Der Kirchenkampf in Unterbarmen

Die Wuppertaler Pauluskirche wurde 1936 zum Brennpunkt eines erbitterten Kirchenkampfs - und schließlich geschlossen. Doch im Gemeindehaus hinter ihr entstand ein Ort des Widerstands. Um seine Geschichte geht es im vierten Teil unserer Reihe "Protestantisch! Wie ein Glaube Wuppertal prägte".

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Die Wuppertaler Pauluskirche wurde 1936 zum Brennpunkt eines erbitterten Kirchenkampfs – und schließlich geschlossen. Doch im Gemeindehaus hinter ihr entstand ein Ort des Widerstands. Um seine Geschichte geht es im vierten Teil unserer Reihe „Protestantisch! Wie ein Glaube Wuppertal prägte“.

Wer heute seine Kinder in das Familienzentrum Pauluskirchstraße bringt, dem dürfte kaum bewusst sein, dass dieses Gebäude eine Geschichte hat, die weit über die Alltagsnutzung hinausgeht. Am evangelischen Gemeindehaus, in dem heute eine Kita untergebracht ist, zeigt sich exemplarisch, wie sich die evangelische Kirche im 20. Jahrhundert verstand, veränderte – und im Kirchenkampf an ihre äußerste Grenze ging.

Der Bau, der 1900 entstand, war Ausdruck einer kirchlichen Neuorientierung. Industrialisierung und Urbanisierung hatten große Teile der Bevölkerung vom kirchlichen Leben entfremdet. Die Antwort war nicht Rückzug, sondern Öffnung: Kirche sollte den Menschen nachgehen, sie sammeln und Gemeinschaft stiften.

Gemeindehaus als Antwort auf Entkirchlichung

Also bereitete ein frei gewähltes Komitee den Bau ab 1899 vor, und das Presbyterium stellte dafür den Gartenplatz hinter der Kirche zur Verfügung. Rund 30.000 Mark kamen durch freiwillige Gaben zusammen. Der Saal bot Platz für bis zu 700 Menschen. Dass das Presbyterium die erheblichen Mehrkosten bewusst aus der Kirchenkasse trug, war ein deutliches Zeichen: Das Gemeindehaus galt nicht als Luxus, sondern als Investition in die Zukunft der Gemeinde.

Diese Funktion erhielt in den 1930er Jahren eine unerwartete neue Dimension. Den Wendepunkt markierte die Berliner Sportpalastkundgebung vom 13. November 1933, in der führende Vertreter der Deutschen Christen offen forderten, das Alte Testament abzuschaffen, den Arierparagraphen einzuführen und die Kirche dem nationalsozialistischen Weltbild zu unterwerfen. Für Unterbarmen war spätestens hier klar: Es ging nicht um Politik, sondern um die Frage, ob die Kirche Kirche bleiben konnte.

Der Kampf um die Pauluskirche

Die Antwort der Gemeinde folgte 1934 in einer bemerkenswerten Form. Das Bekenntnispresbyterium wandte sich in einer offenen Befragung an alle erwachsenen Gemeindeglieder. Trotz Flugblättern, Hausbesuchen und offener Einschüchterung durch die Deutschen Christen war das Ergebnis eindeutig: Nicht einmal zehn Prozent stellten sich auf deren Seite. Die überwältigende Mehrheit bekannte sich zur Kirche „unter dem Wort“.

Ab 1935 eskalierte der Konflikt. Die Deutschen Christen forderten Zugang zur Pauluskirche für eigene Gottesdienste Amtshandlungen und Gemeindearbeit. Das Bekenntnispresbyterium lehnte dies ab. Im Juni 1936 verschafften sich Deutsche Christen mit Nachschlüsseln Zutritt, blockierten Pfarrer und Presbyter und inszenierten Tumulte. Als das Presbyterium die Kirche verschließen ließ, versuchten Angehörige der Deutschen Christen, sich mit Brecheisen Zutritt zu verschaffen; ein Fenster wurde herausgeschnitten.

Das Gemeindehaus als Gegenort

Die staatliche Reaktion war eindeutig: Zwei Tage später ordnete der Polizeipräsident die Schließung der Pauluskirche für alle Gottesdienste an – um weitere Zusammenstöße zu vermeiden. Die Gemeinde hätte die Kirche behalten können, wenn sie deutschchristliche Gottesdienste zugelassen hätte. Das Presbyterium wusste das – und lehnte bewusst ab.

Ab Juli 1936 verlagerte die Gemeinde ihre Gottesdienste in das Gemeindehaus, das heute ein Familienzentrum ist. Was um 1900 als offener Sammelraum gegen Entkirchlichung gebaut worden war, wurde nun zum Ort bewusster Abgrenzung und zum Schutzraum der Bekennenden Gemeinde. Hier blieb Kirche Kirche – ohne staatliche Anerkennung, aber mit klarer theologischer Haltung. Die räumliche Trennung war ein sichtbares Zeichen: Es durfte keine Gleichberechtigung von Bekenntnis und Irrlehre geben.

Zerstörung und Neubeginn

Im Bombenangriff vom 25. Juni 1943 wurde das Gemeindehaus zerstört und nach dem Krieg wieder aufgebaut. Die Neueröffnung erfolgte 1952. Von Anfang an war das Erdgeschoss für einen Kindergarten vorgesehen, der im September 1952 mit 80 Kindern den Betrieb aufnahm. 1954 kam mit der „Kleinen offenen Tür“ ein Angebot der offenen Kinder- und Jugendarbeit hinzu, das knapp fünf Jahrzehnte bestand. Heute besteht der Kindergarten als Familienzentrum Pauluskirchstraße weiter.

Das Gemeindehaus hinter der Pauluskirche ist damit mehr als ein Gebäude. Es erinnert daran, dass Kirche immer wieder neu entscheiden muss, wofür sie steht – und welchen Preis sie bereit ist zu zahlen.

Text: Heiko Schnickmann
Redaktion: Sabine Damaschke
Grafik: Thomas Leiber

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