06.10.2026evangelisch wuppertal
Wuppertal neu gelesen
Der neue Sammelband "Wuppertal ErLesen" versammelt literarische Texte und historische Zeugnisse zur Stadt - darunter die Barmer Theologische Erklärung und den Kemna-Bericht. Historiker Klaus Goebel spricht über das neue Buch und Wuppertals Geschichte.

Der neue Sammelband „Wuppertal ErLesen“ versammelt literarische Texte und historische Zeugnisse zur Stadt – darunter die Barmer Theologische Erklärung und den Kemna-Bericht. Historiker Klaus Goebel spricht über das neue Buch und Wuppertals Geschichte.
„Wuppertal ErLesen“ wirkt fast wie eine Collage: Johannes Rau steht neben der Barmer Theologischen Erklärung, dem Kemna-Bericht, Else Lasker-Schüler, Goethe, Pina Bausch und sogar einem Text mit dem Titel „Ich mag Wuppertal nicht“. Was für ein Bild der Stadt entsteht aus dieser Mischung?
Klaus Goebel: Je tiefer und ausdauernder man in die Wuppertaler Geschichte eintaucht, um so spannender und auch aktueller entfalten sich manche Bilder. Da gibt es Texte, die sich anhören, als seien sie für die ganze Welt bestimmt wie die Rede von Johannes Rau über „Versöhnen, nicht spalten“. Blicken wir auf die Nazizeit, so gab es hier 1933 eines der ersten deutschen Konzentrationslager in der Kemna. Aber in Wuppertal tagte auch die Bekennende Kirche, die ihre Barmer Erklärung 1934 gegen die „Deutschen Christen“ richtete, diese eher unheimlich wirkende Bewegung eines christlich verbrämten Nationalismus. Und dann liefert uns der Schriftsteller Karl Otto Mühl noch ein weiteres Bild, wenn er behauptet, der Wuppertaler wirke zufrieden und unaufdringlich, sei aber eines beim besten Willen nicht: ein Großstädter.
Sie haben für den Sammelband einen Aufsatz über Johannes Rau und seine Privatbibliothek unter dem Titel „Wenn ich meine Regale nicht hätte“ geschrieben. Was erzählen seine Bücher über den Menschen Johannes Rau?
Klaus Goebel: In seine erste Bibliothek hat mich Johannes Rau eingeführt, als er 21 Jahre alt war und geprüfter Verlagsbuchhändler. Ich bin damals noch ein 18-jähriger Schüler gewesen. Er besaß einige hundert Bücher, überschaubar, viel Theologie, Kirchengeschichte. Später waren es 16.000 Bücher. Viele, vielleicht die meisten, hatte er geschenkt bekommen, mit oft einzigartigen Widmungen. Man kann sich in der öffentlich aufgestellten Bibliothek auf dem Uni-Campus umschauen.
Europa erlesen: Wuppertal
Mit dem neuen Band „Europa erlesen – Wuppertal“ widmet der Wieser Verlag der bergischen Stadt einen Band seiner traditionsreichen Reihe“ Europa erlesen“. Der neue Band nähert sich der Stadt durch literarische Texte, Beobachtungen und Geschichten und lädt dazu ein, Wuppertal neu zu entdecken.
„Wuppertal Erlesen“, herausgegeben von Matthias Buth
Wieser Verlag, Klagenfurt/Wien/Ljubljana/Berlin
ab 7. Oktober 2026
Preis: 14,95 Euro
Das letzte Buch, das Johannes Rau auf dem Sterbebett las, knüpfte an die Anfänge seines Lesens an: eine gerade, Ende 2005 erschienene Biographie von Dietrich Bonhoeffer, des Theologen der Bekennenden Kirche.
Auch das KZ Kemna gehört zur Geschichte Wuppertals. Welche Bedeutung haben solche Erinnerungsorte für das Verständnis einer Stadtgeschichte?
Klaus Goebel: Die Grausamkeiten im KZ Kemna verbreiteten sich 1933 so rasch in der Stadt, dass der Standort Kemna von den Nazis aufgegeben wurde. Ich hoffe auf eine baldige Eröffnung der geplanten Ausstellungs- und Gedenkstätte. Wir brauchen solche Erinnerungsorte, die erzählen und warnen. An ihnen entfaltet sich Vergangenheit noch einmal vor unseren Augen. Hier ist sie wirklich Geschichte, hoffentlich auch eine „magna magistra“, eine große Lehrmeisterin.
Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Wuppertals Geschichte. Wenn Sie die vielen Texte dieses Bandes betrachten: Entdecken Sie darin ein Wuppertal wieder, das Sie selbst kennen – oder begegnet Ihnen die Stadt darin manchmal auch neu?
Klaus Goebel: Niemand erkennt und begreift die Fülle des historischen Geschehens auch nur annähernd. Ich selbst bin auf einer Entdeckungsreise, die kein Ende nimmt und muss ehrlicherweise bekennen, auch viel zu vergessen. „Gegen das Vergessen“ zu sein, ist darum eine mutige Parole. Das neue Buch ist hilfreich, dagegen anzugehen. Manchen der interessanten, oft zugespitzten Texte möchte man wieder von vorn beginnen, kaum, dass man sie ausgelesen hat. Lässt sich Besseres über ein Buch sagen? Und gleich möchte man ein neues Buch planen. Denn es fehlt hier so viel aus der Wuppertaler Geschichte, das zu lesen sich auch lohnen würde. Übrigens: Der Autor, der laut Überschrift vorgibt, Wuppertal nicht zu mögen, ist am Ende voller Lob über die Stadt.
Das Gespräch führte Sabine Damaschke.
Zur Person
Klaus Goebel wurde am 24. April 1934 in Barmen geboren. Nach dem Abitur 1954 arbeitete er zunächst als Volksschullehrer und studierte und promovierte nebenberuflich an der Universität Bonn im Fach Geschichte. Nach seiner Habilitation wurde er 1980 Professor an der Universität Dortmund, von 1990 bis 1996 war er Geschäftsführender Direktor des Historischen Instituts. 1999 wurde er emeritiert. Klaus Goebel wohnt in Wuppertal. Er ist seit 1966 verheiratet und hat vier Kinder. Sein wissenschaftliches Werk umfasst 42 Bücher als Autor und Herausgeber sowie rund 360 wissenschaftliche Beiträge. Hinzu kommen zahlreiche Rezensionen und Presseartikel.
Foto: KK Archiv
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