04.12.2021

Spitzentitel zu Weihnachten: Klaus Goebel, Markus Kiel, Elias Canetti

Drei Bücher, die man guten Gewissens und im Bewusstsein, dem zu Beschenkenden zu einer anregenden Lektüre zu verhelfen, verschenken kann, seien auch 2021 den Leserinnen und Lesern von njuuz ans Herz gelegt.

Und zwar zwei Titel aus jüngster Zeit und ein älteres Werk, das seinen Glanz noch nicht verloren hat.

Ein Glücksfall für die Geschichtswissenschaft: Klaus Goebel legt die Erinnerungen des Schlossers Hermann Enters vor, niedergeschrieben im Jahre 1927 und auf verschlungenen Wegen Ende der 1980er-Jahre aufgetaucht. Es handelt sich um eine quantitativ und qualitativ deutlich erweiterte Fassung der 1922 zu Papier gebrachten Memoiren, die Goebel und Günther Voigt 1970 unter dem Titel „Die kleine, mühselige Welt des jungen Hermann Enters. Erinnerungen eines Amerika-Auswanderers an das frühindustrielle Wuppertal“ herausbrachten.

Goebel, der wie bereits beim „kleinen Enters“ mit großer Umsicht in fast 400 Fußnoten Unverständliches erklärt und den Text hie und da behutsam ergänzt, fühlt sich in dessen Erzählvermögen an Oliver Twist und David Copperfield erinnert, wie er es in einem Zoomvortrag vor Mitgliedern des Bergischen Geschichtsvereins am 2.9.2021 formulierte. Die Veröffentlichung ist mit zahlreichen Fotos und Faksimiles versehen, die die Anschaulichkeit des Lebensberichts steigern, darunter Aufnahmen von Hermann Enters und seiner Frau Auguste geb. Leckebusch sowie eine Karte der „Route des Soldaten Hermann Enters in Frankreich 1870/71“, die, wenn auch eine Druckseite füllend, zu klein geraten ist. Alles in allem ein ganz großer Wurf, mit dem der Ronsdorfer Historiker einem frühen Auswanderer … und sich selbst ein großes Denkmal gesetzt hat.

Während Enters zu den Wuppertalern gehört, dessen Nachfahren mit Respekt seiner gedenken, haben wir es bei Wilhelm Veller mit einer berüchtigten Gestalt aus Deutschlands finsterster Zeit zu tun. Typisch für ein Mitglied des NSDAP, kam er 1918 mittellos und scheinbar ohne Perspektive aus dem Weltkrieg nach Hause, griff gierig zu den NS-Versatzstücken Hass und Verachtung gegenüber Linken wie auch jüdischen Mitbürgern und machte, rücksichtlos, wie er war, schnell Karriere bei den Nazis, „erfand“ das KZ Kemna und fand, Ironie der Geschichte, gleich im Juni 1941 auf dem Barbarossa-Feldzug den „Heldentod“.

Geschrieben hat das Opus Markus Kiel, der auch mit biographischen Arbeiten über Alfred Straßweg und Friedrich Ludwig Wachs hervorgetreten ist. Was ihn schon bisher auszeichnete, führt er nun zu einem furiosen Höhepunkt, nämlich die schon erdrückende Verwendung von Dokumenten wie Urkunden, Ausweise und Briefe, sowie die Wiedergabe einer gewaltigen Zahl von Fotos und Faksimiles. Opulent! Leider steht er sich selbst etwas im Weg mit seiner Art des Zitierens oder mit der von ihm so geliebten Totalitarismusdoktrin.

Im Unterschied zu Kiel und Goebel ist das dritte dem Leser ans Herz gelegte Buch ein Roman, also eine fiktive Geschichte um einen Bücher und Theorien verschlingenden und produzierenden Sinologen, der ein bizarres Einsiedlerleben führt, aus dem ihn, scheinbar und in Wirklichkeit bis zur Selbstverbrennung treibend, seine Haushälterin und Frau hinausführt.

In der deutschen Literatur einzigartig, zeigt Canetti in seinem mit Mitte 20 geschriebenen Roman, wie Menschen, hier vor allem der Wissenschaftler Kien und seine Frau, grotesk-missverständlich aneinander vorbeireden: eine Allegorie auf die Zwischenkriegszeit und die angeblich goldenen Zwanzigerjahre. Wer sich selbst etwas gönnen will oder noch etwa Gedrucktes sucht, das er unter den Baum legen kann, ist mit diesen sehr unterschiedlichen, aber gut zu lesenden Werken bestens bedient. MATTHIAS DOHMEN

Klaus Goebel, Hermann Enters wandert aus. Lebenserinnerungen (1846-1940), Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2021 (= Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde des Wuppertals, Bd. 48), 279 S., ISBN 978-3-412-52264-3, 29,00 Euro.

Markus Kiel, „Rein nationalsozialistisch gesehen …!“. Die kritisch betrachtete Biografie des SA-Führers und Wuppertaler Polizeipräsidenten Willy Veller, Münster: agenda 2019, 206 S., ISBN 978-3-89688-630-9, 19,90 Euro.

Elias Canetti, Die Blendung. Roman, Frankfurt am Main: Fischer 42019 (= Fischer-Taschenbuch Klassik, 90321), 590 S., ISBN 978-3-596-90321-4, 14,00 Euro.

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