Jüdische Geschichte sichtbar machen

Ulrike Schrader hat die Begegnungsstätte Alte Synagoge 32 Jahre lang geprägt. Nun übernimmt Judith Brinkmann-Michalczyk die Leitung. Im Interview sprechen beide über neue Formen der Erinnerungskultur und Antisemitismus.

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Judith Brinkmann-Michalczyk und Ulrike Schrader mit einem Modell der Elberfelder Synagoge

Dr. Ulrike Schrader hat die Begegnungsstätte Alte Synagoge 32 Jahre lang geprägt. Nun übernimmt Judith Brinkmann-Michalczyk die Leitung. Im Interview sprechen beide über Erinnerungskultur, neue Formen der Vermittlung und den Kampf gegen Antisemitismus.

Frau Schrader, 32 Jahre haben Sie die Begegnungsstätte geprägt. Wie fühlt es sich an, jetzt den Staffelstab zu übergeben?

Ulrike Schrader: Ich freue mich, dass ich die Arbeit der Begegnungsstätte in die Hände einer Nachfolgerin geben kann, die viele gute Ideen für die Weiterentwicklung unseres Hauses mitbringt. Für einen guten Übergang haben wir hier einen Monat gemeinsam die Begegnungsstätte geleitet. Dabei ist mir noch mal klar geworden, wie umfangreich unsere Aufgaben sind. Dazu gehört die Bildungsarbeit mit Schulen, die Fortbildung von Lehrkräften, die Forschung, die Pflege unserer Bibliothek und des Archivs. Wir haben eine schöne Ausstellung, die wir ständig aktualisieren, bieten Führungen und regelmäßig auch Vorträge und Veranstaltungen an.

Was hat sich in der Erinnerungskultur und in der Vermittlung jüdischer Geschichte in den 32 Jahren Ihrer Tätigkeit am stärksten verändert?

Ulrike Schrader: Wir haben den Begriff der Erinnerungskultur von Beginn an weit gefasst – und damit zu einer Veränderung beigetragen. Jüdische Geschichte wird heute überwiegend nicht mehr als reine Opfergeschichte gesehen.

Wir konzentrieren uns hier nicht nur auf zwölf Jahre nationalsozialistischer Judenverfolgung, sondern präsentieren jüdische Geschichte in Wuppertal von den Anfängen bis heute.

Genau das war uns immer ein großes Anliegen: Wir konzentrieren uns hier nicht nur auf zwölf Jahre nationalsozialistischer Judenverfolgung, sondern präsentieren jüdische Geschichte in Wuppertal von den Anfängen bis heute. In vielen jüdischen Museen ist das inzwischen ähnlich, in Gedenkstätten weniger. Auch in den Schulgeschichtsbüchern fehlen immer noch Hinweise, was Jüdinnen und Juden alles unternommen haben, um eben nicht in der Opferrolle zu sein.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Ulrike Schrader: In unserer Ausstellung zeigen wir anhand vieler Biografien, dass Jüdinnen und Juden sich als Teil der deutschen Gesellschaft verstanden und dafür auch selbstbewusst gestritten haben. Ein gutes Beispiel ist der 1893 gegründete Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Wir haben hier eine Broschüre des Vereins ausgestellt, die zeigt, wie leistungsstark und integrationswillig Jüdinnen und Juden sind. Dieser Verein hat sich auch in die Wahlkämpfe der Weimarer Republik eingemischt und 1932 erfolgreich Prozesse gegen antisemitische Schläger geführt.

Gerade heute brauchen wir diesen Ort, um mit einer faktenbasierten Gegenerzählung dem zunehmenden Antisemitismus etwas entgegenzusetzen.

Frau Brinkmann-Michalczyk, was möchten Sie aus der bisherigen Arbeit unbedingt bewahren – und wo wollen Sie neue Akzente setzen?

Judith Brinkmann-Michalczyk: Es ist der Begegnungsstätte sehr gut gelungen, die Vielfalt und Heterogenität des jüdischen Lebens mit dem Fokus auf die regionale Geschichte zu vermitteln. Daran möchte ich in der Bildungs- und Forschungsarbeit anknüpfen. Gerade heute brauchen wir diesen Ort, um mit einer faktenbasierten Gegenerzählung dem zunehmenden Antisemitismus etwas entgegenzusetzen und gemeinsam Haltung zu zeigen.

Judith Brinkmann-Michalczyk möchte mehr junge Menschen in Wuppertal erreichen.

Und ich möchte mehr junge Menschen mit der Entwicklung neuer Formate erreichen. Jugendliche sind heute mit all dem, was ihnen auf Social Media an Vorurteilen, Hass, Halb- und Unwissen begegnet, alleine gelassen. Da haben wir als Begegnungsstätte einen ganz klaren Auftrag, in den Dialog zu gehen und unserem Namen gerecht zu werden.

Was stellen Sie sich unter neuen Formaten vor?

Judith Brinkmann-Michalczyk: Digitale oder kreative Angebote wie Theater, Film, Musik oder Kunst eröffnen neue Wege, historisch-politische Themen zu vermitteln. Damit können junge Menschen in unserer Stadt auf andere Weise erreicht und zur eigenen Auseinandersetzung mit den Themen und zur Beteiligung angeregt werden.

Ich sehe die Kirchen als wichtigen Partner, wenn es darum geht, eine klare Haltung gegen Antisemitismus einzunehmen.

Mit Storytelling können wie unsere bestehende Ausstellung in den digitalen Raum erweitern – immer mit dem Ziel, Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, eigene Perspektiven einzubringen.

Was wünschen Sie sich von den Kirchengemeinden für die zukünftige Zusammenarbeit mit der Alten Synagoge?

Judith Brinkmann-Michalczyk: Ich sehe die Kirchen als wichtigen Partner, wenn es darum geht, gemeinsam für Demokratie und Vielfalt einzustehen und eine klare Haltung gegen Antisemitismus einzunehmen. Ich wünsche mir, dass wir aus den Kirchengemeinden noch mehr Besucher:innen in unserer Begegnungsstätte begrüßen können. Vor allem in der Konfirmandenarbeit kann ich mir eine engere Zusammenarbeit sehr gut vorstellen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Die beiden Leiterinnen

Dr. Ulrike Schrader verabschiedet sich nach 32 Jahren als Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal ab Oktober in den Ruhestand. Sie hat den Kirchenkreis Wuppertal in Fragen der Erinnerungskultur – etwa bei der Ausstellung zur Barmer Theologischen Erklärung und der Entwicklung des Gedenk- und Lernortes Kemna – beraten. In den letzten Jahren war sie Mitglied der Synode der evangelischen Kirche in Wuppertal. Für ihr Engagement dankt ihr der Kirchenkreis ganz herzlich.

Die neue Leiterin Judith Brinkmann-Michalczyk hat in den letzten sechs Jahren die Kulturinstitution „u-zwei“ im Dortmunder U verantwortet. Die 35-jährige Historikerin und Kunsthistorikerin hat in Bochum studiert und sich im Studium wie auch am Institut für Diaspora- und Genozidforschung ausführlich mit jüdischer Geschichte beschäftigt.

Fotos: Sabine Damaschke

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