18.09.2026evangelisch wuppertal
„Die Zelle ist kein Zuhause“
Mit einem Wettbewerb zum Thema "Zuhause" endete der Kultursommer, den Gefängnisseelsorger Stefan Richert mit Ehrenamtlichen in der JVA Vohwinkel organisiert hatte. Für die Inhaftierten war es ein Lichtblick in ihrem Alltag hinter Gittern.

Mit einem Wettbewerb zum Thema „Zuhause“ endete der Kultursommer, den Gefängnisseelsorger Stefan Richert mit Ehrenamtlichen in der JVA Wuppertal-Vohwinkel organisiert hatte. Für die inhaftierten Männer war es ein Lichtblick in ihrem Alltag hinter Gittern.
Ein Zuhause, das ist nicht die Zelle. Es sind Orte und Familie: die Erdbeerzeit bei der Oma, der Geruch nach frisch gewaschener Wäsche, die eigenen vier Wände, die Kinder. Die inhaftierten Männer in der Justizvollzugsanstalt Vohwinkel verbinden viel mit dem Begriff „Zuhause“ – vor allem Sehnsucht nach einer Zeit, in der sie sich geborgen und frei fühlten.
In Geschichten und Gedichten, Bildern, Skulpturen und Liedern haben sie ihre Vorstellung von einem „Zuhause“ ausgedrückt und zum Abschluss des Kultursommers der ökumenischen Gefängnisseelsorge in der Kirche der Justizvollzugsanstalt präsentiert. Nach Veranstaltungen mit Rapp, Folk und Hillybilly, einem Zauberkünstler und einer Märchenerzählerin im Juli und August bildete der Wettbewerb jetzt den kreativen Schlusspunkt der Kulturreihe.
Zuhause in Geschichten, Bildern, Liedern
63 Männer hatten sich am Wettbewerb beteiligt. Eine vierköpfige Jury aus Ehrenamtlichen der Gefängnisseelsorge wählte die Sieger aus. Dazu gehörte in der Kategorie Geschichte die Erzählung eines Inhaftierten über die innere Heimat, die er während der Therapie in der JVA für sich gefunden hatte. „Ich wollte die Chance nutzen, hier von den Drogen loszukommen und habe dabei entdeckt, dass mein Zuhause in mir, zwischen meinem Kopf und Herz liegt“, sagte er.

Die ehrenamtliche Jury des Wettbewerbs präsentiert die Bildbeiträge der Teilnehmer (v.l.): Anette Bösel-Fuchs, Ronja und Kirsten van Tellingen, Bine Müller
Die Zeichnung eines Mannes, der eine Kette mit Kreuz in der Hand hält und den Betrachter nachdenklich anblickt, erreichte Platz 1 in der Kategorie Bild. Und ein selbst gedichtetes polnisches Lied über die Familie in der Heimat siegte in der dritten Kategorie Live-Performance. Für die ersten drei Plätze gab es jeweils Preisgelder in Höhe von 100, 75 und 50 Euro. Einen Teil des Geldes wollen die Männer an das Kinderhospiz Burgholz spenden.
Eintauchen in eine andere Welt
„Viele sind dankbar für die Abwechslung und Freude, die wir in ihren Alltag gebracht haben, denn gerade im Sommer, wenn sich das Leben vieler Menschen draußen abspielt, ist es für Inhaftierte schwer, hinter Gittern zu sein“, erklärte Stefan Richert. Der evangelische Gefängnisseelsorger hat schon zum zweiten Mal mit einem Teil der rund 40 Ehrenamtlichen in der JVA den Kultursommer organisiert.
Bei jedem Angebot des Kultursommers sei die Kirche der JVA mit ihren rund 50 Plätzen voll gewesen, berichtete er. „Für jeweils zwei Stunden konnten die Gefangenen in eine andere Welt eintauchen und erleben, dass Kultur Spaß macht – und auch für ein Leben nach dem Knast eine gute Perspektive ist.“
Rund 280 inhaftierte Männer ab 20 Jahren leben derzeit in der JVA Wuppertal-Vohwinkel. Bis maximal fünf Jahre sind sie in Untersuchungs- und Kurzzeitstrafhaft. Daher gibt es für sie keine Möglichkeit, Schulabschlüsse nachzuholen oder eine Ausbildung zu absolvieren. Die Plätze in den Werkbetrieben sind begrenzt.
Kultur als Beitrag zur Resozialisierung

Der Kultursommer (hier mit Rapper KEGE) brachte Abwechslung in den Gefängnisalltag.
„Viele Männer verbringen den größten Teil ihres Alltags auf der Zelle. Sie leiden unter der Einsamkeit und wünschen sich Abwechslung“, beobachtet die Ehrenamtliche Anette Bösel-Fuchs. Sie besucht regelmäßig Inhaftierte, die sonst keinen Besuch bekommen und sich einen Austausch mit anderen Menschen jenseits des Gefängnisses wünschen.
Andere Ehrenamtliche engagieren sich in Gesprächs-, Musik – und Spielgruppen für inhaftierte Männer. Bine Müller backt alle 14 Tage Waffeln für das Begegnungscafé. In den vier Jahren, in denen sie sich in der Gefängnisseelsorge engagiert, hat sie etwa 20 inhaftierte Männer begleitet. „Wir sehen sie als Menschen, nicht nur als Straftäter, hören zu und machen Mut, dass Veränderung möglich ist.“ Zu einigen Männern hat sie auch nach der Haftentlassung noch Kontakt und unterstützt sie dabei, sich das ersehnte Leben mit Familie und Job aufzubauen.
„Alle Ehrenamtlichen leisten einen wichtigen Beitrag zur Resozialisierung“, betonte Gefängnisseelsorger Stefan Richert. „Denn sie vermitteln den Inhaftierten eine neue Lebensperspektive.“ Laut Richert setzen sich viele Gefangene damit auseinander, wie sie ihr Leben nach dem Knast anders und besser gestalten können – damit sie eines Tages ein echtes Zuhause finden. Denn, so dichtete ein Inhaftierter mit Humor, „die Zelle ist kein Zuhause, aber vielleicht dachte Gott, ich brauche mal eine Pause.“
Text: Sabine Damaschke
Fotos: JVA Wuppertal-Vohwinkel
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