Der Verzicht bleibt unverzichtbar

Eine Vorlesung der Bergischen Universität zum nachhaltigen Konsum

Nachhaltiger Konsum – dieses Thema scheint die Studierenden der Bergischen Universität nur mäßig zu interessieren. Die Vorlesung „Nachhaltigen Konsum ermöglichen – eine Gemeinschaftsaufgabe?“ wurde am Dienstagabend von ungefähr 30 Zuhörerinnen und Zuhörern besucht – davon waren schätzungsweise die Hälfte Studierende. Von den 23.000 Studierenden der Bergischen Universität war also ungefähr nur jeder Tausendste gekommen.

Als Referenten waren sie Soziologin Laura Behrmann von der Universität und Markus Kühlert als Wirtschaftswissenschaftler vom Wuppertal-Institut eingeladen. Beide versuchten in ihren halbstündigen Vorträgen der Frage nach den Möglichkeiten eines nachhaltigen Konsums nachzugehen.

Markus Kühlert konzentrierte sich beim Konsum auf die natürlichen Ressourcen und gab einen Überblick über den desaströsen globalen Ressourcenverbrauch: In einem Zeitraum, in dem die Bevölkerung um den Faktor 1,4 wuchs, schnellte der Ressourcenverbrauch um mehr das Zweifache in die Höhe. Dass gleichzeitig die Wiederverwendung natürlicher Ressourcen gering ist, rundete das desaströse Bild ab. Bei den seltenen Erden beispielsweise liegt die Recyclingquote bei weniger als einem halben Prozent. Die größten Treiber des Ressourcenverbrauchs beim Konsum seien Wohnen und Mobilität, also genau die Bereiche, in denen eine Verhaltensänderungen kurz- und mittelfristig am schwierigsten zu erreichen seien.

Als Gegenmittel empfahl der Referent eine stärkere soziale Integration und Gleichheit. Er sprach von Disparitäten, also von Ungleichheiten in der Gesellschaft, die es zu vermeiden gelte. Vom sozialen Miteinander hänge die Lebenszufriedenheit der Menschen ab, man müsse alle Teile der Bevölkerung in das Boot des nachhaltigen Konsums holen. Dass dieses Boot ein Leck hat, war allerdings schon angesichts der eingangs präsentierten Statistiken zu Ressourcenverbrauch deutlich geworden.

Warum gerade der soziale Zusammenhalt dem verschwenderischen Umgang mit Ressourcen entgegenwirken soll, blieb dem interessierten Zuhörer unplausibel. So war an dieser Stelle wenig vom sogenannten Rebound die Rede, also von der Tatsache, dass eine immer effizientere Technik zu mehr Verbrauch führt. Wenn beispielsweise immer effektivere Automotoren zu immer stärkeren Motoren führen, dann führt der Weg der Konsumenten nicht zum sparsamen Kleinwagen, sondern zum günstigen SUV. Ob hier eine Stärkung der Idee von Gemeinschaft den Run auf den Bürgerpanzer SUV stoppen kann, erscheint fraglich.

Die Referentin Laura Behrmann ging als Soziologin ebenfalls auf den Begriff der Gemeinschaft ein. Im Gegensatz zum Begriff „Gesellschaft“ binde „Gemeinschaft“ den Einzelnen stärker an die ihn umgebenden Kollektive und Gruppen. Aber auch hier blieb dem geneigten Zuhörer unplausibel, warum eine stärkere Bindung durch die Gemeinschaft den nachhaltigen Konsum stärken könnte.

Interessant waren die von ihr vorgestellten Ergebnisse ihrer Untersuchungen zu den Hintergründen des Klimaaktivismus unter Jugendlichen. So rekrutieren sich diese Klimaaktivisten zu 52 % aus der oberen Mittelschicht mit all ihren Privilegien und reichen Ressourcen und bilden mit ihren Forderungen und Protestformen die Gesellschaft nur einem Teil ab. Dementsprechend ist ihre Forderung nach nachhaltigem Konsum angesichts der größeren Privilegien und umfangreicheren Ressourcen dieser Schicht kein Modell für eine breitere gesellschaftliche Lösung.

Zudem befinde sich die Mittelschicht in einer schwierigen Situation und kämpfe derzeit gegen ihren vermeintlichen Abstieg; individuelle Emotionen und Ängste spielten hier eine weitaus größere Rolle als gesellschaftliche Aspekte des erwünschten Miteinanders. Auch ihr großes Bildungs- und Sozialkapital ermöglicht dieser Schicht eine nachhaltige Selbsttäuschung ihres wenig nachhaltigen Konsums. Zudem erweise die zuzunehmende „Eventisierung“, die Inszenierung von Protest als kollektives Erlebnis, dem nachhaltigen Konsum einen Bärendienst. Insgesamt sind es also eher schlechte Zeiten für die Forderung nach nachhaltigem Konsum, zumal das Thema Klimawandel und Konsum inzwischen auch Eingang in die polarisierenden politischen Kulturkämpfe gefunden hat.

Die anschließende Diskussion drehte sich vor allem um den Begriff „Verzicht“: Aus dem Publikum wurde die Frage gestellt, ob dieser Begriff nicht eher abschrecke als zu nachhaltigem Konsum zu motivieren. Beide Referenten räumten dies ein, meinten aber, dass es schwierig sei, andere Worte in diesem Zusammenhang zu verwenden, man also nicht ganz auf das Wort „Verzicht“ verzichten könne. Die Referentin betonte auch, dass spätestens bei den eigenen Kindern Verzicht keine Rolle mehr spiele – die investierten Summen bewegten sich hier je nach Einkommen zwischen 300 und 2000 Euro pro Monat für ein Kind. Diese Investitionen in die eigenen Kinder würden vor dem Hintergrund des vermeintlichen Abstiegskampfes der Mittelschicht gerade nicht hinterfragt.

Eine bündige Antwort auf die Frage nach den Möglichkeiten eines Wandels hin zu nachhaltigem Konsum blieb an diesem Abend also aus. Einig waren sich die beiden Referenten aber darin, dass dieser nicht einfach zu verordnen oder zu planen sei. Weder sei die Gesellschaft als Ganzes planbar, noch ließen sich verlässliche Prognosen über ihre weitere Entwicklung treffen; auch die Modelle in den Wirtschaftswissenschaften litten unter den Unwägbarkeiten der globalen Ökonomie und der eben nicht immer rationalen Natur des Menschen.

Auch wenn die beiden Vorträge stellenweise zu wenig pointiert waren, so blieben sie doch frei von Phrasen und den üblichen Floskeln und waren mutig genug, einer gewissen Ratlosigkeit Raum zu geben – wohl auch in der Hoffnung, Forschung und Praxis zu diesem Thema voranzubringen.

 

 

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