12.03.2012

Bazon Brock Blaxploitation Freejazz Peter Brötzmann Pina Bausch Sun Ra

Über ferne Welten, Faultiere und den lebendigen Freejazz-Genpool in Wuppertal

Ein "Schreibgespräch" mit Charles Petersohn zu seinem Festival "Plastic Zu Zu" am Wochenende vom 23. bis 25. März in der Shakespeare Live Akademie.

Eine Woche lang haben sich Charles Petersohn und njuuz via Piratepad ausgetauscht und schreibend darüber nachgedacht, ob Wuppertals herausragende Musikgeschichte sich bis heute fortsetzt, ob das Alter der Veranstalter einen Einfluss auf die Programmgestaltung hat und über die grenzenlose Freiheit, die es schwierig macht zu provozieren und Neues hervorzubringen. Anlass und Hintergrund für das Gespräch war die Programmgestaltung des Festivals „Plastic Zu Zu“ für die Charles Petersohn verantwortlich ist. Das Festival findet vom 23. bis 25. März in der Shakespeare Live Akademie statt.

Aktuelle Stellenangebote:

njuuz: Plastic ZU ZU – lese ich mir die Programmpunkte Deines Festivals durch, geht es viel um ferne Welten. Wohin willst Du die Besucher deines Festivals mitnehmen?

Charles: Wir nehmen die Leute mit in verschiedene Zwischenwelten. Techno und Soul, Blues und Jazz, Ambient und Worldmusic, Street- und Moderndance mit Vollplaybacktheater, Graffiti, Sci-Fi-Trash-Kino und VJing, das alles ist Teil von PLASTIC ZU ZU. Wir kombinieren und zelebrieren all das, teilweise zusammen. Zwischen den Stilen, zwischen den Tönen, zwischen den Bildern…

njuuz: Wie ist der Name Plastic ZU ZU entstanden? Klingt irgendwie nach 70-iger?

Charles: Die Musik aus New Orleans bewegt mich immer wieder. Vor allem der Funk und vor allem Dr. John. Dr. John spielt sehr gerne mit Begriffen, die aus den unterschiedlichsten Gegenden der Welt stammen und sich in N.O. (New Orleans – die Redaktion) vermischen. Das „indianische“, das französische, das englische, das west-afrikansche und das kreolische. Ein unglaublicher Kulturmix. Zu Zu ist der Spitzname einer Frau, er ist der Titel mehrerer Songs, er gehört zu Voodoo-Ritualen. Er ist eindeutig mehrdeutig. Das liebe ich. Plastic ist die Musik, elektronisch, Plastik halt.

njuuz: Du zeigst unter anderem den Film „Space is the place“ von 1974 in dem Sun Ra und sein Arkestra die Hauptrolle spielen und sagst dass er zur Gattung der Blaxploitation-Trash-Komödien gehört. Erkläre doch mal kurz was ist Blaxploitation? Ich muss zugeben ich wußte es vorher auch nicht, doch nachdem ich auf Wikipedia nachgelesen habe, kam ich darauf, dass ein paar meiner Lieblingssongs auf der Welt sind, weil es dieses Genre gibt. Damals mit 13 Jahren und als Landei in dieser Welt unterwegs, war Shaft für mich DIE Entdeckung.

Charles: Blaxploitaion ist das Kino der Afro-Amerikaner, in dem die Brothers and Sisters die Helden sind. Vor allem in den Siebzigern waren die Filme besonders kreativ und hip, etwa In „The Heat Of The Night“, „Shaft“ oder „Superfly“. Später, z.B. durch Spike Lee, ging und geht das Black Cinema meist weniger schrille Wege, zeigt das Hier und Jetzt in den Communities. Realistischer, ungeschönt, ähnlich den Filmen der „Nouvelle Vague“. In den Blaxxploitation Movies ist Musik fast immer ein zentrales Element. Es ist „funky cinema“.

njuuz: Was erwartet die Zuseher? Und funktioniert der Film auch ohne Drogen?

Charles: Der Film hat eine afroamerikanische Botschaft, die schwarzen Amerikaner sind nach wie vor entwurzelte Erdenbewohner. Weder in Amerika, noch in Afrika sind sie zu Hause. Sie sind heimatlose, Aliens. Im All, auf einem der unzähligen Planeten im unendlichen Kosmos suchen sie einen Planeten, auf dem sie in Frieden leben können. Der Film hat viel Humor, eine kernige Botschaft, es gibt große Musik. Man braucht keine Drogen, um etwas außergewöhnliches außergewöhnlich zu erleben.

njuuz: Was mir auffällt – In der Mode (die aktuelle Vogue hat gerade eine Fotostrecke zu den fünfziger Jahren gebracht) in der Musik, im Design verstärkt sich gerade der Trend zur Rückbesinnung auf die guten alten Dinge. Der Mix der dabei aus neu und alt entsteht, hat eindeutig eine Gewichtung auf „alt“. Das Neue hält sich eher zurück. Die Musikschnipsel, die ich gehört habe, klingen sehr nach 70-iger Soul. Ketzerisch gefragt: Hängt die Programmzusammenstellung mit dem Alter der Macher zusammen?

Charles: Wir alle haben keine Musik erfunden. Alice Rose bewegt in sich in einer Song-Ästhetik, die irgendwie mit Björk oder Goldfrapp zusammen hängt, dabei eine sehr persönliche Note hat und sich stets weiter entwickelt. Mein Projekt, Moodi Allen, geht ganz weit zurück, zum Blues, und interpretiert ihn mit technoiden Mitteln neu.

Die Planet Alien Band spielt die Musik von Sun Ra auf ihre ganz spezielle Weise und auch Iris Panknin geht mit elektronischem Backing neue Wege. Das Art Ensemble Of Chicago hat ein Album mit einem vielsagenden Titel veröffentlicht: „From Ancient To The Future“. Ich bin umgeben von Musik – Jazz, Funk, World Music, Blues und allem, was daraus entstanden ist und weiterhin entsteht. Das gesamte Festival vermittelt Musik, die sich in Traditionen bewegt, ohne Retro zu sein. Alles Neue entsteht aus etwas „altem“.

Und ketzerisch zurück den Ball: auch die Tanzperformance interpretiert Steps aus Streetdance, Improvisation und Vollplayback-Theater. Dieser kreative Mix ist ziemlich einmalig und dann ist es auch nebensächlich, was daran alt und neu sein wird! Letzten Sommer habe ich mir sehr genau die neuen Vibes an den DJ Decks und Livebühnen angeschaut und angehört. Auch dieses Neue bewegt sich traditionell.

Seit Kraftwerk ist es immer die Technologie, die Neues ermöglicht. Damit möchte ich Hip Hop, Techno, Drum&Bass und alles, was danach kam, nicht schmälern. All das ist evolutionäre Musik, die mir viel bedeutet, die im Underground verschiedener Pop-Phänomene entstanden ist. Heute findet das Neue vor allem dadurch statt, dass Kulturen gemixt werden, die bis vor Kurzem nicht viel miteinander zu tun haben. Die globale Vernetzung bringt alles schneller zusammen, weil man in den Cyber-Welten gleichzeitig überall sein kann. Das ist schön, schafft aber sofort wieder nächste Traditionen. Insgesamt gebe ich Deinem Eindruck Recht. Es gibt gerade nix wirklich Neues, es entwickelt sich in Nuancen als Teil von etwas bekanntem, vertrautem.

Neu ist vielleicht das Umfeld, in der Musik geschieht. Während die Popkultur, der Jazz und Rock&Roll immer polarisiert haben, getrennt haben in gut und schlecht, in richtig oder falsch, in oder out, so entsteht zurzeit eine Art Konsenz. Und nun müssen wir herausfinden, was cool und aufregend daran ist, wenn alles okay ist und kaum noch etwas No Go!

njuuz: Es ist ja viel die Rede von Krise in den Medien. In Zeiten in denen die Menschen sich unsicher fühlen, flüchten sie in alte Zeiten oder träumen sich in ferne Welten! Ist dein Festival also Ausdruck einer wachsenden Unsicherheit?

Charles: Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, ist es so wie immer: manche haben Angst, dass alles schlimmer wird, andere lassen sich von den Tendenzen der Zeit nicht sonderlich verunsichern. In Wuppertal erleben wir gerade einen zarten Hauch des Aufbruchs. Es gibt eine noch unbedeutende, aber globale Entwicklung, die in meinen Augen etwas sehr erstrebenswertes propagiert: zurück zur Langsamkeit. Das Faultier ist das Symbol dieser Bewegung. Das Projekt Silent Mystery, als Warming Up für den Film am Samstag, tut genau das, wir zelebrieren audiovisuelle Entschleunigung.

Und auch hier hast Du Recht, immer dann, wenn die Menschen meinen, nicht zu wissen, welche Gefahren hinterm Horizont lauern, dann umgeben sie sich mit Dingen und Phänomenen, die ihnen vertraut sind. Das Festival ist jedenfalls kein Ausdruck einer persönlich wachsenden Unsicherheit, im Gegenteil. Ich fühle mich hoch motiviert, mit befreundeten Künstlern all die Dinge zu teilen, die mir seit einiger Zeit im Kopf herumwandern. Das Festival vereint so viele Ideen und Ansätze, die aus absoluter Neugier und aus Lust am Experiment entstehen werden, aus spontanen Zusammenkünften, nicht aus einer Not.

njuuz: Die Künstler die bei Plastic ZU ZU auftreten kommen aus Dortmund, Duisburg, Berlin und Köln. Sehr viele kommen aus Wuppertal. Ist Wuppertal Avantgarde in der Musikszene?

Charles: Wuppertal hat zumindest dieses Flair. Der Begriff Avantgarde ist eine Hausmarke, darum will ich mich vorsichtig ausdrücken. Von den Musikern, die ich in unserer Stadt kenne, die Musik, die in unserer Stadt erklingt, zeichnet sich mittlerweile mehr durch die Personen aus, die sie spielen, komponieren oder improvisieren und weniger durch etwas provozierend und ansteckend Neues, noch nicht Dagewesenes. Nicht wenige Musiker in unserer Stadt sind allerdings nach wie vor auf der Suche nach etwas spannendem und leuchtendem. Dieser Geist lebt weiter, wenn auch subtil. Ich kenne jedenfalls keinen Musiker persönlich, von dem ich behaupten wollte oder könnte, dass er oder sie etwas tut, das auffallend anders ist. Dieser Anspruch ist auch nicht sonderlich fair. Denn die Erwartung an etwas aufregend anderes, neues, ungehörtes, unerhörtes ist ja auch schon wieder eine Tradition.

njuuz: Der Begriff Avantgarde gefällt mir im Nachhinein auch nicht mehr! Der Grund dafür ist: das Wort stammt aus dem Militär und ist daher an eine extrem hierarchische Struktur gekoppelt, die bei der Nutzung grundsätzlich mitschwingt. Das Neue entsteht nach meiner Auffassung – besonders in der Musik – im Kollektiv und basiert wie du sagst auf schon Dagewesenem. Ich begrabe den Begriff einfach und nenne Weiterentwicklungen in der Kunst ab jetzt ‚evolutionär‘. Und an dieser Stelle entdecke ich gerade einen Gedanken der mir Spaß macht. Bleibe ich im Bio-Jargon bietet Wuppertal einen lebendigen „Freejazzgenpool“, der sich schön mit allem möglichen kreuzen ließe! Du holst eine Kombo in die Stadt die Sun Ra neu interpretiert. Sun Ra gilt als einer der Erfinder des Free Jazz. Bietet die Wuppertaler Musikgeschichte für Dich einen fruchtbaren Nährboden, um Tendenzen in der aktuellen Musik weiter zu entwickeln? Und trägt Dein Festival in seiner Zusammenstellung nicht schon dazu bei?

Charles: Etwas, dass ursprünglich der Macht diente, kann in anderen Zusammenhängen etwas völlig positives bedeuten und bewirken. Auch der Computer diente ursprünglich militärischen Zwecken. Heute ist er das globale Kommunikations- und Arbeitsmittel überhaupt. Erinnere Dich an die deutsche Friedensbewegung. Der Satz „Schwerter zu Pflugscharen“ fordert genau das. Die Afro-Amerikaner haben rassistische Schimpfworte umgedreht und dadurch bewirkt, dass sie ihr Ziel verfehlen. Eine Variante des Begriffs Funk kommt nicht aus der Audio-Welt, sondern aus der Zeit der Sklaverei. „You are funky“ heißt auch „Du bist feige“. So haben Sklavenhalter und deren Pöbel „ihre“ Sklaven provoziert und deren Wut geschürt. Ein Mann, der dieser Provokation widerstand, war in der Community funky, also mutig. So steht es in mehreren Büchern über die Geschichte der afroamerikanischen Kultur und des Jazz. In der Black Music ist Funkyness das Maß der Dinge!

Jazz ist auch so ein Begriff. Biedere Orchesterleiter wollten den Musikern das Improvisieren verbieten und sagten „stop that jazzin‘ around“, „hör auf, verrückt zu spielen“. Das Wort Jazz ist pure Magie in meinen Ohren. Und ebenso positiv begreife ich den Begriff Avantgarde. Er steht für etwas, das aufregend ist, seiner Zeit voraus. Von mir aus lassen wir den Begriff so stehen und nutzen ihn für etwas Kreatives!

Wuppertal ist ein Ort, an dem Musiker und andere Künstler ein Publikum haben, das neugierig und bezüglich der Freiheit der Kunst verwöhnt ist. Wegen der großen Alten, Brötzmann, Kowald, Reichel, selbstverständlich Pina und sicherlich auch Bazon Brock, erwarten die Leute von uns oft etwas anderes, als anderswo! Für dieses Publikum können wir dankbar sein. Das Experimentieren und Improvisieren gehört hier zum „guten Ton“ der Arbeit dazu. Das kann aber auch eine Falle sein, denn schräge Klänge, wildes Design oder extravagante Tanzschritte können nämlich irgendwann genauso langweilig sein, wie die tausendste Cover-Version von Herbie Hancocks „Watermelon Man“.

Wir, die Kinder und Enkel von den Großen, haben völlig andere Voraussetzungen, ein völlig anderes Umfeld, als Brötzmann, Pina und Co. Wir müssen nicht die Nazi-Vergangenheit bekämpfen, die Prüderie, das Spießertum und andere Würgegriffe. Wir sind gefangen in einer Freiheit, die vermeintlich alles erlaubt und insofern kaum noch provoziert.

Wir sind an einem Punkt angekommen, wo wir lernen müssen, diesen Konsenz, diese vermeintliche Offenheit ohne Tiefgang in etwas Nachhaltiges, Wahrhaftiges voranzutreiben. Zum ersten Mal geht es nicht ums Kämpfen, sondern um etwas anderes, friedliches, weibliches. In Wuppertal mag es leichter sein, mit etwas Unerwartetem aufzukreuzen, aber bislang ist das Fragezeichen, was passieren will und muss, in Wuppertal genauso groß wie woanders auch.

Vielleicht bewirkt der Geist des Freien, der in unserer Stadt nach wie vor sein sympathisches Unwesen treibt, etwas, dass dazu beiträgt, dass ein paar nächste Schritte auch bei uns mitgeprägt werden. Etwas Neues kann man nicht bestellen oder planen. Es passiert einfach, nicht selten sogar unverhofft, unbeabsichtigt. Vielleicht gelingt uns mit PLASTIC ZU ZU, einen bescheidenen Mosaikstein hinzuzufügen.

njuuz: Wie klingt Dein Festival – sphärisch, schwingend, schrill, wild? Nenne mal ein paar Adjektive.

Charles: sphärisch, schwingend, schrill, wild, cool, suchend, findend, verwegen und schön.

njuuz: Wer von den Künstlern die bei dir auftreten vertritt welches Adjektiv?

Charles: Alice Rose ist wild, schrill und auch sphärisch und cool. Die Tanzcrew ist absolut schrill und cool. Moodi Allen ist cool und durch Iris Panknin auch absolut swing. Alfonso Graivna ist sphärisch, aber auch wild. Die Planet Alien Band ist alles auf einmal. Etcpp

njuuz: Wie schmeckt Dein Festival? Ich habe gelesen, dass die Biosophie kocht?

Charles: Mische Basilikum, Minze und Ingwer in gutem Olivenöl. Lasse es über Nacht stehen. Rieche und probiere am nächsten Tag!

Lieber Charles, vielen Dank für den fruchtbaren Austausch. Ich hoffe die Leute sind auf den Geschmack gekommen. Ich wünsche Dir für Dein Festival viel Erfolg!

Das gesamte Programm auf Facebook

_________________________________________

Festivaldaten:

Freitag, 23. März bis Sonntag, 25. März 2012
Shakespeare Live Akademie
Treppenstrasse 17 – 42115 Wuppertal

Tickets // Fr+Sam // € 10.00 // erm. € 7.00
Tickets // Son // € 8.00 // erm. 6.00
Festival-Ticket // € 24.00 // erm. € 17.00

VVK //
Biosophie // Sophienstraße 26
Alfonso & Alex // Luisenstraße 72
EST EST EST // Marienstrasse 69

Kontakt
KLANGWELTEN // Charles Petersohn
mail@charlespetersohn.de // http://www.charles.petersohn.de

Gastgeber // Rainer Haussmann
Veranstalter // Kulturbüro Wuppertal
Kurator // Charles Petersohn

Anmelden

Kommentare

Neuen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.