13.06.2012

Bazon Brock ChangemakerCity ChangeWorks Daniel Wawersig Felix Gießmann Holger Bär Johannes Schmidt neuer Kunstverein Schauspielhaus Stadtentwicklung

Endlich mal Ruinen!

Ist eine zerfallende Tankstelle romantisch? Holger Bär - Künstler aus Wuppertal und einer der Initiatoren des Neuen Kunstvereins Wuppertal meint: "ja!" Ruinen sind als Gegenmodell zu unserer auf reibungsloses Funktionieren ausgerichteten Zeit ideale Orte, um über neue Stadtentwicklungskonzepte nachzudenken.

„Am Anfang waren alle dagegen“
so lautet der programmatische Titel der Veranstaltungsreihe des NEUEN KUNSTVEREINS WUPPERTAL. Lebensraum Stadt ist das brennende Thema, das der Verein neu denken will. Indem er spartenübergreifend Künstler, Architekten und Stadtplaner in einer Serie von Veranstaltungen an einen Tisch bringt, soll eine Plattform entstehen, auf der unabhängig von stadtplanerischem Alltag jenseits des als Machbar geltenden gedacht, diskutiert und entworfen werden kann. Nur wenn ein Gedanke zunächst rundweg Ablehnung erfährt, also komplett jenseits des Mainstreams liegt, birgt er das Potential für echte Neuerung! Solche Ideen auszuloten und weiter zu entwickeln, hat der Verein sich vorgenommen.

Denkmaterial für unlösbare Probeme
Er will Denkmaterial zur Verfügung stellen, das in die Lage versetzt, städtische Probleme gleichzeitig pragmatisch, unkonventionell und ohne Selbstüberschätzung anzugehen; denn echte Lösungen für Probleme zu finden, ist bei der Lage und Komplexität der Dinge inzwischen fast nicht mehr möglich. Ganz im Sinne Bazon Brocks, der mit seiner „Denkerei/Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen“  fordert anzuerkennen, dass jede Problemlösung weitere Probleme nach sich ziehen wird und es prinzipiell keine Lösungen mehr gibt, kann es also nur darum gehen, angemessen mit diesem Zustand umzugehen. Die laufenden Veranstaltungen des Neuen Kunstvereins wollen zunächst einen Überblick über schon vorhandene Ideen und Akteure in Wuppertal geben.

Gegen das Monopol der Schulbuchverlage – Changemaker City Wuppertal
Am vergangenen Mittwoch präsentierten Jugendliche der ChangemakerCity Initiative Wuppertal ihre Ideen für eine Veränderung der Stadt im Sinne von Jugendlichen. Das Projekt taltausch, von Daniel Wawersig und Felix Gießmann, will Bildung erschwinglich machen und das Monopol der Schulbuchverlage unterlaufen. Wawersigs und Gießmanns Idee einer Internetplattform zum Tausch von Schulbüchern, steht kurz vor dem Onlinegang.

Cool sein ist die Hauptsache
Wawersig: „Es sind die kleinen Ideen, die eine Welt besser machen“. Die beiden 18-jährigen sind keine Programmierer. Sie haben mit der Hilfe von Changemaker City Wuppertal das Geld und das notwendige Personal akquiriert und haben jetzt begonnen, Öffentlichkeit für taltausch herzustellen. “ Es geht in dem Projekt „ChangemakerCity Wuppertal“ darum, Jugendlichen eine Plattform bereit zu stellen auf der sie gehört und Ernst genommen werden. Wenn sie wollen, können sie auch Projekte umsetzen“, ergänzt Johannes Schmidt (18). Als einer der Gründer von Changeworks, setzt er sich für den Umweltschutz ein und aktiviert erfolgreich – auch im Rahmen von ChangemakerCity – seit ein paar Jahren Jugendliche für das Thema. „Es muss cool sein, dabei zu sein. Sonst kommt niemand. Am Anfang haben alle nur gesagt ‚wie ist der denn drauf‘. Das hat sich jetzt verändert“.

Endlich mal Ruinen
Während die Jugendlichen pragmatisch ihre 100 % praxistaugliche Lösung des Problems „teure Schulbücher“ präsentierten und kleine Schritte für eine bessere Welt propagierten, stellte Holger Bär – Digital Painter, Koch und Salonherr – in seinem Vortrag zum Thema „Endlich mal Ruinen“ überwiegend Fragen und zeigte eine Reihe von Fotos der morbiden Seite Wuppertals.

Was zeichnet eine Ruine aus? Wann ist eine Ruine schön? Was unterscheidet eine Ruine in Wuppertal von der des Colosseums in Rom, außer dass sie ein paar Jahrhunderte älter ist? Ist die heutige Bausubstanz vielleicht nicht mehr in der Lage, schön zu altern? Was muss man tun, damit neuzeitliche Ruinen dem Ideal der Ruine in der Romantik entsprechen? Ist eine zerfallende Tankstelle romantisch? Würde es ausreichen, die sich zersetzende Bausubstanz einfach als schön umzuwerten?

Das Schauspielhaus demnächst eine Ruine?
Wuppertal ist eine arme Stadt mit nach wie vor schrumpfender Einwohnerzahl. Sie kann sich daher nur mehr wichtige Reparaturen leisten. Es entstehen an vielen Stellen mitten im Zentrum, Stätten des Verfalls, von hässlichen Bauzäunen umschlossen, die selbst schon zu Ruinen verkommen, das Betreten verhindern sollen und es schon längst nicht mehr können. Mit dem Auszug des Schauspiels aus dem Schauspielhaus, wird demnächst möglicherweise die auffälligste Ruine mitten in der Stadt nach und nach dem Verfall preisgegeben. Ein furchtbarer Gedanke und vielleicht schon morgen bittere Realität.

Ruinen sind hässlich, sie künden von Tod, von Armut und Verwahrlosung, sie sind Schmutz- und Schandflecken, sie sind Zeichen für Versagen und Phantasielosigkeit, sie sind eine Bedrohung der öffentlichen Sicherheit und völlig nutzlos. Der sich öffentlich abspielende Zerfall ist im Kontext einer Gesellschaft, die auf permanentes Wachstum, Prozessoptimierung und Gewinnmaximierung setzt, eine absolute Zumutung. Und doch gibt es sie. Die Ruinen sind überall – in jeder Stadt.

Ruinen als Pilgerstätten für Reflektion
Bär will Ruinen, Ruinen sein lassen, sie pflegen und sie als Chance begreifen. Als Chance für Orte der Meditation, der Verlangsamung, des Memento Mori, als Monumente der Erinnerung und direkter Erfahrung des Wandels im Hier und Jetzt. Um mit Schiller zu sprechen: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, // Und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ (aus Wilhelm Tell). Könnten Ruinen nicht Pilgerstätten der Reflektion über ein Gegenmodell zu unserer auf reibungsloses Funktionieren und digitale Datenstöme setzenden Zeit sein?

„Die Ruine zeigt eine prekäre Balance von erhaltener Form und Verfall, von Natur und Geschichte, Gewalt und Frieden, Erinnerung und Gegenwart, Trauer und Erlösungssehnsucht, wie sie von keinem intakten Bauwerk oder Kunstobjekt erreicht wird.“ (Hartmut Böhme „Eine Ästhetik der Ruinen“). In diesem Sinne sind Ruinen menschliche Orte. Sie brauchen den Menschen, um sie zu lesen. Lässt man sich darauf ein, geht von Ihnen eine große Faszination aus. Sie machen Geschichte mit allen Sinnen erfahrbar und erlauben Zeitreisen. Jedes Kind begreift einen verlassenen Ort sofort als Abenteuerspielplatz, in dem sich die eigene Erfahrung mit der Geschichte des Ortes vermischt und zu neuen Geschichten zusammensetzt. Es gibt sie schon jetzt – Abenteurer die den Thrill  nicht im Amazonas, sondern in der direkten Nachbarschaft suchen. Sie nennen sich Urban Explorers. (zum  Zeit Artikel)

Zerfall ist schön
Der Zerfall an sich, entwickelt seine eigene Ästhetik, die schon im 18. Jahrhundert in der englischen Gartenkunst ihren Niederschlag fand, indem der Landschaftsgarten mit künstlichen Ruinen ausgestattet wurde. Rost entwickelt eine fein abgestufte Farbigkeit und Ornamentik, die Fotografen seit jeher fasziniert. Zahlreiche Pionierpflanzen siedeln sich an, und lassen Ruinen so nach und nach zu grünen Oasen mit eigener Vegetation werden die spannend sind, weil sie sich in einem ständigen Wandel befinden und die ungeheuere Kraft der Natur dokumentieren, die sich die Orte zurück erobert. Was kommt nach dem Menschen?

In seinem Verschimmlungsmanifest vom 4. Juli 1958, forderte schon Friedensreich Hundertwasser eine Abkehr vom Rationalismus und Funktionalismus des modernen Bauens und seinem Kult des rechten Winkels. Er entwickelte eine Bauphilosophie, die sich an der „guten Kurve“, am Ornament und an ökologischer Einbindung in die Natur orientiert.

Es geht um vernünftige Konzepte
Alles das sind Gedankenexperimente mit ungewissem Ausgang. Noch ist Verfall verpönt. Doch Bär meint, wegen der niedrigen Grundstückspreise könne Wuppertal sich Ruinen leisten und damit ein Zeichen setzen. Es komme nur darauf an, ein vernünftiges Konzept, gleich einer Zwischennutzung zu entwickeln. Denn so lange noch nichts Neues da ist, sollte es darum gehen, intelligent mit dem Vorhandenen umzugehen und eine sinnvolle Nutzung dafür zu entwickeln. Die sich entwickelnden Urbanen Gärten in Wuppertal sind ein erster Schritt in diese Richtung.

Und wahrscheinlich sind jetzt erst einmal alle dagegen!

Die nächsten Veranstaltungen im Neuen Kunstverein Wuppertal:

Heute, 13. Juni 2012, 19 Uhr

Johannes Busmann – Döppersberg
Jutta Hesse – Zukunft Hofaue

Freitag, 15. Juni 2012, 19 Uhr

Heike Klussmann – Surround
Eröffnung

Mittwoch, 20. Juni 2012, 19 Uhr

Bärbel Offergeld – Schwebestaat Wuppertal
Elke Beccard – Stadthäuser für Wuppertal

http://www.neuer-kunstverein-wuppertal.de

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Fotos: Holger Bär

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