20.03.2023

FAS

Dohmens unregelmäßig erscheinende Lesefrüchte VI

Heute die FAS vom 19.3.2023

Der DFB verkneift sich eine echte Opposition gegen Infantino, denn der Deutsche Fußball-Bund „möchte die WM der Frauen 2017 – und sein Präsident Bernd Neuendorf in den Fifa-Rat. Der Posten wirft, über eine Legislaturperiode, eine Million Dollar ab. Es ist ein altes Spiel, das Infantino spielt, und es funktioniert bestens“ (Christoph Becker, „Infantino und sein Goldesel“, Leitartikel, FAS, Nr. 11, S. 8).

Was für ein Glück, dass der russische Herrscher kein Jude ist: Die Welt als Konstrukt aus Orten, Zeiten und Personen. Eckpunkte SPD, Russland, Andere und Firmen: Reinhard Bingener/Markus Wehner, „Welche Macht hat die Moskau-Connection? – Der lange Schatten des Ex-Kanzlers: Wie Gerhard Schröder über sein Netzwerk in der SPD jahrelang die deutsche Russlandpolitik beeinflusste“, S. 37.

Vielleicht lese ich das Buch ja auch mal: Lennardt Voß, „Sommerhaus, sehr viel später – Als Judith Hermanns Debüt 1998 erschien, war es ein Generationenbuch der 30-Jährigen. Wie liest es ein 30-Jähriger heute?“, S. 38[1].

,Netanjahu ist pragmatisch‘, dachten sie, ‚er wird die Leiter nutzen, die ihm der Präsident hingestellt hat, um vom Baum zu klettern.‘ Es dauerte gerade einmal fünf Minuten, bis diese Hoffnung hinweggefegt wurde“. Erschreckendes Szenario: „Wenn die Regierung ihre Justizreform vollständig umsetzt, wie sie es plant, wenn das Oberste Gericht die Gesetze als verfassungswidrig und unangemessen erachtet, wie allgemein erwartet wird, und die Regierung die Entscheidung des Gerichts nicht akzeptiert, was als wahrscheinlich gilt – dann wird eine beispiellose Krise folgen, in der sich staatliche Institutionen wie die Polizei und das Militär für eine Seite werden entscheiden müssen. Es könnte die Hölle ausbrechen.“ „Die Regierung, die diese neue Gesetzgebung in selbstgefälliger Euphorie und trunken vor Macht vorantreibt und dabei selbst den Präsidenten mit seinem Drängen auf eine Einigkeit übergeht, bewirkt damit etwas, an dem das liberale Lager jahrzehntelang scheiterte – die Linke unter einem einfachen Grundgedanken zu vereinen: der Demokratie.“ Finanzminister Smotrich „forderte, man solle eine palästinensische Kleinstadt ‚ausradieren‘“. „Ein Weg führt in eine düstere Autokratie oder Theokratie“, es sei denn, es gelingt den Demonstranten, „das Schiff vom Eisberg wegzusteuern“ (Assaf Gavron, „Der Kampf um die Seele Israels – Während die Regierung in Tel Aviv hastig eine Gesetzgebung vorantreibt, die ihr fast grenzenlose Macht sichern würde, vereint sie die Gegenseite mehr denn je unter dem Banner der Demokratie. Das Land steht an einem Scheideweg“, S. 33 – Der Autor ist Schriftsteller, Songschreiber und Übersetzer).

Die bisherige „gewissermaßen koloniale Blickrichtung des Westens auf den Rest der Welt“. Doch der bisherige Chef des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin, Bernd Scherer, hat einen Nachfolger, den aus Kamerun stammenden Kurator und Biotechnologen Bonaventura Ndikung: „Die Welt sei kein Substantiv, sondern ein Verb, sagt Nkidung, sie ist also im Werden“. Tempora passata: Wenn man wollte, konnte man (auch schon) in der bisherigen Arbeit des „Hauses“ „einen Spiegel der Moderatorenrolle sehen, die sich Deutschland in der Weltpolitik mehr oder weniger ausgesprochen zudachte“. Nächster Satz: „Die Zeiten haben sich geändert“ (Mark Siemons, „Die Welt ist ein Verb – Bonaventura Ndikung will im Berliner Haus der Kulturen ein Zusammenleben ohne Kolonialismus erproben“, ebda.).

Fiktion, Wirklichkeit, Fiktion: „Wenn man“ Dick Foley, Chef der Bürgerwehr Arozina Border Recon[2], den „Helden“ einer „der bekanntesten Lügengeschichten“ von Claas Relotius, „dabei zusieht, wie er mit vorgehaltenem Gewehr durchs Niemandsland an der mexikanischen Grenze patrouilliert, wie er sich eine Zigarette anzündet und seine radikalen Sprüche aus dem Skript der amerikanischen Rednecktradition loslässt, wird klar, wie sehr er ein Geschöpf der Fiktion ist“ (Kolumne Die lieben Kollegen Autor Harald Staun, S. 41).

Über GPT-4. Schon bisher hatte die Software ein „besonderes Talent“ im „Imitieren des Stils berühmter Autoren oder Songtexter“. „,Das Kreative ist das Unwahrscheinliche‘, schrieb der Autor Christian J. Bauer kürzlich in einem Essay für den Blog ‚literaturcafe.de‘. Doch KI-Modelle kürzen diesen Kreativitätsprozess ab, indem sie die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten des Unwahrscheinlichen beschleunigen. Die KI schreibt und malt nicht, sie rechnet – und simuliert dabei eine Kunstfertigkeit, die auf der Rückwärtsverkettung bestehender Zeichen beruht.“ „Algorithmen lernen anhand ‚historischer‘ Daten und reproduzieren dabei ästhetische Ideale der Vergangenheit. ChatGPT schreibt, wie man früher schrieb. DALL-E malt, wie man früher malte. Und Muse-Net komponiert, wie man früher komponierte. Computer sind inhärent strukturkonservativ, weil sie – wie der Beamte eines Verwaltungsapparats – durch die Anwendung formalistischer Regeln diese fortwährend bestätigen.“ Kurz: Wir „erleben die Welt nur noch im Rückspiegel“[3].

KI hilft malen (Ins Netz gegangen Jochen Reinecke, „Künstlerisch mit KI“, S. 60).

Nur Überschriften: „Darth Vader küsst Marilyn – Gut getäuscht: Bildgeneratoren mit Künstlicher Intelligenz erzeugen Fotos, die es nicht gibt. Was ist noch echt?“, S. 52/53. „Here Comes the Sun – Besitzer großer Privatschiffe scheinen sich zunehmend für ihren verschwenderischen Lebensstil zu genieren. So bringen sich Hersteller von Solaryachten ins Spiel. Wachstum? ‚Wie irre!‘“, S. 54. „Warum immer die Banken? – 15 Jahre nach der Finanzkrise machen wir uns schon wieder Sorgen um die Banken. Es wird nicht das letzte Mal sein“, S. 17. „An der Oder fürchten sie die zweite Welle – Vor gut einem halben Jahr vergiftete eine Alge den Fluss, die Hälfte der Fische starb. Verantwortung übernahm keiner. Und bald könnte sich die Katastrophe wiederholen“, S. 12. „Die ganz besondere Risikogruppe – Jeder dritte Deutsche leidet an Bluthochdruck. Auslöser muss nicht zwingend eine ungesunde Lebensweise sein. Häufig liegt eine hormonelle Störung vor – ohne dass die Betroffenen es wissen“, S. 15.

[1] „Sommerhaus, später“ (Lennartz: „Ein ‚Bonjour Tristesse‘ in Berlin vor der Jahrtausendwende“), neu aufgelegt, Fischer.

[2] Hauptwort recon: Aufklärung, Aufklärungsarbeit. – „Erfundene Wahrheiten“, 24.3. ff., Sky.

[3] Die Google-App, die Handyfotos im Stil von Frida Kahlo oder Edvard Munch „veredelt“. Enzensbergers „Landsberger Poesieautomat“, der allerdings nach dem Zufallsprinzip funktioniert. Ich denke: Die Maschine ist eben nicht schlauer als der Mensch, sondern nur grandios schneller, aber nur so viel schneller, wie der Nerd sie konstruiert hat.

Highlight: Die Welt ist kein Substantiv, sondern ein Verb.

Namen:
Christian J. Bauer
Christoph Becker
Reinhard Bingener
CHristian Magnus Enzensberger
Dick Foley
Assaf Gavron
Judith Hermann
Gianni Infantino
Frida Kahlo
Edvard Munch
Benjamin Netanyahu
Bernd Neuendorf
Bonaventura Nkidung
Wladimir Wladimirowitsch Putin
Jochen Reinecke
Claas Relotius
Bernd Scherer
Gerhard Schröder
Mark Siemons
Bezalel Smotrich
Harald Staun
Lennardt Voß
Markus Wehner

Kommentare

Neuen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert