Gedenkarbeit statt Erinnerungskultur

Die Journalistin Susanne Siegert zeigt, wie anders deutsche Erinnerungskultur sein kann: Digital, persönlich und lokal. Jetzt hat sie ihre neue Form der NS-Geschichtsvermittlung in Wuppertal vorgestellt.

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Die Journalistin Susanne Siegert zeigt, wie anders deutsche Erinnerungskultur sein kann: Digital, persönlich und lokal. Damit erreicht sie vor allem junge Menschen. Jetzt hat sie ihre neue Form der NS-Geschichtsvermittlung in der Gemarker Kirche vorgestellt.

Erinnerungskultur auf TikTok? Geht das? Die 33-jährige Journalistin Susanne Siegert zeigt seit knapp sechs Jahren, dass es geht. Auf den Social-Media-Kanälen Instagram und TikTok teilt sie ihre eigenen Recherchen und Gedanken zu den Verbrechen der NS-Zeit und erreicht damit täglich rund 300.000 Follower. Siegert gilt als eine der prägendsten Stimmen einer neuen, digitalen Erinnerungskultur.

Über ihre neue Form der Geschichtsvermittlung hat sie das Buch „Gedenken neu denken“ geschrieben, das sie jetzt in einer Lesung mit anschließender Diskussion in der gut besuchten Gemarker Kirche vorstellte.

Geschichte beginnt vor der eigenen Haustür

Siegerts Zugang zur NS-Geschichte ist persönlich geprägt. Erst 2020 stieß sie in ihrem Heimatort Mühldorf am Inn auf die Geschichte eines Außenlagers des Konzentrationslagers KZ Dachau. Kurz zuvor hatte sie noch Auschwitz-Birkenau besucht. Doch während dieser als Symbolort für die NS-Verbrechen im kollektiven Gedächtnis präsent ist, traf sie die Erkenntnis, dass sich ähnliche Geschichte auch direkt vor ihrer eigenen Haustür abgespielt hatte, besonders tief.

Diese Erfahrung wurde zum Ausgangspunkt für ihre intensive Auseinandersetzung mit der NS-Zeit – nicht nur historisch, sondern auch biografisch. Siegert begann, in ihrer eigenen Familiengeschichte zu recherchieren und ihre Erkenntnisse über soziale Medien zu teilen. Mit Erfolg: Ein Video, in dem sie erklärt, wie man im Bundesarchiv recherchieren kann, führte zu so vielen Anfragen, dass dort zeitweise sogar eine Cyberattacke vermutet wurde.

Recherche für alle – auch in Wuppertal

Auch in Wuppertal ermutigte Siegert das Publikum, selbst aktiv zu werden: lokal zu recherchieren, Familiengeschichten zu hinterfragen und Spuren der Vergangenheit im eigenen Umfeld zu suchen. In ihrem Vortrag griff sie die Geschichte des KZ Kemna auf. Bereits im April 2024 hatte sie ein Video dazu veröffentlicht. Vor der Lesung besuchte sie den Ort mit Projektleiterin Barbara Herfurth-Schlömer.

Barbara Herfurth-Schlömer hatte Susanne Siegert zur Lesung eingeladen.

Ihr Eindruck: Ähnlich wie in ihrem Heimatort erinnert heute auf den ersten Blick kaum noch etwas an das ehemalige Lager. Doch wer genauer hinschaut, kann Spuren entdecken – viele Informationen seien zudem frei zugänglich und online recherchierbar. „Geschichte wird besonders greifbar, wenn man etwa auf Häftlingskarten aus KZ Buchenwald oder in Wehrmachtsunterlagen plötzlich bekannte Namen oder Orte findet“, betonte Susanne Siegert.

Neue Perspektiven auf Erinnerungskultur

In ihrer Lesung formulierte Siegert zentrale Thesen für eine zeitgemäße Erinnerungskultur, die den Fokus nicht nur auf bekannte Orte der NS-Verbrechen legt, sondern verstärkt lokale Geschichte erforscht und die gesellschaftlichen Bedingungen untersucht, die eine Diktatur und die breite Beteiligung daran ermöglicht haben.

Auch beim Thema Widerstand warb sie für eine differenziertere Sicht: „Neben bekannten Namen wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg sollten auch lokale Initiativen, Hilfsaktionen und Formen des alltäglichen Widerstands stärker in den Blick rücken“, fordert Susanne Siegert.

Lebendige Diskussion: Die Lesung mit Susanne Siegert kam gut an.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist für sie der Umgang mit Überlebenden und ihren Nachfahren. Die Journalistin kritisierte die oft unausgesprochene Erwartung, diese müssten sich versöhnlich und „angenehm“ äußern. „Wir sollten auch ihre kritischen Stimmen zur Aufarbeitung und Wiedergutmachung zulassen und sie selbst zu Wort kommen lassen.“

Gegen bequeme Erzählungen

Susanne Siegert betonte mehrfach, dass sie möglichst viele Menschen zur Beschäftigung mit der NS-Geschichte motivieren möchte. Gerade durch die persönliche und lokale Perspektive werde deutlich, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht fern und abstrakt gewesen seien, sondern mitten in der Gesellschaft stattfanden.

Dabei räumte Siegert auch mit verbreiteten Mythen auf: Die Annahme von knapp 40 Prozent der Deutschen, ihre Vorfahren seien im Widerstand aktiv gewesen, sei historisch nicht haltbar. „Die Fakten zeigen ganz klar, dass breite Teile der Gesellschaft das System mitgetragen haben.“

Die Lesung in der Gemarker Kirche machte deutlich: Eine Erinnerungskultur, die wirkt, beginnt nicht nur in Gedenkstätten – sondern auch im eigenen Umfeld, in der eigenen Familie und im Alltag.

Gedenken neu denken

Das Buch von Susanne Siegert „Gedenken neu denken – Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss“ ist im Piper-Verlag erschienen und kostet 18 Euro.


Die Lesung war eine Kooperationsveranstaltung der Projekte „Gedenk- und Lernort Kemna“ und „Gelebte Reformation“ sowie des Jugendrings Wuppertal e.V. (im Rahmen der Reihe „Es lebe die Freiheit“ 2026), der Ev. Bildungsstätte Hackhauser Hof und der AG ev. Jugend in NRW.

Text: Barbara Herfurth-Schlömer/Sabine Damaschke
Fotos: Thorsten Levin

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