22.01.2026evangelisch wuppertal
Zwischen zwei Lebenswelten
Schon seit über einem Jahr ist Verena Kroll für die Kirchengemeinde Uellendahl-Ostersbaum und die Bergische Gehörlosengemeinde da. Jetzt wird sie offiziell als Pfarrerin in beide Stellen eingeführt.

Schon seit über einem Jahr ist Verena Kroll für die Kirchengemeinde Uellendahl-Ostersbaum und die Bergische Gehörlosengemeinde da. Jetzt wird sie offiziell als Pfarrerin in beide Stellen eingeführt.
Sie bringen nicht nur zwei halbe Stellen unter einen Hut, sondern mit der hörenden und gehörlosen Gemeinde auch zwei verschiedene Welten. Was ist dabei für Sie die größte Herausforderung?
Verena Kroll: Ich liebe meinen Beruf, aber die größte Herausforderung ist es für mich, mich nicht zwischen den drei Welten (Familie und zwei Gemeinden) zu verlieren. Und nach den Gehörlosengottesdiensten ist es für mich sehr schwer, ohne Gebärden am Abendbrottisch zu erzählen – das findet meine Familie dafür sehr witzig. Beide Gemeinden wissen auch zu wenig voneinander, zu verschieden sind die Lebenswelten an vielen Punkten. Und ich stehe immer in der Mitte und versuche beiden gerecht zu werden.
Für die Pfarrstelle in der Gehörlosengemeinde haben Sie die Gebärdensprache gelernt. Was gefällt Ihnen am Gebärden?
Verena Kroll: Ich mag die Direktheit. Man weiß sofort, woran man beim Gegenüber ist. Und es ist eine sehr lebhafte Sprache, bei der der ganze Körper spricht. Dadurch fühlt man ganz anders, was man sagt und sieht. Wenn ich in Gebärdensprache spreche, dann verändert sich mein ganzer Körper, meine Mimik, meine Gestik, häufig auch mein Denken.
In Gebärdensprache spüre ich die altvertrauten Worte des Vater-Unser auf ganz neue Art und Weise.
Etwa beim Vater-Unser, ich spüre diese altvertrauten Worte auf ganz neue Art und Weise, nehme den Inhalt noch einmal neu wahr. Es berührt mich tief.
Was sind für Sie die größten Unterschiede zwischen der hörenden und gehörlosen Gemeinde?
Verena Kroll: Die hörende Gemeinde ist die Gemeinde, die ich in meinem Alltag auch treffe. Beim Supermarkt an der Kasse, im Kindergarten und der Grundschule mit meinen Kindern. Dadurch ist es leicht ein Gespür zu bekommen, wie es den Menschen gerade geht. Das ist in der gehörlosen Gemeinde ein wenig schwieriger, weil die Mitglieder teils weit entfernt wohnen und nur für die Gottesdienste und Freizeiten hier hinkommen.
Einführung in den Pfarrdienst
Verena Kroll wird am Sonntag (25.01.) um 15 Uhr von Superintendentin Ilka Federschmidt als Pfarrerin der Kirchengemeinde Uellendahl-Ostersbaum und der evangelischen Gehörlosenseelsorge Bergisches Land eingeführt. Der Gottesdienst findet im Gemeindezentrum Uellendahl (Röttgen 102) statt und wird in Gebärdensprache übersetzt.
Ich bin dann immer froh, wenn ich zwischendurch auch mal ein Foto oder eine Nachricht geschickt bekomme oder doch mal jemanden im Supermarkt treffe.
Die Herausforderungen und Sorgen sind in beiden Gemeinden ähnlich, haben aber eine andere Bedeutung.
Und natürlich sind die Herausforderungen, Sorgen und Probleme ähnlich, aber haben eine andere Bedeutung. Zum Beispiel: Wenn mir aus der hörenden Gemeinde jemand von einer Augenkrankheit erzählt, berührt mich das natürlich, und ich verstehe die Sorgen und Ängste. Die gleiche Situation in der Gehörlosengemeinde bekommt aber auf einmal eine ganz andere Bedeutung, weil ja bereits ein Sinn eingeschränkt oder komplett ertaubt ist.
Wir reden in Deutschland viel von Inklusion. Wie verstehen Sie diesbezüglich Ihre Aufgabe als Pfarrerin einer hörenden und gehörlosen Gemeinde?
Verena Kroll: Inklusion ist wichtig, aber ich erlebe ganz oft, dass die gehörlose Gemeinde auch mal nicht inkludiert werden möchte, sondern eigene exklusive Angebote hat. Hier wird die Inklusion dann umgedreht und die Gehörlosen bilden die Mehrheit. Das empfinde ich als sehr wertvoll, weil es mir zeigt, wie häufig Menschen mit Einschränkungen sich anpassen müssen, auf Barrieren stoßen oder übersehen werden – und wie sich das dann anfühlen könnte. Wenn ich es nur mit großer Anstrengung schaffe, den vielen Gesprächen zu folgen, die um mich herum passieren oder wenn ich nicht weiß, ob gerade über mich oder mit mir geredet wird – dann sind das für mich kurze Momente in meinem Alltag. Für Gehörlose ist es ihr Alltag.
Es ist mein Wunsch, mit Herzen, Mund und natürlich Händen Gottesdienste zu feiern, wo wirklich jede und jeder teilhaben kann.
Dennoch ist es mir wichtig, beide Gemeinden auch zusammen zu bringen. Gerade, weil es ja neben vollständiger Taubheit auch Schwerhörigkeit, Cochlear-Implantate und andere Hörschädigungen gibt, die weder in der gehörlosen noch in der hörenden Welt einen festen Platz haben. Das dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren und darum ist es mein Wunsch mit Herzen, Mund und natürlich Händen Gottesdienste zu feiern, wo wirklich jede und jeder teilhaben kann. Aus diesem Grund soll ab Ostern auch die Kirche Miteinander der hörenden Gemeinde mit Deutscher Gebärdensprache ergänzt werden und so „noch miteinanderiger“ werden.
Die evangelische Kirche befindet sich in einem großen Umbruch, den Sie als jüngere Pfarrerin mitgestalten werden. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Kirche?
Verena Kroll: Ich wünsche mir, dass wir mutig sind, uns auf Neues einzulassen und den Sprung ins kalte Wasser wagen. Raus aus unseren gemütlichen Bezirken und Gemeinden, ohne dabei den Kontakt zu den Menschen zu verlieren. Das wird, zugegebenermaßen, ein großer Spagat werden. Aber ich freue mich darauf, diesen Weg gemeinsam mit so vielen tollen Menschen zu gehen.
Das Gespräch führte Sabine Damaschke.
Zur Person:
Dr. Verena Kroll wurde am 14.04.1989 in Haan geboren und wuchs in Wuppertal-Barmen auf. Sie hat evangelische Theologie in Essen, Bochum und Wuppertal studiert und über das Thema „Pfarrpersonen unter Druck – Strategien des Umgangs mit Erwartungen im Pfarrberuf“ promoviert. Nach ihrem Vikariat in der Gemeinde Langerfeld arbeitet sie seit Oktober 2024 als Pfarrerin im Probedienst in der Kirchengemeinde Uellendahl-Ostersbaum und der Bergischen Gehörlosengemeinde. Seit November 2025 ist sie die gewählte Pfarrerin beider Gemeinden. Verena Kroll ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Foto: privat
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