04.06.2026Matthias Dohmen
Bethel: Euthanasie ohne Fragezeichen
Lektionen, die nicht gelernt werden, sind die schlimmsten. Und es wird nicht besser und erträglicher, wenn die Institution, um die es geht, Bethel heißt. Auf S. 11 des hier anzuzeigenden Buches heißt es wörtlich, das Fragezeichen im Titel sei einem möglicherweise „drohenden Rechtsstreit geschuldet und nicht unseren Forschungsergebnissen“. Die renommierte evangelische Einrichtung hatte nämlich eine Veröffentlichung der Autorin Barbara Degen zum Anlass einer Stellungnahme genommen, in der mehr oder weniger pauschal abgestritten wird, dass im Kinderkrankenhaus Sonnenschein Euthanasie auf der Tagesordnung stand. Diese Erklärung von 2014 steht heute noch im Internet: https://www.bethel.de/ueber-bethel/geschichte/bethel-im-nationalsozialismus/stellungnahme-zu-barbara-degen. Konkret bezog sie sich auf das Buch „Bethel in der NS-Zeit. Die verschwiegene Geschichte“, die im Bad Homburger Verlag für Akademische Schriften erschienen ist.

Das Buch „Ermordet in Bethel?“, eigentlich also „Ermordet in Bethel“, beinhaltet Beiträge von Margret Hamm und von Barbara Degen über Säuglings- und Kinder-„Euthanasie“ in Bethel, von Marion Keßler über Säuglings- und Kindersterblichkeit in der NS-Zeit generell und von Claus Melter über den Mord an jüdischen Säuglingen sowie Neugeborenen von Sinti und Roma und von Zwangsarbeiterinnen in Bethel.
Diese Mordaktionen waren der Scheitelpunkt einer Entwicklung, die schon vorher einsetzte, wie man Melters Chronologie der Eugenik von 1919 bis 1949 entnehmen kann (S. 189-192). Hamm, Geschäftsführerin des Bundes der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten, stellt ihren Verband vor, resümiert die Forschungslage und polemisiert gegen die „Ignoranz, Überheblichkeit, Diffamierung und Abqualifizierung“ der Forschenden durch die Institution Bethel als renommierte evangelische Einrichtung. Dass auf die katholische Kirche Vergleichbares zutreffe, streift sie am Rande.
Keßler stellt in einer Dokumenten- und Faktorenanalyse fest, dass bis Ende 1943 ausschließlich „eugenische“ Einflüsse für die erhöhte Säuglingssterblichkeit in Bethel bedeutsam waren. Degen beleuchtet detailliert Hirnforschung und tödliche medizinische Experimente an Säuglingen und Kindern.
Viele Akten sind in der Nachkriegszeit vernichtet worden oder sind unauffindbar. Und: Mit ihren eigenen großen Namen geht die Bethel-Stiftung sehr zurückhaltend um. Die Tatsachen, die bekannt sind, sprechen leider Bände wie die dokumentierte Aufforderung Friedrich von Bodelschwinghs an seine Theologen, 1938 den Treueeid auf Adolf Hitler abzulegen. Dem Folge geleistet wurde.
Degen legt den Finger in die Wunde, indem sie auf die legendäre Bibelstelle Römer 13,1 f. verweist, wo es wörtlich heißt: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet.“ Und: „Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.“
Ganz bitter: Auch nach 1945 wurde in deutschen Heil- und Pflegeeinrichtungen noch „wilde Euthanasie“ betrieben, die Tötung von Säuglingen und Kindern „durch Unterversorgung, falsche Medikation und durch die Verabreichung des Beruhigungsmittels Luminal“, zitiert Degen den Wissenschaftler Karsten Wilke.
Die Belege für das inhumane Verhalten der Bethelschen Heilanstalten, ihrer Chefs und Ideologen sind Legion. Es ist niederschmetternd, dass 80 Jahre nach der Niederringung des Faschismus eine offizielle oder offiziöse Aufarbeitung seitens der EKD nicht stattfindet und immerzu nur das „zugegeben“ wird, was schwarz auf weiß dokumentiert ist.
MATTHIAS DOHMEN
Barbara Degen/Marion Keßler/Claus Melter (Hrsg.), Ermordet in Bethel? Neue Forschungen zu Säuglingssterblichkeit und Hirnforschung in der NS-Zeit, Weinheim Beltz/Juventa 2024. ISBN 978-3-7799-8926-4, 254 S., 40,00 Euro.
Weiter mit:
Kommentare
Neuen Kommentar verfassen