02.03.2026evangelisch wuppertal
Ein Haus und seine Irrtümer
Vom frommen Erziehungsprojekt zum modernen Altenzentrum: Das reformierte Armen- und Waisenhaus der Gemeinde Gemarke spiegelt seit 1835 den Umgang mit Armut, Erziehung und Fürsorge in Barmen wider. Wir stellen es im dritten Teil unserer Reihe "Protestantisch! Wie ein Glaube Wuppertal prägte" vor.

Vom frommen Erziehungsprojekt zum modernen Altenzentrum: Das reformierte Armen- und Waisenhaus der Gemeinde Gemarke spiegelt seit 1835 den Umgang mit Armut, Erziehung und Fürsorge in Barmen wider. Wir stellen es im dritten Teil unserer Reihe „Protestantisch! Wie ein Glaube Wuppertal prägte“ vor.
Kinder zu Menschen heranziehen, die arbeiten können und sonntags in die Kirche gehen statt auf der Straße zu hungern und kriminell zu werden: Das war das Ideal des reformierten Armen- und Waisenhauses, das die evangelische Kirchengemeinde Gemarke am 29. April 1835 mit dem Einzug von 65 Kindern und Erwachsenen eröffnete. Die entsetzliche Armut in Barmen – von 25.000 Menschen seien 6.000 notorisch und mindestens 2.000 verdeckt arm, wie es in einem Bericht der Handelskammer von Elberfeld und Barmen von 1830 hieß – rührte die Gemeindemitglieder sehr. Innerhalb von nur drei Tagen hatte sie knapp 6000 Taler (heute etwa 750.000 Euro) für den Bau ihres eigenen Armen- und Waisenhauses gesammelt. Das war fast ein Drittel der Gesamtbaukosten.
Doch die Rechnung, aus den Armen gut situierte und fromme Bürger zu machen, ging nicht auf. Trotz der erfolgreichen Erprobung, dem recht schnellen Bau und der tatkräftigen finanziellen Unterstützung durch die Gemeindeglieder stand die Gemeinde schnell vor mehreren Problemen, wie sie Hugo Greeff, der Sekretär des Armenhauses 50 Jahre später zusammenfasste: „Sie haben nicht gedacht, dass ihr ideales Ruheasyl sich bald genug in eine Kranken-, Siechen-, Irren-, Gefangenen- und Besserungsanstalt verwandeln würde.“
Züchtigung statt Menschlichkeit
Viele Waisenkinder zeigten kein Interesse an Fleiß, Arbeit und Frömmigkeit. Zudem waren die erwachsenen Armen durch ihr Verhalten für die Waisen, mit denen sie Tür an Tür wohnten, in der Sicht der damaligen Zeit keine tauglichen Vorbilder. Es wurde klar, dass eine Trennung beider Gruppen sinnvoll wäre. Doch zunächst versuchte der damalige Hausvater Bruns es mit Züchtigung. Er schnallte alle, die er für alkoholkrank, sozial oder psychisch auffällig hielt, auf einen Zwangsstuhl und misshandelte sie, bis sie aus lauter Angst nach außen hin einen guten Eindruck machten.
Sieben Jahre trieb der brutale Hausvater sein Unwesen im reformierten Armen- und Waisenhaus, bis er im Januar 1862 endlich die Einrichtung verließ. Ihm fehlte, wie Greff später schrieb, „das durchsichtige väterliche Herz, das Menschen wenigstens zur Menschlichkeit erziehen kann, mehr aber noch das von dem Feuer der Liebe Christi entzündete Herz, das Himmelreichswesen erziehen kann”.
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