Der Mut zum Widerstand

Die Barmer Theologische Erklärung wird am Sonntag (31.05.) 92 Jahre alt. Was hat sie den Menschen heute noch zu sagen? Barbara Herfurth-Schlömer leitet die Ausstellung zum weltberühmten Bekenntnis und kennt verschiedene Reaktionen.

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Die Barmer Theologische Erklärung wird am Sonntag (31.05.) 92 Jahre alt. Was hat sie den Menschen heute noch zu sagen? Barbara Herfurth-Schlömer leitet die Ausstellung zum weltberühmten Bekenntnis und kennt verschiedene Reaktionen.

Die Barmer Theologische Erklärung der Bekennenden Kirche ist für uns heute weder leicht zu lesen noch zu verstehen. Wie gehen Sie in Ihren Führungen damit um?

Barbara Herfurth-Schlömer: Die Dauerausstellung „Gelebte Reformation – Die Barmer Theologische Erklärung“ macht die Geschichte und Wirkung dieses Bekenntnisses aus der NS-Zeit mit vielen Dokumenten, Fotos und Exponaten sowie multimedialen Installationen sehr anschaulich. Aber sie möchte eben auch einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart schlagen und zur Diskussion anregen. Dafür eignen sich die rund 80 Führungen, die ich im Jahr anbiete.

Es geht mir nicht nur darum, die Entstehung und Bedeutung des Bekenntnisses im Kirchenkampf zu erklären, sondern auch den Unterschied zwischen dem Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Kirche damals und heute deutlich zu machen. In jeder Führung frage ich danach, was heute anders ist und warum das Dokument für unsere Kirche heute noch wichtig ist.

Mit wem haben Sie bei den Führungen zu tun?

Herfurth-Schlömer: Es kommen Schulklassen, Studierende und Jugend- oder Gesprächs-, Tagungs- und Seniorengruppen aus NRW und darüber hinaus, aber auch viele internationale Gäste aus Afrika, Asien oder den USA. Viele haben einen kirchlichen Hintergrund.

Festgottesdienst zur Barmer Theologischen Erklärung

In einem Gedenkgottesdienst erinnert die evangelische Kirche in Wuppertal am Sonntag (31.05.) um 11 Uhr in der Gemarker Kirche (Zwinglistraße 5) an das weltberühmte Dokument der Bekennenden Kirche. In sechs Thesen hatten sich damals 138 Synodale aus 18 Landeskirchen gegen die falsche Theologie der so genannten „Deutschen Christen“ gerichtet und gegen die Vereinnahmung der evangelischen Kirche durch den NS-Staat. Die Predigt wird der Journalist und Publizist Arnd Henze halten. Die Liturgie gestaltet Pfarrer Frank Schulte, die musikalische Begleitung liegt in den Händen von Kreiskantor Jens-Peter Enk.


Mit welchen Erwartungen kommen die internationalen Besucher:innen?

Herfurth-Schlömer: Viele kennen die Barmer Theologische Erklärung als berühmtes Dokument, mit dem sich die Bekennende Kirche damals gegen die Vereinnahmung durch den NS-Staat gerichtet hat. Christ:innen aus asiatischen und afrikanischen Ländern wissen oft, was es bedeutet, wenn der Staat Kirchen unter Druck setzt oder sogar verfolgt. Das weltberühmte Bekenntnis ist für sie oft eine Ermutigung. Oft erlebe ich, dass diese Gäste emotional sehr ergriffen sind, am historischen Ort der Barmer Theologischen Erklärung in der Gemarker Kirche zu stehen.

Ausstellung zur Barmer Theologischen Erklärung in der Gemarker Kirche

Was interessiert Jugendliche in der Ausstellung?

Herfurth-Schlömer: Das sind meistens die persönlichen Geschichten der Menschen, die sich in der Bekennenden Kirche engagiert und zur Entstehung des Bekenntnisses beigetragen haben. Ihre klare Haltung und ihr Mut, sich mit einem totalitären Staat anzulegen, beeindruckt die Jugendlichen, mit denen ich dann oft ins Gespräch darüber komme, wofür und für wen wir uns denn heute einsetzen.

Die Kritik am Umgang der NS-Diktatur mit den Juden, die der bekannteste Theologe der Bekennenden Kirche, Dietrich Bonhoeffer, schon 1933 geäußert hat, fehlt in der Erklärung. Fällt das auf?

Herfurth-Schlömer: Ich spreche es immer an, dass eine siebte These fehlt, die die Solidarität der Kirche mit Juden und Jüdinnen, aber auch mit politischen Gegnern, die mit aller Härte verfolgt wurden, ausdrückt. Ein trauriges Bespiel für diese fehlende Solidarität ist das bergische Konzentrationslager Kemna, das schon vor der Bekenntnissynode in Wuppertal bestand.

Übrigens werde ich häufiger danach gefragt, warum Bonhoeffer nicht an der Synode teilgenommen hat. Darauf habe ich bis heute keine eindeutige Antwort. Es ist möglich, dass ihm der Weg von London nach Wuppertal zu weit war. Vielleicht war ihm die Synode aber auch nicht kritisch genug gegenüber dem NS-Regime. Jedenfalls glaube ich, dass er mit seiner strikten Haltung ordentlich für Zündstoff gesorgt hätte.

Wie bekannt ist die Barmer Erklärung heute noch in Wuppertal?

Herfurth-Schlömer: Schülergruppen frage ich oft, wofür Wuppertal weltberühmt ist. Den meisten fällt dann nur die Schwebebahn ein. Dass Christ:innen in aller Welt mit Wuppertal vor allem die Barmer Theologische Erklärung verbinden, erstaunt sie. Um das Bekenntnis und seine Geschichte auch unter jungen Menschen in der Nachbarschaft bekannter zu machen, haben wir 2021 eine Kooperation mit der Kirchlichen Hochschule geschlossen und Projekte mit Schulen gestartet. Für viele Jugendlichen war es spannend zu entdecken, dass in ihrer Stadt Widerstand gegen die Kirchenpolitik des NS-Staates geleistet wurde. Und sie haben dadurch erkannt, wie wichtig es auch heute noch ist, sich für Demokratie, Vielfalt und Frieden einzusetzen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.
Fotos: Tim Polick, Barbara Herfurth-Schlömer

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