Kultur
 |  | 26.6. | 

„Bumerang werfende Kannibalen“

26.06.2015 07:25

Die Zeit der großen Völkerschauen vor 130 Jahren: In Wuppertal treten „Wilde“ im Zoo auf – und hinterlassen Spuren auf dem Friedhof an der Sonnborner Kirchhofstraße.

die letzten Überlebenden Billy, Jenny und Sohn Toby 1885 in Paris

© talwaerts

Yanooa, Goolboddi, Eumili und Bwgcolman – so heißen in der Sprache der Aborigines vier der australischen Palm Islands. Heute leben dort auf rund 70 Quadratkilometern etwa 2600 Menschen. Dass die idyllischen Tropeninseln vor der Küste Queenslands überhaupt existieren, erfuhr man in Europa erst 1770 durch den Seefahrer James Cook. Mit seinem Besuch begann für die Inselbewohner ein langer Leidensweg, der erst 2005 mit der Selbstverwaltung endete.

Elberfelds Westen vor genau 130 Jahren. In Stadt und Land herrschen Aufbruchsstimmung und das Bestreben, dem soeben gewachsenen deutschen Anteil an der europäischen Kolonialpolitik auch daheim ein Gesicht zu geben. Da fügt es sich, dass im Sommer 1885 eine kleine Gruppe „Bumerang werfender australischer Kannibalen“ durchs Land tingelt. So oder ähnlich formulieren es Journalisten, die in ihren Zeitungen über eine der ersten Völkerschauen Deutschlands berichten. Eng verknüpft ist diese Geschichte mit einem Mann: Robert A. Cunningham.

1882 hat ihn der amerikanische Zirkuspionier Phineas Taylor Barnum auf eine Weltreise geschickt, um lebende Schauobjekte für seine Darbietungen aufzutreiben. Im Januar 1883 geht Cunningham in Queensland mit einigen Aborigines an Bord eines Schiffes, das sie gemeinsam nach Sydney bringt.

Es ist eine kleine Gruppe, Cunningham führt sie als Barbaren vor und bringt ihnen für die Bühnenshows Phantasietänze bei. Dieses üble Spiel treibt er weiter, als er mit „seinen“ Aborigines 1884 nach Europa wechselt, um mit ihnen noch mehr Geld zu verdienen.

Vor der Abreise liefert Cunningham ein Paradestück seines menschenverachtenden Handelns. Tambo, ein Mitglied der Gruppe, ist an Tuberkulose gestorben. Statt ihn beizusetzen, wie er den anderen erzählt, lässt er den Leichnam einbalsamieren und verkauft ihn zu Ausstellungszwecken. 1993 wird die Mumie unter den Asservaten des Museums von Cleveland entdeckt. Damit beginnt, 110 Jahre später, die abenteuerliche Spurensuche nach dem Schicksal der einst verschleppten australischen Aborigines. Dass sie auch auf den Friedhof an der Sonnborner Kirchhofstraße führen würde, erweist sich als eine der ungeahnten Überraschungen.

Ein Hinweis findet sich im Wuppertaler Stadtarchiv und dort im „Täglichen Anzeiger für Berg und Mark“ vom 17. Juni 1885, der den Auftritt von Cunninghams Aborigines im Elberfelder Zoo bewirbt: „Ursprünglich bestand die Gesellschaft aus fünf Negern und vier Negerinnen – allein der Tod hat bereits ihre Reihen gelichtet, und heute sind es nur noch im ganzen fünf der auf der niedrigsten Stufe der Menschheit stehenden Australneger, ein Mann, Frau und Junge, sowie zwei Angehörige eines anderen Stammes.“ Über die erste Vorführung, die am Nachmittag des 17. Juni im Zoo stattfindet, schreibt die Zeitung, es habe sich „das fünfte Exemplar, eine Negerprinzessin, ein kleines Unwohlsein zugezogen“. Dieses „fünfte Exemplar“ heißt Sussy Dakara und ist die gerade mal 17 Jahre alte Witwe des in Amerika verstorbenen Tambo.

In einem Artikel der Elberfelder Zeitung vom 19. Juni scheint durch, dass keineswegs alle Journalisten den widerwärtigen Werbejargon Cunninghams paraphrasieren: „Die Idee, dass ‚Wilde die besseren Menschen‘ sind, hat sich vorgestern wieder einmal als Wahrheit herausgestellt. Die ‚Kannibalen‘ aus dem Zoo wurden auf dem Heimweg nach Sonnborn, wo sie untergebracht sind, von mehr als hundert Schaulustigen nicht nur umzingelt, sondern geradezu attackiert, wobei man ihnen fast die Kleider vom Leib riss. Einem Polizisten fiel nichts Besseres ein, als den ‚Wilden‘ Unruhestifterei zu unterstellen… Wir fragen uns, wie die Anklage lauten wird, denn die Australier waren europäisch gekleidet und können allenfalls durch ihre Hautfarbe den Aufruhr verursacht haben, so dass ihnen höchstens die dunkle Haut zur Last gelegt werden kann. Unterdessen sind die ‚Wilden‘ durch dieses Gebaren einer höheren Zivilisation so sehr aus der Fassung gebracht, dass man sie nur durch Überlassung einer neuen Unterkunft im Zoo wieder besänftigen konnte.“

Wenige Tage später weicht der selbstironische Ton einer tief empfundenen Trauer. Die Elberfelder Zeitung meldet den Tod jener Frau, die „sich ein kleines Unwohlsein zugezogen“ hatte. Sussy ist, wie es heißt, am 23. Juni 1885 „an Blutarmut und Lungenschwindsucht gestorben“. Da es heiß ist in Elberfeld, wird sie schon am Tag darauf auf dem Friedhof Kirchhofstraße beerdigt. Bei späteren Völkerschauen in Paris, wo die Zeitungen erneut peinliche Scherze auf den angeblichen Kannibalismus reißen, leben nur noch drei der Aborigines: Billy, Jenny und ihr Sohn Toby. Es heißt, sie seien eines Tages mit Cunningham heil nach Australien gelangt, doch existieren dafür keine Belege.

Tambos Leichnam wurde nach der Wiederentdeckung 1994 auf den Palm Islands beigesetzt. Jacob, ein Nachfahre, sagte damals: „Großpapa Wally erzählte mir einst, es seien, als er Kind war, einige seiner Verwandten in einen Zirkus verschleppt worden, aber ich hielt die Geschichte für reichlich verzerrt.“ Was das Andenken an Sussy angeht, so konnte immerhin das Grab in Sonnborn identifiziert werden. Doch zu einem Gedenkstein hat sich der Bürgerverein bislang nicht durchringen können.

Text: Manfred Görgens

Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus der neuen Ausgabe der talwaerts, Wuppertals Wochenzeitung. Den vollständigen Artikel lesen Sie in der neuen Ausgabe, die immer freitags erscheint. Überall, wo es Zeitschriften gibt und unter www.talwaerts-zeitung.de


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