Streit als Gebot der Stunde

Beim Empfang zum Beginn des Kirchenjahres sprach der Journalist Arnd Henze über das "Wieder Sprechen" und den Zusammenhalt in unruhigen Zeiten.


Beim Empfang zum Beginn des Kirchenjahres sprach der Theologe und Journalist Arnd Henze über das „Wieder Sprechen“ und den Zusammenhalt in unruhigen Zeite
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Streiten ist anstrengend, kann nerven und tut manchmal verdammt weh. Aber für eine demokratische Gesellschaft ist eine konstruktive Streitkultur das Lebenselixier. Welche Folgen die Corona-Pandemie auf die Kultur der Auseinandersetzung hat, warum das „Wieder Sprechen“ neu erlernt werden muss und wie auch die Kirche dafür Verantwortung trägt – darüber sprach der Journalist und Theologe Arnd Henze am Donnerstag (01.12.) beim Neujahrsempfang des Kirchenkreises Wuppertal. Das Thema des Abends in der CityKirche lautete: „Wieder Sprechen: Zusammenhalt und Streit in unruhigen Zeiten. Wie eine mutige Streitkultur den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken kann.“

Blick über den Kirchturm

Zu Beginn des neuen Kirchenjahres hatte die Evangelische Kirche zum traditionellen Blick über den Kirchturm hinaus eingeladen: Nachdem die Veranstaltung in den vergangenen beiden Jahren coronabedingt ausfallen musste, waren rund 80 Menschen aus Stadt, Gesellschaft, Politik, den Gemeinden und der Ökumene der Einladung von Superintendentin Ilka Federschmidt gefolgt.

Die Kraft der neuen Sprache

In ihrer Begrüßung ging sie auf die Vorgeschichte der Weihnachtsgeschichte um den alten Zacharias ein. Gott lässt ihn neun Monate lang in seinem Zweifel verstummen. Der fromme Priester kann nicht glauben, dass Gott seinen Wunsch nach einem Kind doch noch erfüllen wird. „Im Schweigen lernt er das Hinhören. Als er wieder spricht, ist das Hoffnung pur. Die neue Sprache bekommt ungeahnte Kraft“, so die Pfarrerin. Aus dem Wieder Sprechen kann eine befreiende Kraft entstehen. Manchmal können so ungeahnte Türen auf gehen.“

Rund 80 Gäste kamen zum Empfang zum Beginn des neuen Kirchenjahres.

Fünf Dimensionen des Wieder Sprechens

In seinem Vortrag sprach dann auch Arnd Henze über die Kraft der verbalen Auseinandersetzung: Er führte durch die fünf Dimensionen des Wieder Sprechens: Vom Small Talk, über die Klage, zum Protest und Streit bis schließlich zum Aushandeln von Lösungen.

Alle Dimensionen haben in der Pandemie gelitten und es gebe viel nachzuholen, so Henze. „Corona hat zu Billionen von nicht stattgefundenen Gesprächen geführt. Der Preis der Kontaktsperre war hoch. In einer offenen Gesellschaft und Demokratie ist es wichtig, wieder zu sprechen.“

Kirche muss öffentliche Seelsorge entwickeln

Für Henze ist die Klage die eigentliche kirchliche Kernkompetenz in Form der Seelsorge, des Hinhörens und Daseins. Allerdings, so seine Kritik, habe die Kirche während der Corona-Pandemie einen Imageschaden erlitten, weil sie die Notwendigkeit der öffentlich artikulierten Klage nicht erkannt habe. „Wir haben nicht hingehört, was es an Überforderung, Erschöpfung und Klage in den Hochhäusern und anderswo gegeben hat“, sagte der Journalist in der CityKirche. Stattdessen habe man den Querdenkern das Wort überlassen. Darum besteht die zukünftige Herausforderung in Zeiten von Inflation, Krieg und Energiekrise darin, „öffentliche Räume zur Klage zuzulassen“. „Die Kirche braucht jetzt die Kraft, um öffentliche Seelsorge zu entwickeln“, forderte der Theologe.

Protest muss neu erlernt werden

In der dritten Dimension ist es wichtig, den Protest nicht den Demagogen zu überlassen: „Der Protest ist eine Dimension des Wieder Sprechens, die wir unbedingt neu lernen müssen“, so Henze. Gerade mit Blick auf Länder wie China, Iran, und Russland solle der Protest als „unverwechselbares Korrektiv der Demokratie“ stärker wertgeschätzt werden.

Pfarrer Werner Jacken führte durch den Abend.

Der konstruktive Streit schließlich als vierte Dimension sei die „Königsdisziplin, die eine demokratische offene Gesellschaft auszeichnet“. „Die Streitkultur hat zuletzt gelitten“, so Henze. „Wir müssen dringend in neue Streiträume investieren. Es kann auf Dauer nicht gut gehen, wenn Streits nicht ausgetragen werden“, so sein Appell. „Es gibt nicht nur schwarz oder weiß – es geht immer darum, abzuwägen.“

„Es geht immer darum abzuwägen“

Als wichtige Streitthemen nannte er beispielsweise den Klimaschutz und die Diskussion um Krieg und Frieden. „In Sachen Klimaschutz haben wir versagt – auch als Kirche. Wir haben immer wieder Versprechen gemacht, die dann nicht eingehalten wurden“, so Henze mit Blick auf den Last-generation-Protest. Auch hält er es für wichtig, kritisch auf politische Entscheidungen wie etwa die Flüssiggas-Lieferungen aus Katar zu schauen. „Streit ist das Gebot der Stunde. Es gibt mehr Gründe denn je, sich zu streiten“, ist der Journalist überzeugt.

Am Ende gehe es immer um das Aushandeln von Lösungen – der fünften und entscheidenden Dimension des Wieder Sprechens. „Davon lebt unsere Demokratie!“, so Henze. Er appellierte in diesem Zusammenhang dafür, alle Menschen mitzunehmen und auf mehr Bürgerbeteiligung zu setzen: „Am Ende zählt, wie wir die Probleme in einer Demokratie lösen können.“

Die Räume der Kirche bleiben offen fürs Wiedersprechen und Widerspruch.

Auch Kirche müsse sich in diesem Zusammenhang deutlich positionieren: „Unsere Räume bleiben offen – als Räume des Wieder Sprechens und des Widerspruchs!“

Für seinen spannenden und dichten Vortrag erntete Arnd Henze in der Alten Reformierten Kirche viel kopfnickende Zustimmung und am Ende einen langanhaltenden Applaus. Durch den Abend führte gewohnt unterhaltsam Pfarrer Werner Jacken, der den Journalisten und Theologen zum Warm Up zu seinen protestantischen Wurzeln im kleinen Städtchen Garbsen bei Hannover befragte.

Musikalisch begleitet wurde der Empfang von Kirchenmusikdirektor Jens-Peter Enk (Flügel) und Florian Rentzsch (Saxophon). Für das Wohlergehen der Gäste sorgte in bewährter Weise das Team des Weltcafés.

Zur Person

Arnd Henze hat Theologie und internationale Politik studiert und stammt aus einer „linksprotestantischen Familie“, wie er dem Publikum verriet.

Henze ist Redakteur und Reporter beim WDR mit Schwerpunkt Investigative Reportage. Er ist außerdem Autor des viel diskutierten Buchs „Kann Kirche Demokratie? Wir Protestanten im Stresstest“.

Arnd Henze ist Mitglied der Synoden von EKiR und EKD. Er fordert ein EKD-Rahmengesetz, das sich dem Ziel der Klimaneutralität bis zum Jahr 2035 verpflichtet und gemeinsame Standards für alle Landeskirchen festschreibt.

Text: Nikola Dünow/KK
Fotos: Andreas Fischer

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