23.09.2026evangelisch wuppertal
Eine Kirche, die alle Sprachen spricht
Verena Kroll ist Pfarrerin der Bergischen Gehörlosengemeinde. Zum "Tag der Gebärdensprache" (23.09.) wünscht sie sich eine Kirche, in der die Gebärdensprache selbstverständlich ist und Menschen mit Behinderung nicht nur Gäste, sondern Mitgestaltende sind.

So geht Liebe: Verena Kroll zeigt die internationale Gebärde für „I love you“.
Verena Kroll ist Pfarrerin der Bergischen Gehörlosengemeinde. Zum „Tag der Gebärdensprache“ (23.09.) wünscht sie sich eine Kirche, in der die Gebärdensprache selbstverständlich ist und Menschen mit Behinderung nicht nur Gäste, sondern Mitgestaltende sind.
Die knallblaue Brille ist ihr Markenzeichen und gehört nicht nur zu ihrem Gesicht, sondern auch zu ihrem Namen. Denn in der Gebärdensprache bekommt man einen eigenen Gebärdennamen verliehen. Und so ist Verena Kroll „das blaue V“. Und das, betont sie, wird immer so bleiben, auch wenn sie mal ihre Brille wechseln sollte.
Seit zwei Jahren lernt die Pfarrerin der Bergischen Gehörlosengemeinde die Gebärdensprache. „Es ist eine wunderschöne, lebendige und visuelle Sprache, aber auch anspruchsvoll zu lernen“, sagt sie. Doch ihre Gemeinde, zu der rund 200 Menschen aus den Kirchenkreisen Wuppertal, Niederberg. Solingen und Düsseldorf-Mettmann gehören, ist geduldig und nimmt manche „Versprecher“ mit Humor.
Etwa, wenn sie in einer Predigt die „Ewigkeit“ als „Vergangenheit“ gebärdet. Jüngere Mitglieder der Gemeinde machen sie direkt darauf aufmerksam, ältere sind da deutlich zurückhaltender. „Sie haben gelernt, sich ständig der hörenden Mehrheitsgesellschaft anzupassen und gehen viel verschämter mit ihrer Einschränkung um.“
Viele Hürden in der Kommunikation
Jahrhundertelang wurden gehörlose Menschen gezwungen, von den Lippen ihrer Mitmenschen abzulesen und zu sprechen. Schon immer verständigten sie sich mit einer Zeichensprache. Im 18. Jahrhundert entstand schließlich die moderne, strukturierte Gebärdensprache. Erst 2002 wurde sie durch das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) in Deutschland offiziell als eigenständige Sprache anerkannt.
Für viele gehörlose Menschen ist ihre Gehörlosigkeit nicht nur ein medizinisches Faktum, sondern Teil ihrer Identität.
„Zwar haben gehörlose Menschen jetzt auf Ämtern, im Gesundheitswesen und in Schulen Anspruch auf einen Gebärdendolmetscher, aber oft müssen sie einen großen Teil der Kosten tragen.“ Überhaupt sei es noch längst nicht selbstverständlich, dass Gehörlose in der Kommunikation berücksichtigt werden, ärgert sich Verena Kroll. Im Alltag hätten sie mit zahllosen Hürden zu kämpfen.
Problematisch: Glaube und körperliche Heilung
Dabei übt die Theologin auch an ihrer Kirche Kritik. In Bibelauslegungen werde oft ein Bild gehörloser Menschen vermittelt, das sie auf ein körperliches Defizit reduziere, welches geheilt werden müsse. „Für viele gehörlose Menschen ist ihre Gehörlosigkeit nicht nur ein medizinisches Faktum, sondern Teil ihrer Identität.“

Verena Kroll wünscht sich einen kritischeren Blick bei der Auslegung biblischer Heilungsgeschichten.
Insofern sind die Heilungsgeschichten der Bibel für die Gehörlosenpfarrerin durchaus problematisch. Und zwar dann, wenn sie so gelesen werden, dass körperliche Heilung und Glaube zusammengehören.
Ich wünsche mir eine Kirche, in der gehörlose Menschen predigen und Verantwortung übernehmen, in der Videos Untertitel haben und Informationen nicht nur mündlich weitergegeben werden.
„Körperliche Verletzlichkeit ist kein Gegensatz zu Gottes Gegenwart und Erlösung. Kein menschlicher Körper ist theologisch gesehen minderwertig“, betont sie und fragt provokant, wie eine Kirche aussehen würde, die das wirklich ernst nimmt.
Mehr Raum für gehörlose Menschen in der Kirche
„Für mich ist das eine Kirche, in der Gebärdensprache selbstverständlich sichtbar ist“, sagt Verena Kroll. „Eine Kirche, in der gehörlose Menschen predigen und Verantwortung übernehmen, in der Videos Untertitel haben und Informationen nicht nur mündlich weitergegeben werden – und in der Menschen mit Behinderung nicht nur Gäste, sondern Mitgestaltende sind. In der Heilung nicht als Zwang verstanden wird und die Verschiedenheit von Körpern kein theologisches Problem darstellt.“
Für die Gehörlosenpfarrerin passt dazu vor allem die ily-Gebärde (siehe Teaserbild). Sie ist zusammengesetzt aus den Buchstaben I L Y und steht damit für „I Love you“. Das internationale Zeichen gehörloser Menschen ist für sie „die Chance jedem Menschen zu sagen, dass er geliebt ist – ganz ohne Worte, über große Entfernungen, sicht- und spürbar.“
Welttag der Gebärdensprache
Der 23. September wurde 2017 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag der Gebärdensprachen erklärt. Das Motto 2026 lautet „Declaring Deaf People’s Human Rights“ – es geht um die Menschenrechte gehörloser Menschen und ihren gleichberechtigten Zugang zu Gebärdensprachen, von denen es weltweit mehr als 300 gibt. Der Aktionstag erinnert auch an den Weltverband der Gehörlosen, der in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen feiert. Die Bergische Gehörlosenseelsorge ist sogar schon 140 Jahre alt.
Text und Foto: Sabine Damaschke
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