23.10.2026N. Bernhardt
Damals wie heute: Zweiminutentakt für die Schwebebahn

Vor 30 Jahren wollten die Wuppertaler Stadtwerke (WSW) die Schwebebahn „fit für die Zukunft“ machen. Als herauskam, daß damit mal eben die Alte Dame samt Stationen und Wagenhalle Oberbarmen auf dem Schrotthaufen entsorgt werden sollte, war der Aufschrei groß.
Die „Bürgerinitiative zur Unterschutzstellung der Schwebebahn“ sammelte über 26.000 Unterschriften als Protest – die nach Unterschutzstellung (VO/3700/97 3. Neuf.) dem Stadtarchiv übergeben wurden. Schließlich blieben Werkstatt und Wagenhalle in Vohwinkel ja Original für einen Zweiminutentakt im Jahre 2001. – 25 Jahre und über 650 Millionen Euro[2] später warten wir immer noch darauf, im Zweiminutentakt durchs Tal zu rappeln.
Heute: „Die Schwebebahn zukunftsfähig machen!“
Jetzt plötzlich stellen die Stadtwerke fest, daß die historische Wagenhalle „aus bauzeitlicher Substanz der Gründungsjahre der Schwebebahn“ besteht (VO/1110/26). Dies sei „zum Zeitpunkt der denkmalrechtlichen Unterschutzstellung im Jahr 1997“ nicht erkannt worden (ebenda). – Nein? Der Autor kann sich als Mitstreiter vor 30 Jahren nur genau daran erinnern, von den WSW (Beyen & Co.) selbstpersönlich vernommen haben, daß die Wagenhalle unter der wetterschützenden Hülle weitestgehend Original 1900 ist – inklusiver einer dritten Kehre in der Halle, die nur von Einzelwagen wie dem Kaiserwagen durchfahren werden kann.
Weiter heißt es in der Drucksache VO/1110/26: „Die Standsicherheit der Wagenhalle ist unter dem laufenden Betrieb für die Zukunft nicht gesichert. Bereits heute findet der Betrieb aus Sicherheitsgründen unter eingeschränkten Bedingungen statt.“ – Also jetzt klappt das Gerüst schon im Stand zusammen, wenn wir nicht gleich alles abreißen und neu bauen?
Etwas ähnliches hatten wir vor 30 Jahren schon einmal. Damals wurde am Gerüst im Hinblick auf den Tag X (Austausch der Brücken und Stützen) die Wartungsarbeiten massiv zurückgefahren. Als dann Ende 1997 die Arge Schwebebahn den Ausbau über Monate stoppte, konnte man bequem auf das marode Gerüst verweisen wie den Übergang zur Landstrecke, wo Langsamfahrstellen von 20 km/h eingerichtet werden mußten. Mit entsprechender Wartung hielten die letzten originalen Brücken dagegen noch bis zum Ende des Ausbaus 2013/4 problemlos durch.
In Wuppertal muß immer die komplette Anlage auf den Schrott
Vergleiche mit anderen Stahlbauten liegen nicht fern. Der Eiffelturm steht immer noch, die Müngstener Brücke ebenso mit neuem Schienenunterbau. An der Berliner S-Bahn sehen wir moderne und originale Stützen – ausgetauscht wurde nach Bedarf. Trotzdem ist der sichere Bahnbetrieb gewährleistet.
In Wuppertal hat man alle historischen Stationen in Bausch und Bogen verschrottet. In Elberfeld wollte man unbedingt gerade Aufgänge (die aber die Bahnsteige um die Hälfte verschmälern), in Barmen waren es Aufzüge, die man angeblich nicht hätte unterbringen können. Landgericht, Völklinger Straße und Werther Brücke – mit Fördermitteln aus dem Denkmaltopf „rehistorisierend“ gebaut – beweisen das Gegenteil. Die alten vernieteten Längsträger, 170 bis 180 Zentimeter hoch und stets nur auf Druck beansprucht, hätte man gut und gerne für neue Stationen weiterverwenden können. Die WSW als „Wegwerfgesellschaft“…
Über 650 Millionen Euro für… weniger grüne Farbe?
Vor 30 Jahren hatten die WSW für das Jahr 2001 30 Millionen Schwebebahn-Fahrgäste prognostiziert und von den veranschlagten 491 Millionen DM (rund 250 Millionen Euro) ein erheblicher Teil davon als öffentliche Subventionen „zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse“ eingeworben. Am 1. März 2001 sollte alles fertig sein, die Schwebebahn einen 90-Sekundentakt fahren können.
Am Ende dauerte das „Fitmachen für die Zukunft“ (WSW) bis 2014 und kostete über 650 Millionen Euro [2]. Auf die „Verbesserung der Verkehrsverhältnisse“ warten wir hingegen heute noch. Es kann ja nicht sein, daß die einzig sichtbare Verbesserung der grüne Lack ist, den die WSW mit der neuen Tragkonstruktion einsparen. ■
Die WSW sucht einen Dummen und finden das Schwebebahndepot Vohwinkel
Das Hindernis, einen Zweiertakt zu fahren, liegt nicht in der Vohwinkeler Wagenhalle. Sondern vorwiegend daran, daß die zulässige Geschwindigkeit für die „Museumswagen“ GTW15 an vielen Stellen der Strecke herabgesetzt werden mußte [1] – ein abgefallener Bremszylinder vom 19. Mai 2017 und weitere „Pannen“ lassen grüßen. Die Technische Aufsichtsbehörde (TAB) ging 2018 davon aus, „dass die Fahrzeuge im vorliegenden Konstruktionszustand hinsichtlich der Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h sicher in Ihrem [WSW] Schienennetz betrieben werden können.“
Für den geplanten Zweiminutentakt müßte die Umlaufzeit Vohwinkel→Oberbarmen→Vohwinkel im Vergleich zu früher – 61 Minuten mit dem blau-orangen Vorgänger GTW72 – drastisch reduziert werden. Im Gegenteil sind mit den „modernen Museumswagen“ die Umlaufzeiten auf rund 70 Minuten [3] gestiegen. Schickt man alle zwei Minuten einen Wagen auf die Strecke, hat man bei 31 Wagen nach 62 Minuten ein leeres Depot. Dann braucht der erste Triebwagen aber noch acht Minuten, bis er wieder am Startpunkt ankommt.
Konstruktiv wurde an den Triebdrehgestellen nichts grundlegendes verändert oder gar verbessert. Auf der Pannen-Pressekonferenz, wo die WSW eine Mängelliste mit rund 200 Punkten erwähnten, wurden neue Drehgestelle angesprochen, bisher aber nicht umgesetzt. Ohne durchgehend 60 km/h fahren zu können ist ein Zweiminutentakt reine Phantasie. Ganz zu schweigen davon, daß durch die Idee einer manuellen(!) Rampe für Rollstuhlfahrer [4] ein einziger Ein- oder Ausstieg rund 90 Sekunden vergehen.
Da von den babyblauen Triebwagen immer noch drei bis vier Stück in Aachen zur Behebung der meisten Kinderkrankheiten weilen, ist in Wuppertal zur Zeit bestenfalls ein „Takt“ von drei Minuten vierzig Sekunden drin. Jetzt eine neue Wagenhalle zu fordern, zeugt eigentlich nur davon, daß man in der Vergangenheit „Mist“ gebaut bzw. geplant hat. Oder die Wuppertaler wieder für dumm verkaufen will.
Fußnoten
[1] Überbau Alter Markt: 35 km/h. Grund für streckenbezogene Geschwindigkeitsbeschränkungen ist – laut informellen WSW-Quellen – die Tatsache, daß die Triebdrehgestelle der GTW15 die vorgeschriebenen Lichtraummaße nicht einhalten (vgl. Unfall mit GTW15_10 bei Westende). Zur Einhaltung des Lichtraumprofils unter allen Umständen sind die Tempolimits erforderlich. Dabei hatte man im Vergleich zum Originalgerüst die Kurven aufgeweitet, um sie schneller passierbar zu machen.
[2] Kosten für die neue Schwebebahn:
Traggerüst: „Nach 19 Jahren konnte 2014 der Ausbau der Schwebebahn abgeschlossen werden. Insgesamt kostete der Ausbau rund 512 Mio. €.“ – Jahresabschluss der WSW mobil GmbH 2014, VO/1532/15
GTW15: 122 Mio. €
Betriebssystem (ETCS fürs Karussell): 20 Mio. €
Summa sumarum 654 Millionen Euro
[3] Wie beispielsweise am 15. Oktober am frühen Nachmittag:
Richtung Oberbarmen fuhr jeweils GTW15_02 um 13.59/15.12h, GTW15_06 um 14.06/15.16h/, GTW15_18 um 14.10/15.21h.
[4] Der Fahrer muß nach Öffnen die Türen aufstehen, aus seinem Fahrerhäuschen heraus, den Schlüssel für die Rampe mitnehmen, damit die Rampe öffnen und ausklappen. Bei viel Betrieb muß er vorher noch die Fahrgäste, die auf der Rampe stehen, unsanft wegscheuchen. Dann kann der Rollstuhlfahrer einrollen, darf aber nicht im Klappbereich der Rampe stehenbleiben, sonst kann der Fahrer die Rampe nicht wieder einklappen. Bei viel Betrieb stehen nun 10-20 Fahrgäste draußen auf dem Bahnsteig, die, wenn der Fahrer die Rampe wieder eingeklappt hat, zurück in die Schwebebahn wollen, dann aber die Rampe zustehen. Möchte der Rollstuhlfahrer aussteigen, geht das Spiel von vorne los. – Passenderweise sind bei den Stationen viele Aufzüge defekt, daher sieht man nur sehr selten einen Rollstuhlfahrer. Das ganze hätte man sich bei einer elektrisch betriebenen Unterflurrampe ersparen können – vgl. Bremer Stadtbahn aus den 1990er-Jahren.
Siehe dazu auch
Oktober 2020, Neue Wuppertaler Zeitung: Welche Probleme hat die Schwebebahn?
https://www.neue-wuppertaler-zeitung.de/Schwebebahnprobleme.html
Etwas Statistik und Kritik zum 125-jährigen Schwebebahnjubiläum
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