26.11.2012

Andreas von Hören medienprojekt Medienprojekt Wuppertal

Wuppertal ist wie Jack Nicholson

"1 Tag Wuppertal" - der Film des Medienprojekts der einen Tag Leben in Wuppertal dokumentiert, kommt der Stadt so nah, wie es nur dem Medienprojekt gelingen kann. Ein Gespräch mit Andreas von Hören über Grenzsituationen, Laienfilmer und Wuppertal.

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Am 29. Juni 2012 startete ein besonderes Experiment in Wuppertal. Das Medienprojekt hatte für diesen Tag alle Wuppertaler aufgerufen, einen Tag ihres Lebens zu filmen. Vorbild für die Idee war die erfolgreiche Crowdsourcing Dokumentation „Life in a Day“(2011) von Youtube und Ridley Scott. Teilnehmen konnte jeder, Regeln gab es nur wenige. Das Material durfte 15 Sekunden aber auch zwei Stunden lang sein, es sollte persönlich sein und viele Blickwinkel haben. Selbst Handys konnten als Kamera eingesetzt werden. Der einzige Hinweis zur Technik lautete, die Kamera auf die beste Aufnahmequalität einzustellen. Zum 20-jährigen Jubiläum des Medienprojekts sollte der fertige Film gezeigt werden.

Rund 100 Wuppertaler im Alter von 4 bis 84 sind dem Aufruf gefolgt und haben Filmschnipsel von 4o Sekunden bis zwei Stunden Länge eingereicht. Insgesamt standen dem Medienprojekt 80 Stunden Material mit unterschiedlichstem Inhalt zur Verfügung. Der Tierpfleger im Zoo, ein Polizist beim Blitzen, Party, Freundschaft, das Leben am Stadtrand, aber auch der Tod und die Geburt gaben die Geschichten für die einzelnen Filmepisoden ab. Daraus haben die Medienprojektler ein 60-minütiges, höchst spannendes Porträt Wuppertals geschnitten, in der die Menschen im Tal die Hauptrolle spielen.

Dass dieses Projekt ein arbeitsintensives sein würde, ahnte der Leiter des Medienprojektes Andreas von Hören schon bei der Planung: „Das war absehbar eine riesige Schnittarbeit. Zum Teil haben wir 2 Cutter damit beschäftigt. Insgesamt hat es 8 Wochen gedauert, bis wir mit der Montage zufrieden waren. Wir hatten viel guten Stoff, den es auszuwählen galt. Manchmal gibt das Material die Dramaturgie vor, aber in diesem Fall mussten wir sie erst einmal erschaffen. Außer dass wir vor hatten im Film morgens zu beginnen und abends aufzuhören, wussten wir ja nicht viel. Wir mussten den Rhythmus finden, für Spannung sorgen und die dann auch halten.“

Neben dem Alltäglichen wie dem Aufstehen, Menschen bei der Arbeit, in der Schule oder beim Fahren einer Schwebebahn, sind es die existentiellen Fragen des Lebens, die den Film prägen. Für dramatische Situationen wie Geburt, Gefängnis, Krankheit, Alter und Tod findet die Dokumentation ergreifende, zum Teil auch drastische Bilder, die aber niemals denunzieren oder vorführen. Dass dieses Kunststück gelang, ist auch der Tatsache zu verdanken, dass von Hören selbst die Kamera in die Hand genommen hat.

Andreas von Hören: „Wir wollten auch denen Gehör verschaffen, die sonst nicht zu Wort kommen. Außerdem hatten wir als Medienprojektmitarbeiter Lust, uns an dem Projekt zu beteiligen. Ich selbst habe mich seit zwei Jahren sehr intensiv mit dem Thema Tod beschäftigt und viel dazu gedreht. Das kann man keinem 16-jährigen überlassen. An Orten wie dem Kreissaal, oder dem Beerdigungsinstitut kannst Du auch umkippen, weil die Situation Dich überfordert. Du musst vertrauenswürdig sein, um vorgelassen zu werden.
Weil das Medienprojekt dafür bekannt ist, sinnvolle Filme zu machen, war es kein Problem unsere Protagonisten im Hospiz, im Beerdigungsinstitut, oder im Kreissaal zu finden. Sie kannten mich schon und wussten, dass ich nichts tun werde, was jemandem nicht gut tun würde.“

Aber nicht nur Medienprojektmitarbeitern gelingt die einfühlsame Annäherung an ein dramatisches Thema. Der Mutter eines krebskranken Mädchens glückt eine schonungslose und zugleich herzbewegende Dokumentation des Leids ihrer Tochter.

Andreas von Hören: „Es gab auch Laien, denen wir das Filmen beigebracht haben, weil wir das Thema im Privaten belassen wollten. Der Mutter des krebskranken Mädchens haben wir gezeigt, wie die Kamera funktioniert und sie dann drehen lassen. Herausgekommen ist ein so intensives, persönliches Material, dass das Mädchen zur stärksten Protagonistin in unserem Film geworden ist. Bei der Premiere war sie dabei. Weil sie zu diesem Zeitpunkt unter Quarantäne stand, haben wir sie im zweiten Stock untergebracht. Sie sollte den Beifall, der auch ein Teil der Ihre ist, mitbekommen.“

„1 Tag Wuppertal“ ist eine Dokumentation über das Leben und dessen Höhen und Tiefen geworden. Wuppertal mit seinen Orten und Besonderheiten rahmt die Geschichten. Das Bild, welches der Film mit seiner Ästhetik und seiner einmal clippig, schnellen und dann wieder langsamen Erzählweise von Wuppertal zeichnet  ist melancholisch, aber gleichzeitig liebevoll und anrührend.

Andreas von Hören: „Die Auseinandersetzung mit unserer Stadt ist eines unserer Hauptthemen. Es gibt kaum eine Stadt, die so viele Filme über sich hat wie Wuppertal! Und weil es unsere Stadt ist, findet auch hier die härteste Auseinandersetzung statt. Wuppertal hat ein hohes Reibungspotential und ist deshalb für Jugendliche spannend. Während man in anderen Städten nach dem Sehen unserer Filme sagt ‚mutiges Wuppertal‘ und wir Preise für unsere Arbeit bekommen, bedeutet das für uns hier immer Kampf.“

Mit  „1 Tag Wuppertal“ ist dem Medienprojekt ein Film gelungen, der in seiner Dichtheit, mit seiner bisweilen kompromisslosen Ehrlichkeit und seinen vielen Facetten das Lebensgefühl in Wuppertal auf eine so direkte und authentische Art spiegelt, wie es nur das Medienprojekt kann. So war Wuppertal noch nie zu sehen. Der Schlusskommentar im Film bringt es auf den Punkt: „Wuppertal ist ähnlich wie Jack Nicholson. Beim ersten Mal denkt man ‚der sieht ja echt Scheiße aus‘. Beim zweiten Mal denkt man ‚es geht ja doch‘! Und beim dritten Mal denkt man ‚der sieht ja echt geil aus‘. Und genauso ist auch Wuppertal.“

Der folgende Clip zeigt Ausschnitte aus dem Film:

Der Film ist ab sofort im Medienprojektshop zu erhalten:
>>zum Film

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