Soziale Ordnung durch Erziehung

Zwischen Barrikaden, Cholera und bitterer Armut entstand 1849 in Elberfeld ein Verein, der "verwahrloste" Kinder retten wollte. Der sechste Teil unserer Reihe "Protestantisch!" zeigt, wie tief pietistischer Glaube und soziale Fürsorge die Stadt prägten.

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Zwischen Barrikaden, Cholera und bitterer Armut entstand 1849 in Elberfeld ein Verein, der „verwahrloste“ Kinder retten wollte. Der sechste Teil unserer Reihe „Protestantisch!“ zeigt, wie tief pietistischer Glaube und soziale Fürsorge die Stadt prägten.

Missernten, Cholera-Epidemie, wirtschaftliche Not – und im Mai 1849 auch ein berüchtigter Aufstand auf den Barrikaden, der die Stadt und ihre Bewohner in heillose Verwirrung gestürzt hatte. In dieser Lage bekam die Sorge um „verwahrloste“ Kinder eine ganz neue Dringlichkeit. Also versammelten sich am 15. November 1849 in Elberfeld „einfache, schlichte Männer, dem Handwerker- und Beamtenstand angehörend“, um einen Verein zur Rettung gefährdeter Kinder ins Leben zu rufen.

Elberfeld galt damals als Stadt tiefer Frömmigkeit und vorbildlicher Armenpflege. Und doch: Die rasch wachsende Textilindustrie hatte tiefe soziale Verwerfungen hinterlassen. Kinderarbeit, zerstörte Familienstrukturen, die Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten – die sichtbaren Zeichen dieser Not trieben fromme Männer und Frauen zum Handeln. Der Erziehungsverein war Ausdruck des Willens nicht wegzuschauen, sondern zu helfen.

„Rettungswerk für die Seelen“

Die prägende Gestalt der Anfangsjahre war Carl Friedrich Wilhelm Brockhaus, Volksschullehrer und tief verwurzelt im bergischen Pietismus. Für ihn war der Erziehungsverein vor allem eines: ein Rettungswerk für Seelen. Die materielle Not der Kinder wurde durchaus gesehen – aber immer eingebettet in ein religiöses Deutungsmuster, das den sittlichen Zustand des Menschen in den Mittelpunkt rückte.

Folgerichtig lehnte Brockhaus große Anstalten ab. Stattdessen sollten die Kinder in christlichen Pflegefamilien aufwachsen. Marie-Luise Baum beschreibt in ihrer Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum treffend den Grundgedanken: „Die Familien sind die von Gott gebauten Erziehungsanstalten.“

Bildung in Sonntagsschulen und Nähstuben

Von Anfang an entfaltete der Verein eine bemerkenswerte institutionelle Vielfalt. Sonntagsschulen boten vielen Kindern die einzige Gelegenheit, lesen zu lernen und religiöse Bildung zu empfangen. Den Kindern wurde allwöchentlich ein Bibelspruch geschenkt, den sie auswendig lernten – „um ihnen einen Schatz kerniger, köstlicher Bibelwörter zu verschaffen“, wie es in einem frühen Bericht heißt.

Kleinkinderschule am Neuenteich

Baum schildert berührend, wie Kriegsgefangene später bezeugten, welch ein Trost diese in der Jugend gelernten Sprüche in den Stunden seelischer Not gewesen seien. Für die Mädchen entstanden Näh- und Flickstuben, in denen sich praktische Ausbildung mit religiöser Begleitung verband. Kleinkinderschulen – Vorläufer unserer heutigen Kindergärten – holten Kinder möglichst früh in geschütztes, christliches Umfeld.

Das rechte Foto zeigt die erste Kleinkinderschule des Elberfelder Erziehungsvereins, einen Vorläufer der heutigen Kindergärten, am Neuenteich.

Beliebte Vereinszeitschrift „Der Kinderbote“

Ein besonderes Gewicht hatte die publizistische Arbeit. Mit der Zeitschrift „Der Kinderbote“ schuf Brockhaus ein Medium, das im ersten Jahrgang bereits 6.000 Exemplare erreichte und später auf über 21.000 Stück anwuchs – „fast in allen Weltteilen bei Jung und Alt, vornehm und gering, ein beliebter Hausfreund“. Die Schriftenreihe „Saat und Ernte“ band den Verein in ein überregionales pietistisches Netzwerk ein.

Im 20. Jahrhundert änderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend. Inflation, Weltkriege und politischer Druck setzten dem Verein hart zu. Die nationalsozialistische Gleichschaltung bedrohte die konfessionellen Kindergärten; nur durch die „zielbewusste Haltung des Vorstandes“, wie Baum schreibt, konnte man sich dieser Gefahr immer wieder entziehen. Der Bombenangriff vom Juni 1943 zerstörte acht Kindergärten. Und doch: Kaum war im April 1945 der Krieg beendet, regte sich neues Leben. Im Dezember 1945 besuchten bereits wieder 625 Kinder die Einrichtungen.

Sprachförderung statt Bibelsprüche

So zeigt die Geschichte des Elberfelder Erziehungsvereins beispielhaft, wie bürgerliches Engagement auf soziale Krisen reagieren kann. Nicht alles, was damals als Fürsorge gedacht war, entspricht heutigem Verständnis – eine Pädagogik, die soziale Probleme vor allem moralisch deutete, hatte ihre Grenzen.

Aber der Grundgedanke, Kindern aus schwierigen Verhältnissen bessere Chancen zu eröffnen, hat überdauert. Wo früher Bibelsprüche standen, steht heute Sprachförderung. An die Stelle moralischer Disziplinierung ist Inklusion getreten. Dass der Verein bis zu seiner Fusion mit seinem Barmer Äquivalent im Jahr 2009 – 160 Jahre lang – in der Mitte der Stadtgesellschaft wirkte, verdankt er einer erstaunlichen Anpassungsfähigkeit und dem Willen, immer wieder neu anzufangen.

Text: Heiko Schnickmann
Redaktion: Sabine Damaschke
Fotos: Stadtbibliothek Wuppertal
Grafik: Thomas Leiber

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