08.02.2026Uli Schmidt
Wuppertal fällt in den Mirker Hain Bäume – und nennt es Verkehrssicherung
Die Stadt Wuppertal informiert wieder einmal pflichtbewusst darüber, dass Bäume gefällt werden müssen. Diesmal trifft es den Mirker Hain. Die offizielle Begründung klingt wie immer alternativlos:
„Bei zahlreichen Gefahrenbäumen ist leider die Standsicherheit nicht mehr gewährleistet, weshalb die Stadt ihrer Verkehrssicherungspflicht nachkommen muss.“
Die ausführlichere Version dieser Mitteilung findet sich in den städtischen Vorlagen und Beschlüssen. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Die Fällungen kommen nicht überraschend – und sie haben mehr Hintergründe als nur angebliche Gefahr im Verzug.
Eine lange Liste – schon seit Monaten bekannt
Bereits im November des vergangenen Jahres veröffentlichte die Stadt eine umfangreiche Baumfällliste für den Winter 2025/26. Aufgeschlüsselt nach Bezirksvertretungen fällt dabei besonders ein Bereich auf: BV Uellendahl-Katernberg – und darin der Mirker Hain.
Allein dort sind 85 bis 95 Bäume zur Fällung vorgesehen.
Wohlgemerkt:
Erfasst werden nur Bäume mit einem Stammumfang ab 100 cm
Kleinere, jüngere oder ebenfalls geschädigte Bäume tauchen in der Statistik gar nicht auf
Die reale Zahl der verlorenen Bäume dürfte also deutlich höher liegen.
Transparenz? Fehlanzeige.
In einer digitalen Stadt müsste es selbstverständlich sein, diese Informationen öffentlich, nachvollziehbar und kartografisch darzustellen – etwa über den „Digitalen Zwilling“ oder ein Baumkataster.
Eigentlich müsste es:
für jeden einzelnen Baum einen Prüfbericht
eine dokumentierte Gefahrenbewertung
eine nachvollziehbare Entscheidungskette
geben.
Doch Transparenz ist offenbar nicht die Kernkompetenz des Grünflächenamtes.
Erfahrungswerte mit IFG- oder UIG-Anfragen zeigen ein bekanntes Muster:
Anfrage wird ignoriert
Es wird behauptet, Informationen lägen nicht vor
Die Aufsichtsbehörde muss eingeschaltet werden
Dann stellt sich heraus: Die Informationen existieren sehr wohl
Am Ende soll die Herausgabe plötzlich Geld kosten
Und währenddessen?
Sind die Bäume längst gefällt.
Gefahrenbäume – oder störender Wildwuchs?
Auffällig ist, dass ausgerechnet im Mirker Hain die Zahl angeblicher „Gefahrenbäume“ besonders hoch ist. Zufall?
Oder hängt das möglicherweise damit zusammen, dass Teile der Verwaltung eine Vorliebe für „historische Parkanlagen“ haben – inklusive freigeräumter Sichtachsen, gepflegter Ordnung und möglichst wenig 60 Jahre altem Wildwuchs, der dieses Ideal stört?
Für solche „Aufwertungen“ werden nicht selten Gutachten beauftragt, die am Ende genau das bestätigen, was politisch und planerisch ohnehin gewünscht ist: mehr Licht, mehr Ordnung, weniger Natur.
Kontrolle unmöglich, Fakten geschaffen
Gegengutachten? Praktisch unmöglich.
Die Vitalität eines Baumes lässt sich im Winter nur sehr eingeschränkt beurteilen
Nach der Fällung sind alle Beweise verschwunden
Die Kettensäge schafft unumkehrbare Fakten
Recht haben nützt wenig, wenn der Baum bereits geschreddert ist.
Holzverkauf statt Naturschutz?
Ein weiteres Detail aus den Haushaltsunterlagen wirft Fragen auf:
Das Grünflächenamt plant, 3 % mehr Einnahmen durch Holzverkäufe zu erzielen.
Brennholz allerdings bringt kaum Erlöse. Bleibt also nur die Hoffnung, dass sich die gefällten Altbäume irgendwie „gut vermarkten“ lassen.
Gute Nacht, liebe Fledermäuse, lauf schnell weg Eichhörnchen und lass die Nüsse lieber zurück.
Besonders zynisch wird es beim Thema Artenschutz.
Baumhöhlen im Mirker Hain sind potenzielle Winterquartiere für Fledermäuse. Insgesamt sind selbst sterbende Bäume noch voller Leben als Habitat Baum für eine Biodiversität besonders wichtig.
Doch keine Sorge:
Die Stadt will ja „für fast jeden großen Baum wieder einen neuen pflanzen“ –
vorausgesetzt, der Haushalt gibt das her.
Ein 30 Meter hoher Altbaum gegen einen frisch gesetzten Jungbaum –
das nennt man in Wuppertal offenbar Ausgleich.
Fazit
Der Mirker Hain wird nicht „gesichert“.
Er wird umgestaltet, ausgedünnt und dauerhaft verändert – unter dem Deckmantel der Verkehrssicherung.
Transparenz bleibt aus.
Kontrolle ist faktisch unmöglich.
Und wenn die Bürger*innen es bemerken, ist der Wald schon weg.
Aber hey:
Die Stadt hat es ja angekündigt.
Ist das nicht nett? Nun eine Verkehrssicherung würde sich auch durch Bauzäune verwirklichen lassen. Todgesagte leben schon mal länger. So könnt es nicht unwahrscheinlich sein das etliche Bäume noch lange stehen würden nachdem der Feuerverzinkte Baustahl schon wegoxidiert wäre. Wir sind natürlich Baumliebhaber und würden niemals Bäume hinter einen Bauzaun einsperren. Dann doch lieber ein schnelles Ende mit der Kettensäge.
Quellen:
Sicherungsarbeiten im Mirker Hain | Wuppertal
SessionNet | Fällung von Einzelbäumen und Auslichtung der Grünanlagen 2025/26
SessionNet | Entwicklungskonzept für die Parkanlage Mirker Hain
Weiter mit:
Im Mirker Hain sollen 85 bis 95 Gefahrenbäume gefällt werden. Sie glauben, dass es keine Gefahrenbäume sind, haben aber keine Anhaltspunkte dafür. Als Motiv nehmen Sie übertriebene Ordnungsliebe an, haben aber auch dafür keine Anhaltspunkte. Wow.