06.10.2026Uli Schmidt
BUGA versiegelt Flächen:
Die BUGA Wuppertal 2031 wirbt mit Nachhaltigkeit, Klimaschutz und zirkulärem Bauen. Der geplante Umzug des sogenannten Hauses Prag nach Vohwinkel könnte grundsätzlich gut zu diesem Anspruch passen: Statt ein Gebäude abzureißen und neu zu bauen, soll ein vorhandenes Modellhaus weitergenutzt werden.
Doch entscheidend ist nicht allein, ob das Haus versetzt werden kann. Entscheidend ist, was dafür am neuen Standort verändert wird, welche Kosten entstehen und ob die Nutzung dauerhaft sinnvoll ist.
Ein Haus, das für einen Umzug gebaut wurde
Das Haus Prag trägt offiziell den Namen FIRSTLIFE. Es wurde von einem Team der Czech Technical University in Prag für den Solar Decathlon Europe 21/22 entwickelt. Das Konzept sah ursprünglich eine modulare Aufstockung älterer Studierendenwohnheime vor.
Nach Angaben der Universität besteht die tragende Konstruktion überwiegend aus Holz. Hinzu kommen Holzfaserdämmung, wiederverwertbare Materialien, Photovoltaik, Batteriespeicher, Wärmepumpe und Lüftungstechnik. Das Gebäude musste für den Wettbewerb zerlegbar sein und an einem neuen Standort innerhalb von zwei Wochen wieder funktionsfähig aufgebaut werden können. Schon der Transport nach Wuppertal erfolgte mit acht Lastwagen. Solar Decathlon Europe Czech Technical University
Der Umzug als solcher ist deshalb weder ungewöhnlich noch technisch ausgeschlossen. Die eigentliche Frage lautet vielmehr, ob der neue Standort und seine Erschließung nachhaltig sind.
Vom Forschungsgebäude zum BUGA-Büro
Nach Abschluss der Forschungsphase im Living Lab NRW wurde das Haus an die BUGA Wuppertal 2031 gGmbH übergeben. Es soll noch im Jahr 2026 abgebaut, in Vohwinkel wiedererrichtet und künftig als Büro der BUGA genutzt werden. Andere Veröffentlichungen sprechen allgemeiner von einer öffentlichen Anlaufstelle im Rahmen der Bundesgartenschau. Die genaue Nutzung sollte daher verbindlich und öffentlich erklärt werden. Wuppertaler Rundschau
Nach den bislang vorliegenden Planungen soll das Gebäude offenbar am hinteren Ende des P+R-Parkplatzes Vohwinkel in der Nähe der Regenrückhaltebecken stehen. Für das Vorhaben soll ein gesonderter Bauantrag gestellt worden sein, obwohl wichtige Bauleitplanverfahren für das BUGA-Gebiet noch laufen.
Das ist nicht automatisch unzulässig. Ein Bauantrag kann grundsätzlich auch während eines Bebauungsplanverfahrens geprüft werden. Trotzdem entsteht dadurch ein politisch problematischer Eindruck: Wer bereits Tatsachen schafft, während die übergeordnete Planung noch ergebnisoffen beraten und öffentlich beteiligt werden soll, schwächt das Vertrauen in diese Beteiligung.
Ein Standort auf der anderen Seite der Gleise
Der vorgesehene Platz liegt nicht auf dem eigentlichen Lokschuppenareal, sondern auf der anderen Seite der Bahngleise. Gerade das wirft Fragen auf. Das BUGA-Kernareal Tesche soll unter anderem das Lokschuppenareal, die Tescher Wiesen und weitere Flächen entlang der Nordbahntrasse umfassen.
Der P+R-Parkplatz soll während der BUGA als zentraler Eingangsbereich dienen. Von dort ist eine neue Fuß- und Radverkehrsbrücke über die Gleise zum Lokschuppenareal vorgesehen. Während der rund 180 Veranstaltungstage ist nach Angaben der BUGA mit erheblichen Einschränkungen zu rechnen; der Parkplatz soll für Pendlerinnen und Pendler sogar mehrere Monate vollständig geschlossen werden. BUGA Wuppertal 2031 Stadt Wuppertal
Damit steht das Haus zwar in der Nähe eines wichtigen BUGA-Zugangs, aber nicht unmittelbar auf dem geplanten Ausstellungsgelände. Sollte es vor allem als Baubüro dienen, stellt sich die Frage, warum dafür ein komplettes Modellhaus umgesetzt werden muss und weshalb kein Standort gewählt wird, der bereits befestigt und ohne zusätzliche Eingriffe nutzbar ist.
Nachhaltiges Gebäude, problematischer Standort?
Ein kreislauffähiges Gebäude wird nicht allein dadurch nachhaltig, dass es erneut verwendet wird. Für eine Gesamtbewertung müssen auch Transport, Fundamentierung, Leitungsanschlüsse, Erschließung und Eingriffe in die Umgebung berücksichtigt werden.
Nach den vorliegenden Skizzen könnten für den neuen Standort Flächen gerodet beziehungsweise dauerhaft oder teilweise versiegelt werden. Außerdem soll der Verbindungsweg zur Nordbahntrasse verschwenkt werden. Statt einer geraden Führung könnten zwei engere Kurven entstehen. Das wäre nicht nur eine Komfortfrage: Bei starkem Fuß- und Radverkehr können Kurven und eingeschränkte Sichtbeziehungen die Sicherheit beeinträchtigen.
Die Nordbahntrasse ist ein rund 23 Kilometer langer, weitgehend kreuzungsfreier Fuß-, Rad- und Skateweg. Gerade ihre direkte und übersichtliche Führung macht einen erheblichen Teil ihrer Qualität aus. Eingriffe in wichtige Verbindungen sollten deshalb nicht als Nebensache behandelt werden. Stadt Wuppertal
Die BUGA bezeichnet sich selbst als Motor für nachhaltige Stadtentwicklung und verspricht Impulse für Klimaschutz, Biodiversität und die Vernetzung der Quartiere. An diesen Ansprüchen muss sie sich auch bei vermeintlich kleineren Einzelmaßnahmen messen lassen. Stadt Wuppertal
Viele entscheidende Angaben fehlen
Aus den bislang öffentlich auffindbaren Informationen gehen mehrere wichtige Punkte nicht eindeutig hervor:
• Grundstück: Wem gehört die vorgesehene Fläche?
• Miete: Wie hoch ist die Miete und wie lange läuft der Vertrag?
• Gesamtkosten: Was kosten Abbau, Transport, Fundament, Wiederaufbau, Anschlüsse und Außenanlagen?
• Förderung: Aus welchem Programm sollen Fördermittel kommen und welchen Eigenanteil trägt die Stadt beziehungsweise die BUGA gGmbH?
• Versiegelung: Wie viele Quadratmeter Boden werden neu befestigt?
• Natur: Wie viele Bäume und Sträucher müssen entfernt werden, und wo ist Ersatz vorgesehen?
• Wegeverbindung: Welche Folgen hat die Verschwenkung für Rad- und Fußverkehr sowie für die Sichtbeziehungen?
• Betriebsdauer: Bleibt das Gebäude nach der BUGA stehen oder wird es erneut versetzt?
• Nachnutzung: Gibt es bereits ein verbindliches Konzept für die Zeit nach 2031?
• Rückbau: Wer trägt die Kosten, falls das Haus später wieder entfernt werden muss?
Gerade wenn Fördermittel eingesetzt werden, handelt es sich am Ende ebenfalls um öffentliche Gelder. Deshalb genügt die Aussage nicht, ein vorhandenes Gebäude werde weitergenutzt. Eine transparente Wirtschaftlichkeits- und Umweltbetrachtung müsste auch mögliche Alternativstandorte einschließen.
Beteiligung darf nicht erst nach der Entscheidung stattfinden
Für das BUGA-Kernareal laufen Bauleitplanverfahren. Beim Bebauungsplan 1292 für die Tesche und beim Bebauungsplan 1299 für die Wassack-Deponie fand im März 2026 eine frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung nach Paragraf 3 Absatz 1 Baugesetzbuch statt. Dieses Verfahren soll Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen, sich zu informieren, Fragen zu stellen und Anregungen einzubringen. Stadt Wuppertal
Formell ist ein einzelner Bauantrag von einem Bebauungsplanverfahren zu unterscheiden. Politisch hängen die Vorhaben jedoch eng zusammen. Wenn ein Gebäude bereits versetzt und die Umgebung angepasst wird, bevor die Gesamtplanung abgeschlossen ist, kann schnell der Eindruck entstehen, dass wesentliche Entscheidungen längst gefallen sind.
Die Stadt und die BUGA gGmbH sollten deshalb nicht nur fertige Planungen präsentieren. Sie sollten die Standortentscheidung, die Kosten, die Eingriffe und die Nachnutzung öffentlich erläutern. Auch die politischen Gremien müssen diese Fragen stellen, bevor Förderanträge bewilligt, Mietverträge geschlossen oder Rodungs- und Bauarbeiten begonnen werden.
Kreislaufgerechtes Bauen allein reicht nicht
Die Weiterverwendung des Hauses Prag kann ein gutes Beispiel für zirkuläres Bauen sein. Sie kann aber ebenso zu einem Beispiel dafür werden, wie ein nachhaltiges Einzelprojekt durch einen schlecht begründeten Standort an Glaubwürdigkeit verliert.
Ein wiederverwendetes Haus rechtfertigt nicht automatisch neue Versiegelung, Rodungen oder schlechtere Wegeführungen. Nachhaltigkeit muss das gesamte Vorhaben umfassen: vom Transport über den Standort bis zur dauerhaften Nutzung nach 2031.
Bevor das Haus Prag in Vohwinkel aufgebaut wird, müssen daher Kosten, Eigentumsverhältnisse, Flächenverbrauch, ökologische Folgen und Nachnutzung offengelegt werden. Erst dann lässt sich beurteilen, ob hier tatsächlich nachhaltig gehandelt wird – oder ob unter dem Etikett der Nachhaltigkeit voreilig Fakten geschaffen werden.
Wuppertaler „Living Lab NRW“-Häuser bleiben in Region
Weiter mit:
Kommentare
Neuen Kommentar verfassen