01.04.2011

Bayer HealthCare Forschungszentrum Wuppertal Hanno Wild Klaus Jelich

„Eine wichtige Säule“

Um den Wuppertaler Standort des Bayer-Konzerns muss man sich derzeit keine Sorgen machen

Die Bilanz des Jahres 2010 zeigt für den Standort Wuppertal mit dem Forschungszentrum am Aprather Weg und dem Werk an der Wupper vor allem eines: „Wuppertal ist und bleibt auch in Zukunft eine wichtige Säule von Bayer Health-Care“, bilanziert Standortleiter Klaus Jelich. In Zahlen heißt das, dass der Bereich Health-Care (Gesundheitsvorsorge) am Gesamtumsatz des Bayer-Konzerns 48,2 Prozent ausmacht. Auf den Bereich Pharma, dem Wuppertaler Schwerpunkt mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, entfallen davon 31,1 Prozent. Der Gesamtumsatz von Health-Care stieg um 5,8 Prozent auf 16,9 Milliarden Euro, was vor allem eine Folge der Dollarschwäche sei, so Jelich. Der Bereich Pharma wuchs um 4,2 Prozent auf 10,9 Milliarden Euro. Sorge bereite dem Geschäftsbereich allerdings der stark wachsende Markt der Generika (Nachahmerprodukte, wenn ein Patent ausgelaufen ist), der vor allem den Bereich der Antibabypillen (mit Schwerpunkt im Forschungszentrum Berlin) betreffe.
2010 ist das Personal in Wuppertal leicht gewachsen. So werden 57 junge Menschen in beiden Werken ausgebildet (sieben mehr als im Vorjahr). Hinzu kommen 25, die im Programm Starthilfe oder im Rahmen einer Verbundausbildung von Bayer betreut werden. Die Anzahl des Gesamtpersonals stieg um 46 auf 2.612, was laut Jelich auch in diesem Rahmen bleiben werde, denn der angekündigte Stellenabbau betreffe eher die Verwaltung, die in Berlin und Leverkusen sitzt, sowie Forschungsbereiche, die nicht in Wuppertal angesiedelt sind. Der Wuppertaler Beitrag zum Personalabbau könne nach derzeitigem Stand wohl durch die natürliche Fluktuation geregelt werden.
Was Wuppertals Stand innerhalb des Konzerns so bedeutend mache, ist, dass von den zehn umsatzstärksten Medikamenten fünf aus Wuppertal kommen, das heißt hier erforscht wurden und/oder der Wirkstoff hier hergestellt wird. Dazu zählt Nexavar (Platz vier, zur Behandlung von Nieren- und Leberkrebs) ebenso wie der Blutdrucksenker Adalat (Platz fünf). Platz sieben, acht und zehn belegen Avalox (Antibiotikum), Levitra (Potenzmittel) und Glucobay (Diabetesmedikament). Und auch der nächste Erfolg steht schon in der Warteschleife, glaubt Jelich: Mit Xarelto wurde in Wuppertal ein neues Medikament entwickelt, das großes Potenzial verspreche. Noch sei es nicht überall und vor allem nicht für alle von Bayer vorgesehenen Indikationen zugelassen. Würde diese Hürde jedoch genommen, könnte es sich durchaus an die Spitze der Top-Ten-Liste setzen, glaubt Jelich.
Bisher ist das Medikament als Thrombose-Mittel auf dem Markt. Derzeit läuft zudem die Zulassung für die Indikation Vorhofflimmern, was einen noch größeren Markt verspreche, wie Hanno Wild, Leiter des Forschungsbereichs Leitstruktur-Generierung und -Optimierung, erklärt.
Ebenfalls für den Standorterhalt sprechen Investitionen in Höhe von 34,4 Millionen Euro, die 2010 getätigt wurden, sowie Instandhaltungsmaßnahmen, die 48,8 Millionen Euro gekostet haben. Und auch 2011 soll kräftig in beide Standorte investiert werden: Geplant sind laut Jelich 43,8 Millionen Euro „echte“ Investitionen (zum Beispiel für den Bau des neuen Technikums Zellbiologie im Werk an der Wupper) sowie 51,6 Millionen Euro für die Instandhaltung.

Die Zukunft: Biologika

Damit Wuppertal auch weiterhin Erfolg in der Entwicklung neuer Wirkstoffe hat, soll vermehrt auf die Biologika-Forschung gesetzt werden. Die Forschung und Entwicklung in Deutschland habe generell seit der Fusion mit dem Berliner Pharma-Konzern Schering wieder an Wichtigkeit gewonnen, betont Wild. So wurde 2006 noch über 50 Prozent der Forschung außerhalb Deutschlands betrieben, heute seien es nur noch knapp über 30 Prozent. Das liege unter anderem daran, dass neue Forschungsgebiete wie die Biologika die enge Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen erfordere, die gerade auch in Wuppertal gegeben sei. Ein großer Standortvorteil sei zudem die Testsubstanzsammlung mit derzeit 2,9 Millionen Festsubstanzen, die es so (und in Kombination mit einer ähnlich großen Sammlung von Flüssigsubstanzen im Forschungszentrum Berlin) auch bei den großen Konkurrenten kaum gebe, erklärt Wild.
Der Weg von einer Substanz hin zu einem Medikament, das in der ersten klinischen Phase erprobt wird, dauere allerdings bis zu fünf Jahre und koste das Unternehmen gut zwei Milliarden Euro. Zudem seien nur bis zu acht Prozent der getesteten Substanzen marktfähig.
In der Entwicklung seien derzeit unter anderem ein Mittel gegen Lungenhochdruck (klinische Phase III) sowie ein sogenanntes Antikörper-Konjugat. Antikörper werden vom Immunsystem als Reaktion auf bestimmte Stoffe entwickelt. Bisher nutzt die Antikörpertechnologie sie, um bestimmte Zellen zu blockieren. Neueste Forschungen (nicht nur bei Bayer) setzen jedoch auf die Kombination von künstlich hergestellten Antikörpern und einem Wirkstoff. Das Konjugat soll Krebszellen (in diesem Fall eines Lungen- oder Magenkarzinoms) erkennen und darin den Wirkstoff freisetzen, um sie gezielt zu zerstören – und gesunde Zellen zu schonen.
In Tierversuchen sei festgestellt worden, dass ein Tumor ohne Wirkstoff rasant wächst, mit einem herkömmlichen Wirkstoff diese Entwicklung zumindest verringert werden kann und mit einem Antikörper-Konjugat aufzuhalten sei, berichtet Wild. Derzeit befindet sich die Entwicklung in der klinischen Phase I. Sollte die Kombination von Antikörpertechnologie und Wirkstoff erfolgreich sein, könnte in etwa fünf Jahren das Medikament auf den Markt kommen.
Nicht nur bei Bayer bildet die Krebsforschung einen wichtigen Bereich, denn bisher gebe es kaum Medikamente, die gezielt für eine Krebsart entwickelt wurden und noch viele Krebsarten völlig unerforscht seien. Insgesamt hat Wuppertal in allen Forschungsgebieten derzeit 46 Entwicklungskandidaten, die sich in den klinischen Phasen I bis III befinden.
NAS

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