Der schwebende Satan

Am 1. März vor 125 Jahren startete die Wuppertaler Schwebebahn ihren Betrieb. Was heute als Meisterwerk der Ingenieurskunst gilt, wurde damals keineswegs von allen begrüßt. Unter den Protestanten war der Widerstand besonders laut, emotional - und theologisch begründet.


Am 1. März vor 125 Jahren startete die Wuppertaler Schwebebahn ihren Betrieb. Was heute als Meisterwerk der Ingenieurskunst gilt, wurde damals keineswegs von allen begrüßt. Unter den Protestanten war der Widerstand besonders laut, emotional – und theologisch begründet.

Eine Hochbahn, die über der Wupper schwebt und alle Verkehrsprobleme im engen, übervölkerten Tal löst: Für viele Bürgerinnen und Bürger war dieses technische Konzept nicht nur kühn und irritierend. Es gab regelrechten Widerstand gegen das neue Verkehrsmittel – vor allem dort, wo das Wuppertal protestantisch-pietistisch geprägt war.

Für viele strenggläubige Kreise war die Vorstellung eines schwebenden Verkehrsmittels ein theologisches Problem. Schweben und Fliegen galten als Gottesdomäne. Der Mensch, der sich in diese Sphäre erhob, überschritt aus ihrer Sicht eine göttliche Grenze. In Predigten und Pamphleten wurde der Bau offen als „gotteslästerliches Teufelswerk“ bezeichnet.

Störung des „göttlichen Friedens“

Das Kernargument lautete, es sei sündige Eitelkeit und man würde Gott versuchen, wenn man sich solch schwebendem Satanswerk anvertraut. Es galt als die pure menschliche Hybris, sich über die Naturgesetze und damit über Gottes Schöpfung erheben zu wollen. Diese Deutung war nicht bloß metaphorisch gemeint. Einzelne Prediger warnten ausdrücklich vor göttlicher Strafe.

In konservativen Zeitungen war von einem „donnernden Ungetüm“ die Rede, das den göttlichen Frieden störe und Unheil über das Tal bringe. Besonders fürchtete man die Wirkung der schwebenden Wagen auf Pferde, die als Zug- und Transporttiere unverzichtbar waren. Ein scheuendes Pferd in den engen Straßen konnte katastrophale Folgen haben.

Diese Sorge wurde häufig als Frage der öffentlichen Sicherheit formuliert, verband sich aber mit tieferem Misstrauen gegenüber einer Technik, die über den Köpfen der Menschen schwebte und sich ihrer unmittelbaren Kontrolle entzog.

Angst vor dem Verlust der Sittlichkeit

Besonders heftig war der Protest in den Stadtteilen Sonnborn und Vohwinkel, wo die Bahn nicht über dem Fluss, sondern bis heute über Straßen verläuft. Einige Anwohner hatten Angst vor dem Verlust der Sittlichkeit. Von Anfang an wurde befürchtet, Fahrgäste könnten von oben in private Räume blicken.

Bauabschnitt der Schwebebahn im Bereich der heutigen Ohligsmühle 1898

Besonders strenggläubige Kreise sahen darin eine ernsthafte Gefährdung der öffentlichen Moral. Leserbriefe warnten davor, dass insbesondere abends Männer „von zweifelhaftem Ruf“ diese neue Perspektive nutzen könnten, um in Schlafzimmer und Boudoirs zu spähen.

Die Schwebebahn erschien hier als technisches Instrument der Versuchung, das Intimität aufhob und moralische Grenzen verwischte. Diese Sorge wurde mit großer Ernsthaftigkeit vorgetragen. Es entstanden regelrechte Kampagnen, die den Schutz junger Frauen und Mädchen forderten.

Einrichtung einer „Gardinenstangenstrecke“

Die Lösung, die schließlich gefunden wurde, ist ebenso banal wie aufschlussreich: Die Betreibergesellschaft stellte Geld für Gardinen zur Verfügung. Der problematische Streckenabschnitt erhielt im Volksmund den Namen „Gardinenstangenstrecke“. Der Vorhang wurde damit zu einem Symbol dafür, wie religiös und moralisch motivierte Ängste praktisch entschärft werden sollten, ohne die tieferliegenden Deutungsmuster grundsätzlich aufzulösen.

Ob es immer der Glaube oder die moralische Entrüstung war, darf allerdings bezweifelt werden. In Wirklichkeit ging es oft nur um den Wert des eigenen Grundstücks. Man hatte gerade erst ein schönes Bürger- oder modernes Mietshaus gebaut und plötzlich stellte jemand einen stählernen Koloss vor die Tür, der das Sonnenlicht wegnahm. Gerüchte kamen auf, dass Wellblech in den Straßen Sonnborns zwischen den Stahlgerüsten keine Sonne mehr durchlassen würden.

Forderungen nach alternativer Trassenführung

Aus diesem Grund forderten die Sonnbonner Bürger eine alternative Trassenführung, eine südliche Umgehung ihres historischen Ortskerns. Das wurde aber aus Kostengründen von den Planern rigoros abgelehnt. Daraufhin klagten viele Grundstückseigentümer gegen die Enteignungen für die Pfeiler, blieben aber auch damit letztlich erfolglos.

Vom „Ungetüm“ zum beliebten Verkehrsmittel: Bahnsteigszene aus dem Jahr 1912

Allen Einwänden zum Trotz erteilte die königliche Regierung in Düsseldorf, also die preußische Verwaltung, 1896 die endgültige Baugenehmigung. Damit war der politische Weg frei und die lokalen Widerstände konnten überstimmt werden. Aber der eigentliche Umschwung passierte nicht auf dem Papier, sondern in den Köpfen der Menschen. Als der Bau begann und das Stahlgerüst sichtbar wurde, wich die abstrakte Angst langsam der Faszination, Neugier und einem gewissen lokalen Stolz.

Kaiser Wilhelm besiegt die Skepsis

Ein entscheidender Moment war die Probefahrt Kaiser Wilhelms II. im Oktober 1900. Dass der Monarch selbst in dieses als „Teufelswerk“ diffamierte Verkehrsmittel ein- und unversehrt wieder ausstieg, wirkte wie eine symbolische Entschärfung der religiösen Warnungen.

Mit der Eröffnung am 1. März 1901 erfüllten sich die apokalyptischen Erwartungen nicht. Kein göttliches Strafgericht folgte, kein moralischer Zusammenbruch trat ein. Das einstige „Satanswerk“ wurde rasch Teil des Alltags und schließlich zum Wahrzeichen der Stadt.

Text: Heiko Schnickmann
Fotos: WSW-Archiv

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