01.04.2026evangelisch wuppertal
Die Heilige aus Wichlinghausen
Krank, fromm und einflussreich: Im vierten Teil unserer Reihe "Protestantisch! Wie ein Glaube Wuppertal prägte" begegnen wir Maria Katharina Leckebusch - einer spirituellen Autorität des frühen 19. Jahrhunderts.

Schwer krank, sehr fromm und enorm einflussreich: Im vierten Teil unserer Reihe „Protestantisch! Wie ein Glaube Wuppertal prägte“ begegnen wir Maria Katharina Leckebusch – einer Frau, die sich scheinbar ganz ins Private zurückzog und doch weit in ihre Zeit ausstrahlte.
Der Blick auf das frühe 19. Jahrhundert offenbart eine Epoche der tiefen Ernüchterung. Nach den napoleonischen Kriegen war die Hoffnung der Französischen Revolution auf bürgerliche Mitbestimmung verflogen. Der Wiener Kongress zementierte stattdessen eine restaurative Ordnung.
In diesem Klima zogen sich viele Menschen in das Private zurück – eine Ära, die wir heute als Biedermeier kennen. Doch kaum ein Ort ist privater als das Schlafzimmer. Genau dort, in den Gemächern einer bettlägerigen Frau in der Wichlinghauser Alten Straße 6, beginnt eine Geschichte, die weit über das Häusliche hinausstrahlt.
Gott begegnen in der Krankheit
Maria Katharina Leckebusch war durch schwere Krankheit dauerhaft an ihr Bett gefesselt. Dennoch, oder gerade deshalb, galt sie ihren Zeitgenossen als spirituelle Autorität. Friedrich Wilhelm Krummacher beschrieb sie gar als eine „vollkommene Heilige“. Ihre körperlichen Gebrechen begriff sie nicht als Makel, sondern als Ort der Gottesbegegnung.
In ihren Briefen an Johann Caspar Engels, dem Großvater des berühmten Sozialisten Friedrich Engels, schilderte sie ihre Leiden mit einer Offenheit, die heute verblüfft. Am 17. Januar 1821 berichtete sie freimütig von „Diarrhoe“, im Mai von „Unreinheiten aus der Leber“ und nächtlichen Kamilleneinläufen. Für Leckebusch war das Körperliche untrennbar mit dem Geistlichen verwoben. Die Reinigung des Leibes spiegelte die der Seele.
Krankenzimmer mit enormer Reichweite

Dass sie medizinische Ratschläge befolgte, lag auch an ihrem Arzt Dr. Samuel Collenbusch. Er war nicht nur Mediziner, sondern einer der einflussreichsten Pietisten des Wuppertals. Sein Urteil in Glaubens- wie in Gesundheitsfragen war für Leckebusch maßgeblich. So wurde ihr kleines Zimmer zu einer Art Klosterzelle mit enormer Reichweite.
Menschen suchten ihren Rat, und ihr Urteil besaß kirchenpolitisches Gewicht. Dabei stammte sie aus einfachen Verhältnissen. Ihr Stiefvater, Johann Caspar Leckebusch, ernährte die Familie als Bandwirker – ein Vertreter jenes Handwerks, das die Region bereits im 18. Jahrhundert wohlhabend gemacht hatte.
Großes Bedürfnis nach Frömmigkeit
Es ist kein Zufall, dass Leckebuschs radikale Innerlichkeit in einer Zeit industrieller Umbrüche florierte. Sie war Teil des „Réveil“, jener europaweiten Erweckungsbewegung, die nach neuen, unmittelbaren Formen des Glaubens suchte.
Während in Zentren wie Manchester, Lyon oder Elberfeld die Schornsteine rauchten und die alte soziale Ordnung zerfiel, wuchs das Bedürfnis nach einer Frömmigkeit, die nicht durch starre kirchliche Ämter vermittelt wurde. Industrieller Kapitalismus und Erweckungsfrömmigkeit waren dabei keine Gegensätze, sondern sie befeuerten sich gegenseitig. Über die Handelswege, die Rohstoffe ins Tal brachten, reisten auch Briefe, Predigten und radikale Ideen.
Gemeindegründungen im „Geist der Erneuerung“
In Barmen und Elberfeld entstanden Missionsgesellschaften und Hilfsvereine – die Geburtsstunde einer modernen Zivilgesellschaft, getragen von bürgerlicher Initiative. In diesen Geist der Erneuerung fiel auch die Gründung neuer Gemeinden. Hier schließt sich der Kreis zu Maria Katharina Leckebusch und einem ihrer Briefpartner Johann Caspar Engels.
Der Großvater des Sozialisten Friedrich Engels war die treibende Kraft hinter der Gründung der Gemeinde Unterbarmen. Oft wird behauptet, solche Neugründungen seien aus rein praktischen Gründen geschehen, weil die Wege zur Kirche zu weit gewesen seien. Doch das hält einer Prüfung nicht stand: Die Straßen waren gut ausgebaut, der Austausch florierte.
Glaube als Triebkraft der Modernisierung
Was die Menschen antrieb, war nicht räumliche, sondern transzendentale Ferne. Die Bevölkerung wuchs massiv durch Zuzug aus dem Märkischen und Hessen. Die bestehenden Pfarrer waren schlicht überlastet. Man fühlte sich geistlich nicht mehr repräsentiert. So entstand 1822 die lutherische Gemeinde Unterbarmen – 8.000 Seelen, privat finanziert.
Die Geschichte der Maria Katharina Leckebusch zeigt, wie eine Bewegung, die eigentlich die Abkehr von der Welt predigte, zu einer Triebkraft der Modernisierung wurde. Der Rückzug ins Private, in die Stille der Krankenstube, wurde zum Motor eines öffentlichen Wandels. Die Sehnsucht nach Innerlichkeit traf auf eine Welt im Umbruch und schuf so die Fundamente für das heutige Leben in Wuppertal und darüber hinaus.
Text: Heiko Schnickmann
Redaktion: Sabine Damaschke
Foto: Spitzweg/Gemini Generated Image | Wikimedia Commons
Gemälde: Johann Caspar Engels | Wikimedia Commons
Grafik: Thomas Leiber
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