„Jahr100Wissen“: Uraufführung von „Der Golem, wie er in die Welt kam“

In der Reihe „Jahr100Wissen“ beschäftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universität mit 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft verändert und geprägt haben. Am 29. Oktober 1920 kam der Stummfilmklassiker „Der Golem, wie er in die Welt kam“ von Paul Wegener in die Kinos. Ein „Jahr100Wissen“-Interview mit dem Romanisten Prof. Dr. Matei Chihaia.

 

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Prof. Dr. Matei Chihaia
Foto UniService Transfer

Am 29. Oktober 1920 wurde der Stummfilmklassiker „Der Golem, wie er in die Welt kam“ in Berlin uraufgeführt. Was ist der Golem überhaupt für eine Figur?

Chihaia: Der Golem ist eine mythologische Figur, die zum ersten Mal in der jüdischen Weisheitsliteratur des Mittelalters erscheint. Der Name selbst ist ein hebräisches Wort, das als „formlose Masse“ übersetzt werden kann. Wie bei allen Mythen gibt es eine Vielfalt von Versionen, lokalen Varianten, Übersetzungen und Aneignungen, die zwischen Wissenschaft und Kunst hin- und hergehen. Was 1920 im Kino ankommt, ist eine weitere kreative Neu-Erfindung dieser Figur.

Im Kern des Mythos finden sich meistens zwei Themen. Da ist einmal die Nachahmung des göttlichen Schöpfungsakts: so wie Gott Adam aus Erde formt, kann auch der reine Mensch, der Priester der Materie Gestalt und Leben verleihen. Das zweite Thema entspringt dem Bedürfnis des Mythos nach erzählenswerten Ereignissen: Der Golem dient entweder als Helfer in einer Geschichte, die schon vor seiner Geburt begonnen hat, oder er bringt durch seine Unvollkommenheit selbst einen Konflikt mit sich, so wie Adam, der wegen seines Fehlers aus dem Paradies verstoßen wird.

Man kann den jüdischen Golem-Mythos mit dem griechischen Prometheus-Mythos vergleichen, der in einer Variante auch die Schöpfung künstlicher Lehmwesen enthält. Beide Mythen gehören seit der europäischen Romantik zu wiederkehrenden Figuren der fantastischen Literatur: Der Golem erscheint in Achim von Arnims „Isabella von Ägypten“; Mary Shelleys „Frankenstein“ heißt im Untertitel „The New Prometheus“. Beide Mythen sind aber in gewisser Weise auch komplementär: im Golem-Mythos spielt das Geschöpf die Hauptrolle, im Prometheus-Mythos ist es der Schöpfer.

„Der Golem, wie er in die Welt kam“ ist einzigartig in der deutschen Kinogeschichte, denn trotz der typischen Kulissen ist der Film nicht dem zeittypischen Expressionismus zuzurechnen, sondern gehört in seiner märchenhaften Erzählweise zum fantastischen Kino der Vorkriegszeit. Dazu schuf der Filmarchitekt Hans Poelzig expressionistisch gezackte Albtraumkulissen in einem klaustrophobischen Prag im unruhigen Nachkriegs-Berlin. Der Film sorgte sogar in den USA und China für Furore. Wieso konnte ein Horrorfilm kurz nach dem ersten Weltkrieg überhaupt international erfolgreich sein?

Chihaia: Das Kino war damals eine relativ junge Kunst, und die Zuschauer waren in gewisser Weise noch empfänglicher für gewisse Effekte, die sich dann irgendwann zu einem Genre entwickelt haben. Was Sie als „Horror“ ansprechen, war 1920 etwas ziemlich Neues – und in mancher Hinsicht war der „Golem“ zusammen mit dem „Cabinet des Dr. Caligari“ überhaupt die erste Erfahrung dieser Art im Langformat.

Also diese Albtraumkulissen, die Dämonenerscheinungen, das Ungeheuer, die Figuren, die aus der Leinwand heraustreten, der einstürzende Saal im Prager Schloss, der Mann, der von einem Turm geworfen wurde, das waren alles Dinge, die noch nie in diesem Realismus in der Kunst dargestellt worden waren, und das Publikum nicht nur zum Gruseln brachten, sondern auch mit ganz neuen optischen Erfahrungen konfrontierte. In der heutigen bild- und filmgesättigten Welt können wir uns dieses Erstaunen des Publikums vor dem Neuen nicht mehr vorstellen.

Machen Sie ein Gedankenexperiment und stellen Sie sich vor, es würde ein Medium erfunden, das Tastempfindungen überträgt… Natürlich war auch der Erste Weltkrieg mit seiner massiven, industriellen Gewalt und den spezifischen Explosionswunden eine solche neue Erfahrung gewesen, aber rein negativ: ein Grabenkrieg, in dem man den Gegner nicht sehen konnte, vom Blitz der Granaten und spritzenden Schlamm geblendet wurde. Das Kino stellte dem die Möglichkeit vollkommener visueller Erfassung von Grenzsituationen entgegen und suggerierte, dass man alles – bis hin zum Lehm – mit der richtigen Technik noch unter Kontrolle bringen kann. Das ist der Unterschied zwischen Kino-Horror und dem realen Grauen, das der Erste Weltkrieg für Soldaten und Kriegs-Flüchtlinge bedeutet hatte.

Herr Chihaia, auch Sie haben sich in ihrem Buch „Der Golem-Effekt“ mit der Figur auseinandergesetzt. Was interessiert Sie an diesem Wesen?

Chihaia: Als das Kino eingeführt wird, erscheint es für viele Kritiker wie eine Kunst, das Leben in seiner Fülle darzustellen, wie es die früheren Genres – vor allem Theater und Skulptur – noch nicht konnten. Von dieser künstlichen Darstellung des Lebens hin zur Erzeugung des künstlichen Menschen ist es nur ein Schritt: Das ist die Magie des Films in seiner frühen Zeit, bei dem das Publikum recht häufig den Schauspieler mit seiner Rolle verwechselt, oder vergisst, dass es in einer Vorführung ist, und nicht reale Dinge erlebt. Das ist ein Effekt, den man als das „Eintauchen“ des Zuschauers in die künstliche Welt beschreiben kann, und den wir im Kino gerade bei Action- oder Horrorfilmen erleben, bei denen wir in unserem Sessel hin- und herspringen, um der Gefahr auszuweichen, die auf der Leinwand zu sehen ist. Das bedeutet, dass wir unseren Körper so wahrnehmen, als wäre er selbst in der Kunstwelt, und bei unserer Orientierung der Kamera folgen.

Ich glaube, „Der Golem, wie er in die Welt kam“ ist ein Film, in dem neben vielen anderen Themen auch diese Erfahrung verhandelt wird. Es gibt eine Szene, in welcher der Rabbi, der den Golem geschaffen hat, mittels eines magischen Tricks dem Prager Königshof die Exil-Geschichte des jüdischen Volkes vorführt – als Film im Film, auf eine der Mauern des Saales projiziert. An einer Stelle kommt eine Figur dieses Films auf die Kamera zu, mit einer drohenden Gebärde, und das bringt den Saal zum Einsturz. Die Parallele zum künstlich belebten Golem, der ebenfalls zu einer Bedrohung wird, scheint mir deutlich: In beiden Figuren verkörpert Wegener das künstlerische Potenzial des Kinos, aber auch die psychologischen Konsequenzen für das Publikum, das in die Handlungswelt eintauchen, sich aber dabei auch verirren, verlieren kann.

Das Thema des unheimlichen Doppelgängers hatte Wegener als Schauspieler 1913 schon in „Der Student von Prag“ dargestellt; der Golem wirft jetzt nicht nur das Problem der individuellen Identität auf, sondern nach der zeiträumlichen Verankerung des Menschen. Das Gebäude unserer Realität ist eine höchst relative psychologische Konstruktion, und unsere Orientierung, ein labiles Gleichgewicht, kann leicht in Desorientierung umkippen: für diesen Sachverhalt, den Anfang des 20. Jahrhunderts die kognitive Psychologie ebenso wie die Psychoanalyse erforschen, scheint ein Film wie „Der Golem“ die perfekte Veranschaulichung.

Alchemie, künstliche Intelligenz und ewiges Leben. Ist der Golem vielleicht auch die unerfüllte Sehnsucht des Menschen, ewiges Leben zu schaffen?

Chihaia: Ja, wie alle Mythen antwortet auch der Golem auf Fragen, die sich die Menschen zu unterschiedlichen Zeiten stellen. Aktuell ist es vielleicht die künstliche Intelligenz, die uns am meisten beschäftigt. Bei Wegener ist der Golem nicht besonders intelligent, sondern vor allem außerordentlich kräftig und auf einer ganz elementaren Ebene trieb- und emotionsgesteuert – das zeigt sich übrigens auf eine Art und Weise, die bei aller Angst auch Sympathie wecken kann: Er ist betört vom Duft einer Rose oder gerührt von dem kleinen Kind, das ihm einen Apfel schenkt. Erst in Norbert Wieners „God&Golem, Inc.“ wird diese Figur zum Patron der Kybernetik und des „Machine Learning“.

Das komplette „Jahr100Wissen“-Interview lesen Sie > HIER

Quelle: Berg. Universität Wuppertal

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