. Als er 1971 das Haus von Onkel Carl und seiner Frau Ellen erbte, übernahm er auch deren Bücherbestand: Werke von Heine, Sven Hedin, Charles Dickens und weiterer Schriftsteller sowie viele Sammelbände zu unterschiedlichen Wissensgebieten.
Da im Haus Platz war, kamen im Laufe der Jahre viele Bücher hinzu. Heute verteilen sie sich über vier Etagen. „Räum mal auf!“ bemerkte seine viel zu früh verstorbene Ehefrau Helga. Wenn Reisen unternommen wurden, bereitete sich Klaus Schumann mittels Literatur über die Historie des Reiseziels, dessen Archäologie und über die Schriftsteller des Landes vor. Viele Bücher über Byzanz, das Osmanische Reich, die Armenier, Bücher von Yasar Kemal, dem kurdischen Autor, oder von Nedim Gürsel oder Orhan Pamuk oder von Amos Oz sieht man in zahlreichen Regalen. In den Bücherschränken viele „Schwarten“, aber auch moderne Taschenbücher mit Bezügen auf Länder wie Spanien oder Frankreich. Daneben vielfach Bücher über das Judentum, die politische Entwicklung in Israel, aber auch Gedrucktes über die aktuelle Politik in unserer Republik und darüber hinaus.
Autor Amos Oz. Am 17. April 2015 richtete Schumann einen – leider nie beantworteten – Brief an den Suhrkamp-Verlag, den Roman „Judas“ betreffend, in dem auf Seite 292 wörtlich stehe, dem abtrünnigen Jünger Jesu seien „Geldbündel übergeben“ worden, und auf S. 295, der Jünger Jesu habe „Geldscheine“ aus der Tasche genommen. Leser Schumann an den renommierten Verlag: „Ist das nun in der Originalfassung vom Autor so niedergeschrieben oder von der Übersetzerin Mirjam Pressler irrtümlich so übertragen?“ In jedem Fall habe es „zur damaligen Zeit kein gedrucktes Papiergeld“ gegeben: Judas bekam 30 Silberlinge, mit denen er höchstens hätte „werfen“ können.
Frankreich: Sartre, Camus, Colette, Simone de Beauvoir. Von der Letztgenannten stammt das Kolossalwerk „Das andere Geschlecht“, dem der päpstliche Index zum Ruhm verhalf. Verpönt waren in den prüden 1950er-Jahren auch Werke von Henry Miller und seiner zeitweiligen Freundin Anaïs Nin. Ein Arbeitskollege, wohnhaft in Düsseldorf, hatte gute Verbindung zu einem Buchhändler und konnte leihweise Bücher aus dem bekannten Pariser Verlag „Olympiapress“ besorgen. Schumann und sein Vorgesetzter lasen diese Werke, die in der ausgezogenen Schublade des Schreibtisches lagen, in ruhigen Minuten. Traten Besucher in den Büroraum, wurde schnell die Schublade zurückgedrückt. In der Bibliothek: Raymond Radiguet, Jean Anouilh, aus früherer Zeit Molière oder Maupassant, die Liste ließe sich fortsetzen. Eine Erfassung der Bücher, die Klaus Schumann besitzt, würde noch manchen anderen „welschen“ Namen zutage befördern. Sie sind alles in allem grob sortiert nach Ländern, Regionen, auch in Kategorien wie Reiseliteratur oder Sport.

Eines von vielen Bücherregalen
Und natürlich deutsche Klassiker, bei denen wir es an dieser Stelle mit einem summarischen Verweis belassen wollen. Klassiker, vielfach in Form von Gesammelten Werken oder Gesamtausgaben, wie sie früher zur Ausstattung bürgerlicher und großbürgerlicher Haushalte gehörten, und Gegenwartsautoren wie eben Böll, Grass oder Siegfried Lenz.
Im Lauf der Jahre sind vielleicht ein Dutzend oder mehr Bücher meiner Bibliothek einverleibt worden, die von ihm neu verschenkt wurden oder die den Standort wechselten – aus der Ottenbrucher Straße in die Birkenhöhe. Darunter eines der gewichtigsten Bücher, ein in jeglicher Hinsicht opulentes Werk, von dem es in der Enzyklopädie von wikipedia heißt: „Die Schedelsche Weltchronik, auch Nürnberger Chronik genannt, ist eine illustrierte Darstellung der Weltgeschichte. Sie ist das Hauptwerk des deutschen Historikers Hartmann Schedel und erschien erstmals 1493 in Nürnberg in einer lateinischen und, am 23. Dezember des Jahres in einer deutschen Fassung. Sie ist die bedeutendste illustrierte Inkunabel.“ Unbedingt erwähnenswert: eine aus der Nordstadt auf den Katernberg ausgewanderte Gesamtausgabe der Tagebücher von Victor Klemperer.
In die Dohmenschen Bestände sind ferner integriert zum einen ein Konvolut von einzelnen Periodika aus dem 20. Jahrhundert sowie dicke „Zeit“- und „Spiegel“-Hefte und ‑Broschüren über den 30-jährigen, den 1. und den 2. Weltkrieg beziehungsweise deren Folgen sowie die Reformation und zum anderen eine von dem rührigen Leser, Vater zweier Kinder und langjährigen Mitglied der Friedrich-Spee-Akademie, des Bergischen Geschichtsvereins und des Fördervereins Begegnungsstätte Alte Synagoge zusammengetragene Sammlung von Karikaturen, ausgeschnitten aus vielen Periodika wie „Die Welt“, dem Wuppertaler „General-Anzeiger“ oder der NRZ. Susanne Mayers „Dinge unseres Lebens“ steht in der Abteilung Biographien/Autobiographien, ein kluges Buch über Dinge die wir besitzen, und die zeigen, was wir sind und „was wir waren“.
Die letzten Jahre hört Klaus Schumann, dessen Augen zunehmend ihre Sehkraft verlieren, vielfach Kriminalromane etwa von Jean-Luc Bannalec oder von Louise Penny abends vor dem Einschlafen.
Was geschehe mit den Büchern danach, sprich: wenn der Besitzer, Leser, Verwender, Ein- und Aussortierer das letzte Mal ein gedrucktes Werk in die Hand genommen oder es aus der Hand gelegt hat, möchte der Befrager wissen. „Vorher gebe ich einige an interessierte Menschen weiter, andere werde ich in den Bücherschrank am Laurentiusplatz stellen. Danach werden einige vielleicht auf dem Büchermarkt der Wuppertaler Tafel landen.“ Und vor dem Haus steht am Ende ein großer Container, stellt er resignierend fest.
Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1941 und Tagebücher 1942-1945. 2 Bde. im Schuber, Berlin: Aufbau 21995
Siegfried Lenz, So zärtlich war Suleyken. Maurische Geschichten, Frankfurt am Mai: Fischer 532004 (= Fischer-Taschenbuch, 312)
ders., Der Ostertisch. Mit Illustrationen von Jacky Gleich, Hamburg: Hoffmann & Campe 2022
Susanne Mayer, Die Dinge unseres Lebens. Und was sie über uns erzählen, Berlin/München: Berlin-Vlg. 42020
Stephen Pielhoff (Hrsg.), Kindheit und Jugend zwischen Zerstörung und Aufbruch. Wuppertal in den vierziger und fünfziger Jahren – Autobiographische Annäherungen, Remscheid: Bergischer Verlag 2014. Darin: Klaus Schumann, „Jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt“. Erinnerungen an meine Kindheit in Wuppertal-Uellendahl, S. 139-167
Hartmut Schedel, Buch der Chroniken. Neudruck Leipzig: F. W. Hendel 1933. Exemplar 1152
Matthias Dohmen, Männer im Tal. Porträts, Weilerswist: Ralf Liebe 2018. Darin: Klaus Schumann. Böll und Borchert, S. 34-37
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