„Landser“-Autoren Eick, Henkels, Müller-Marein, Nannen

Ein großartiges Kompendium über das deutsch-jüdische Geistesleben von Weimar bis Bonn

Das passiert selten, dass man ohne Einschränkung oder Rotstift aus einem Klappentext zitieren kann: „Die Geschichte der deutschsprachigen Publizistik war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Abenteuergeschichte mit vielen Geheimnissen. Sie wird in diesem Buch aus der Perspektive von ‚Medienlegenden‘ erzählt, die in Memoiren ihr Leben in jener Zeit beschrieben haben. Viele von ihnen hatten jüdische Wurzeln; schon bald nach Hitlers Machtergreifung mussten sie emigrieren.“ Publizistinnen und Publizisten mit „Arier-Nachweis“ konnten hingegen weiter veröffentlichen. „Ihre Bekenntnisse und Geständnisse führen zu Erkenntnissen über die Themen ‚Schuld‘ und ‚Vergessen’“.

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Intensiv „beim Wort genommen“ werden in dieser Studie insgesamt 36 deutsche Medienlegenden, darunter Hans Habe, Alfred Kerr, Curt Riess, Hilde Spiel, Georg Stefan Troller und Theodor Wolff – alle mit jüdischen Wurzeln. Zu den Deutschen, die Diener des Systems gewesen waren und nach dem Krieg, als sie (weiter) zur Medienprominenz gehörten, wenig selbstkritisch oder sogar lügnerisch mit ihrer Vergangenheit umgingen, zählt der Autor Margret Boveri, Walter Henkels, Karl Korn, Henri Nannen, Elisabeth Noelle (spätere Noelle-Neumann), Fritz Sänger und Friedrich Sieburg. Lauter Namen, die man kennt, und einige, bei denen man froh ist, dass man sie kennenlernt.

Ja, es war eine blühende Zeit, für die wie kaum ein anderer Stefan Zweig steht, der sie „das goldene Zeitalter der Sicherheit“ nennt (S. 9). Er bastelt mit Maxim Gorki an dem Gebilde, das in den 1980er- und 1990er-Jahren das „Haus Europa“ genannt werden wird, bevor er sich am 22. Februar 1942 gemeinsam mit seiner Frau das Leben nimmt.

Es ist vor allem die „zweite Schuld“, die Verdrängung und Verleugnung der ersten, mit der Geistesgrößen, die reichlich braunen Dreck am Stecken hatten, in der neuen Bundesrepublik reüssierten. Es sind rund einhundert Autobiographien, auf die sich Weischenberg stützt und noch einmal das Mehrfache an Sekundärliteratur, die er ebenfalls ausbreitet.

Wäre manchmal weniger mehr? Sei’s drum. Sein Kompendium „Schuld und Geheimnis“ verdient höchste Anerkennung, auch wenn eine Rezension in der FAZ, die ihrerseits oft genug genannt werden muss, „unverhältnismäßige Israelkritik“ glaubte einfordern zu müssen. Wir erwähnen hier nur Friedrich Sieburg und Karl Korn.

Oder Jürgen Eick, der wie Walter Henkels, Josef Müller-Marein und Henri Nannen … „Landser“-Hefte geschrieben hat, mit denen die Jugend der Adenauer-Zeit mit dem immerzu „notwendigen“ Kampf gegen Russen und Bolschewismus vertraut gemacht werden sollte: „Panzer stoßen zum Meer“, „Panzerspähtrupp überfällig“ und „Störungsfeuer von M 17“ hießen die Titel (S. 567/568).

Weischenberg kennt sie alle, auch einen Fritz Sänger, mit dem der große Enthüllungsjournalist Otto Köhler in den zu Ende gehenden 1980er-Jahren glaubte „einen Helden für mein Buch“ gefunden zu haben, nämlich als Kontrast zu den Höfer, Mehnert, Studnitz und Wirsing, und zwar ebenjenen Fritz Sänger, der federführend bei der Entwicklung des Godesberger Programms der SPD werden sollte. Sänger hatte mitnichten im Dritten Reich Berufsverbot, sondern schrieb bis zum bitteren Ende, ein von Goebbels „akkreditiertes Mitglied der Reichspressekonferenz“, Durchhalteartikel für das „Neue Wiener Tageblatt“ (S. 360).

Und auch eine große Journalistin und Historikerin wie Margret Boveri gerät ins Fadenkreuz Weischenbergs. Begierig nahm sie das Wort von der Inneren Emigration auf, das – eigenes Thema – Theodor Heuss in die Welt setzte. Sie gehörte zu den Autoren der Zeitschrift „Das Reich“ und schrieb ein Buch mit dem schillernden Titel „Wir lügen alle“.

Nein, nicht „alle“ haben gelogen, die Konzentrationslager übersehen und – zumindest im Nachhinein – bei einem mörderischen Antikommunismus mitgemacht, der einem immer noch beim Lesen der … hm hm hm … FAZ entgegenschlägt.                                                            MATTHIAS DOHMEN

 

Siegfried Weischenberg, Schuld und Geheimnis, Köln: Herbert von Halem 2026. ISBN 978-3-86962-747-2 (Print, auch als PDF oder ePub erhältlich), 711 S., 76,00 Euro.

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