25.02.2026b.sander1@t-online.de
Rechter Bürgermeister in Haft – Hoffnung für die Linken
Bernhard Sander
Im Fußball derzeit nur auf Platz 4 der zweiten Liga, wirtschaftlich immernoch im Strukturwandel, geschüttelt von einem Skandal der lokalen Würdenträger – so nähert sich unsere Partnerstadt den Kommunalwahlen am 15. und 22. März. 173000 Menschen vergeben 59 Sitze im Stadtrat und den Bürgermeister-Sessel.
Betrachtet man das letzte Jahrzehnt, so hat sich die Beschäftigungslage in Saint-Étienne verbessert: Die Arbeitslosenquote lag 2015 bei 10,7 %, 2020 bei 9,2 %, 2022 bei 7,6 % und 2025 bei 8,5 %. Die Arbeitslosenquote in der Region Auvergne-Rhône-Alpes zeigt denselben Trend: 9 % im Jahr 2015, 7,9 % im Jahr 2020, 6,2 % im Jahr 2022 und 6,6 % im Jahr 2025. In diesem Zeitraum bleibt die Arbeitslosigkeit in der Stadt auf den sieben Hügeln aber strukturell höher als in der Region: Der Unterschied beträgt durchschnittlich 2 Prozentpunkte.
Die letzte bekannte Umfrage vom September letzten Jahres sah das Bündnis von Kommunisten, Sozialdemokraten und Grünen mit 31% vorn (deutlich weniger als noch im Juli). Die bisher mit absoluter Mehrheit im Stadtrat agierende bürgerliche Rechte hat sich gespalten. Die Kräfte um den bisherigen Bürgermeister kommen auf 17% und die Liste, die vom Parteivorstand der Republikaner (LR, Schwesterorganisation der CDU) unterstützt wird, könnte lt. dieser Umfrage 22% erreichen. Erst an dritter Stelle standen damals die sozial-nationalistischen Rechtsradikalen von RN (Nationale Sammlung) mit 17 %. Die linkspopulistische Bewegung LFI (Das unbeugsame Frankreich) folgt mit 13% (auch hier Verluste gegenüber der Umfrage im Juli).
Nach diesem Stand der Dinge kämen vier Listen sicher in die Stichwahl, das Quorum liegt bei 12,5% der Wähler. Aber dann überstürzten sich die Ereignisse sowohl in der Stadt als auch auf nationaler Ebene. Es ist derzeit nicht absehbar, wer sich vor dem zweiten Wahlgang mit wem zusammentut. Eine Brandmauer auf Seiten der bürgerlichen Parteien gibt es seit den landesweiten Parlamentswahlen 2024 nicht mehr und die linke Volksfront ist einstweilen geplatzt, weil sich die Sozialdemokraten in den Haushaltsberatungen der Nationalversammlung auf Mehrbelastungen der unteren Einkommensschichten einließen und weil die Republikaner sich nur in einer Ablehnung von Steuererhöhungen Mehrheiten bei den Rechtsradikalen suchten.
„Sextape“ ist lokal das Schlagwort, das nun alles auf den Kopf stellte. Wir zitieren die Tageszeitung Le Monde (11.2.2026): „Der ehemalige Bürgermeister Gaël Perdriau (ehemals Les Républicains, LR) wurde 2014 gewählt und befindet sich seit dem 7. Januar 2026 in Haft. Er war am 1. Dezember 2025 seines Amtes enthoben worden, nachdem er wegen „Erpressung”, „Zugehörigkeit zu einer krimineller Vereinigung” und „Veruntreuung öffentlicher Gelder” zu fünf Jahren Haft und fünf Jahren Unwählbarkeit verurteilt worden war – eine der schwersten Strafen, die jemals gegen einen amtierenden Bürgermeister in der Fünften Republik verhängt wurden. Ein hartes Urteil für einen äußerst schmutzigen Fall, in dem das Rathaus mehrere Jahre lang Schauplatz einer schmutzigen „Sextape”-Erpressung auf höchster Ebene gegen den ehemaligen ersten Beigeordneten war.“
Die lokalen Parteien sind im Kungel-Modus. Obwohl die Grünen-Écologistes, LFI und ein lokales Bündnis zunächst am 9. Juli 2025 eine gemeinsame Liste angekündigt hatten, wird Ende September Valentine Mercier zur Spitzenkandidatin der LFI ernannt, allein – aber in Erwartung möglicher Bündnisse. Am 21. Januar 2026 gibt das lokale Kollektiv Sainté Populaire schließlich bekannt, dass es sich keiner Liste für diese Kommunalwahlen in Saint-Étienne anschließen werde, weder der Liste der Union de la Gauche et des Écologistes unter der Führung von Régis Juanico noch der Liste von La France insoumise (LFI) unter der Führung von Valentine Mercier, ohne eine eigene Kandidatur aufzustellen.
Die Alliance centriste von LR und Horizons (eine Abspaltung von Macrons Bewegung) benannte im Juli 2025 Nicole Aubourdy und Thierry Pépinot als Spitzenkandidaten ihrer Partei und könnte größere Teile der bürgerlich-rechten Wählerschaft zu sich herüberziehen.
Dort stehen die Zeichen infolge der Affäre auf weiteren Zerfall: Am 23. Dezember gibt Marc Chassaubéné, ehemaliger Beigeordneter für Kultur, der seit dem Rückzug von Gaël Perdriau zum ersten Beigeordneten aufgestiegen ist, seine Kandidatur mit Unterstützung des amtierenden Bürgermeisters Jean-Pierre Berger bekannt. Am 12. Januar 2026 kündigt Siham Labich, zweite Stellvertreterin des Bürgermeisters Jean-Pierre Berger und Departementsvorsitzende der rechtsliberalen MoDem, ihre Kandidatur mit Unterstützung eines Teils der amtierenden Mehrheit an. Im Dezember hatte sie sich als Kandidatin für das Amt der Bürgermeisterin beworben, bevor sie zugunsten von Jean-Pierre Berger zurücktrat.
Bis zur Stichwahl Ende März dürfte noch mit einigen Rochaden zu rechnen sein. Bisher konnten die vermeintlichen Saubermänner um Marine Le Pen von der schwelenden Affäre nicht profitieren, doch das muss nicht so bleiben.
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