10.08.2026evangelisch wuppertal
Vom Wert der Arbeit
Arbeit prägt unseren Alltag, unser Selbstbild und unsere Gesellschaft. Doch warum arbeiten wir eigentlich? Beim Denk.Raum.Wiki am 13. August geht Stadthistoriker Heiko Schnickmann diesen Fragen nach.

Arbeit prägt unseren Alltag, unser Selbstbild und unsere Gesellschaft. Doch warum arbeiten wir eigentlich – und was zählt überhaupt als Arbeit? Beim Denk.Raum.Wiki am 13. August geht Stadthistoriker Heiko Schnickmann diesen Fragen gemeinsam mit den Teilnehmenden nach.
Der Titel des Abends lautet „Warum Arbeit?“. Wieso lohnt es sich, ausgerechnet diese scheinbar selbstverständliche Frage zu stellen?
Heiko Schnickmann: Weil wir Arbeit meist gar nicht hinterfragen. Für viele Menschen ist sie der erste Anknüpfungspunkt, wenn sie jemand Neues kennenlernen: „Was machen Sie beruflich?“ Bei mir wird diese Frage übrigens schnell kompliziert: Als Historiker verdient man nichts – das ist mein Beruf im eigentlichen Sinn. Wovon ich tatsächlich lebe, ist etwas anderes.
In der Antike galt Arbeit als Last, in der Reformation wird aus ihr ein Beruf, in der Industrialisierung ein Bestandteil unserer Identität.
Genau das zeigt schon: Unser Verständnis von Arbeit ist keineswegs selbstverständlich. Es hat sich über Jahrhunderte entwickelt und hätte auch ganz anders aussehen können. Mich interessiert, wie sehr Arbeit unser Leben bestimmt – und ob das eigentlich so sein muss.
Sie werfen im Denk.Raum.Wiki auch einen Blick in die Geschichte. Wie hat sich unser Verständnis von Arbeit verändert?
Schnickmann: In der Antike galt körperliche Arbeit eher als Last, die man möglichst anderen überließ – etwas, das man sich vom Hals hielt, wenn man es sich leisten konnte. Mit der Reformation verändert sich der Blick: Aus Arbeit wird Beruf, also etwas, das auch mit Berufung verbunden sein kann. Die Industrialisierung schließlich macht Arbeit zu einem zentralen Bestandteil unserer Identität. Heute definieren sich viele Menschen über ihren Beruf – das ist historisch betrachtet keineswegs selbstverständlich.
Die Bibel erzählt einerseits von der Mühsal der Arbeit, andererseits auch davon, dass Menschen einen Auftrag erhalten, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Welche Impulse kann dieser biblische Blick heute noch für unsere Diskussion über Arbeit geben?
Schnickmann: Ich finde spannend, dass die Bibel kein eindimensionales Bild zeichnet. Im Schöpfungsbericht ist Arbeit zunächst Auftrag – die Erde zu bebauen und zu bewahren -, nach dem Sündenfall wird sie zur Mühsal, zur Strafe. Bemerkenswert ist: Genau diese antike Vorstellung, Arbeit als Last, von der man sich am liebsten freikaufen würde, ist bis heute lebendig.
Genau diese Spannung zwischen Arbeit als Last und Arbeit als Sinn lohnt es sich gemeinsam zu diskutieren.
Mein Lieblingsbeispiel ist der ALDI-Gründer, der, kaum hatte er es geschafft, nur noch ein- bis zweimal die Woche ins Büro kam und den Rest der Zeit auf dem Golfplatz verbracht haben soll. Auch die Sehnsucht nach der Rente gehört hierher: Leben ohne Arbeit gilt vielen bis heute als Ideal. Gerade im protestantischen Milieu, zu dem auch Wuppertal zählt, sah man das lange anders: Arbeit als Berufung, als Erfüllung. Genau diese Spannung zwischen Arbeit als Last und Arbeit als Sinn lohnt es sich gemeinsam zu diskutieren.
Eine Zeit lang haben wir in unserer Gesellschaft viel über das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert. Wäre es nicht sinnvoll, dies angesichts der fortschreitenden Entwicklung von KI wieder aufzugreifen?
Schnickmann: Kann gut sein, dass die Debatte zurückkommt, gerade wenn KI immer mehr Aufgaben übernimmt. Die eigentliche Frage liegt für mich aber tiefer: Was passiert mit uns, wenn Arbeit nicht mehr der Ort ist, an dem wir Status, Struktur und Identität herstellen?
Ein Grundeinkommen könnte uns zwingen, neu zu verhandeln, was Arbeit für uns bedeutet.
Die Sehnsucht nach einem Leben ohne Arbeit ist alt, wie wir gerade besprochen haben – ob wir aber tatsächlich gut damit umgehen können, ist eine ganz andere Frage. Ein Grundeinkommen könnte uns zwingen, neu zu verhandeln, was Arbeit für uns bedeutet, wenn sie nicht mehr über den Broterwerb entscheidet. Genau darüber möchte ich beim Denk.Raum.Wiki mit den Teilnehmenden sprechen.
Das Gespräch führte Sabine Damaschke.
Denk.Raum.Wiki
Thema: Warum Arbeit?
Ort: Stadtteilzentrum Wiki, Westkotter Straße 198
Zeit: Donnerstag, 13.08., 18.30 Uhr
Der Denk.Raum.Wiki ist ein offenes Gesprächsformat im Stadtteilzentrum Wiki in Wuppertal-Wichlinghausen. Etwa einmal im Monat lädt Stadthistoriker Heiko Schnickmann dazu ein, gemeinsam über Fragen nachzudenken, die viele Menschen bewegen. Nach einem kurzen Impuls steht nicht ein Vortrag im Mittelpunkt, sondern das Gespräch der Teilnehmenden. Vorkenntnisse oder eine Anmeldung sind nicht erforderlich. Bisher ging es unter anderem um Medien, künstliche Intelligenz, die USA und die Deutsche Bahn.
Foto: Heinrich Schnickmann
Weiter mit:
Kommentare
Neuen Kommentar verfassen