Buch des Monats: Capus’ „Fälscher“

Ein großer Geschichteerzähler und Geschichtenerzähler tritt am kommenden Freitag im Ada auf: der Journalist und Schriftsteller Alex Capus.

Mit zwei seiner Romane wollen wir uns kurz, mit einem dritten etwas länger beschäftigen. Schließlich rufen wir Egon Friedell als Zeugen dafür auf, dass die herkömmliche Historiographie oft blutleer ist und nur für den Tagesgebrauch taugt, eine gute Geschichte dagegen für ein paar Jahre, gar Jahrzehnte oder noch länger trägt.

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Der 1961 in Frankreich geborene und heute in der Schweiz lebende Geschichte– und Geschichtenerzähler Alex Capus, dessen Bücher in Deutschland bei Hanser und bei dtv herauskommen, hat auch Wuppertal auf seinem Schirm: In „Fast ein bisschen Frühling“ wollen zwei Bankräuber aus dem Tal der Wupper nach Indien fliehen, kommen aber der Liebe wegen nur bis Basel.

Zwei junge Menschen verlieben sich, aber der Krieg bringt sie auseinander: Das ist die Geschichte von Léon und Louise – die Geschichte einer großen Liebe, gelebt gegen die ganze Welt. Sie beginnt mit ihrer Begegnung im Ersten Weltkrieg in Frankreich an der Atlantikküste, doch dann trennt sie ein Fliegerangriff mit Gewalt. Sie halten einander für tot, Léon heiratet, Louise geht ihren eigenen Weg – bis sie sich 1928 zufällig in der Pariser Métro wiederbegegnen. Ein Paar, das gegen alle Konventionen an seiner Liebe festhält und ein eigenwilliges und eigensinniges, manchmal unerhört komisches Doppelleben führt.         capus_leon

In dem Roman „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ geht es um den Bau der Atombombe und die drei Protagonisten Laura d’Oriano, die 1943 im befreiten Italien zum Tode verurteilt wird, den Kunststudenten Emile Gilliéron, der Heinrich Schliemann nach Troja folgt, und den Pazifisten und Heisenberg-Schüler Felix Bloch, der solange mit Edward Teller und John von Neumann die Entwicklung der Nuklearbombe vorantreibt, wie er glaubt, „dass dies alles im Dienst einer großen Sache geschah“ (S. 274). Er steigt in dem Moment aus, als ihm klar wird, dass die Deutschen den Wettlauf um den Bau der Bombe nicht gegen die USA gewinnen können. Ihren Abwurf über Hiroshima und Nagasaki zu verhindern, lag nicht in seiner Macht. Wohl aber, mit der Entdeckung der Kerninduktion, für die er 1952 den Nobelpreis für Physik bekam, die entscheidende Weichenstellung für die Magnetresonanztomographie geschaffen zu haben, „welche die medizinische Diagnostik in den letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts revolutionierte“ und ungezählten Menschen das Leben zu retten half (S. 281 f.). capus_der-fälscher

Roman oder geschichtliches Werk, das ist hier nicht die Frage – und noch weniger, wer beanspruchen darf, der historischen Wahrheit nahe zu kommen. Spöttisch hat sich der Dramatiker, Theaterkritiker und Kulturphilosoph Egon Friedell mit denjenigen Geschichtswissenschaftlern auseinandergesetzt, die „alle historischen Werke, die sich nicht mit dem geistlosen und unpersönlichen Zusammenschleppen des Materials begnügen, hochnasig Romane zu nennen“ pflegen: „Aber ihre eigenen Arbeiten entpuppen sich nach höchstens ein bis zwei Generationen ebenfalls als Romane, und der ganze Unterschied besteht darin, dass ihre Romane leer, langweilig und talentlos sind und durch einen einzigen ‚Fund‘ umgebracht werden können, während ein wertvoller Geschichtsroman in dem, was seine tiefere Bedeutung ausmacht, niemals ‚überholt‘ werden kann“ („Kulturgeschichte der Neuzeit“, S. 16, hier zitiert nach der bei Beck erschienenen 163. Auflage 2003). Wer sich für die Geschichte der Waffe interessiert, die in der Zeit der Friedensbewegung Millionen Menschen bewegte, ist mit Capus’ Roman gut bedient. Unterhaltsam ist das Ganze auch noch.

MATTHIAS DOHMEN

 

Alexander Capus, Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer. Roman, München: dtv 22015 (= dtv, 14374), ISBN 978-3-423-14374-5, 282 S., Euro 9,90, und Léon und Louise. Roman, München: dtv 102015 (= dtv, 14128), ISBN 978-3-423-14128-4, 315 S., Euro 9,90, www.dtv.de.

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