Zwischen Götzenfest und Gottesdienst

Während in Köln und Düsseldorf auch in den evangelischen Kirchen kräftig Karneval gefeiert wird, ist in Wuppertal nur eine Gemeinde richtig "jeck". Das hat mit der Geschichte der Stadt und ihrem starken Protestantismus zu tun.


Während in Köln und Düsseldorf auch in den evangelischen Kirchen kräftig Karneval gefeiert wird, ist in Wuppertal nur eine Gemeinde richtig „jeck“. Das hat mit der Geschichte der Stadt und ihrem starken Protestantismus zu tun.

Büttenpredigt, Choräle im Dreivierteltakt und Polonaise im Kirchcafé: Pfarrerin Norma Lennartz hat den Karneval in ihrer Gemeinde Uellendahl-Ostersbaum (s. Foto) salonfähig gemacht. Seit 2008 wird hier ausgiebig gefeiert. Karnevalsgottesdienste – vor allem als Familienevent mit verkleideten Kindern – gibt es zwar auch in anderen Wuppertaler Gemeinden. Aber eine feste Tradition wie in Köln oder Düsseldorf haben die Protestanten hier nicht daraus gemacht.

Denn die Skepsis gegenüber dem närrischen Treiben war in Wuppertal lange Jahre groß. Der Karneval galt als „Götzenfest“, das in den Kirchen nichts zu suchen hatte. Die Protestanten fühlten sich sogar berufen, die Wuppertaler vor dem närrischen Treiben in Wirts- und Vereinshäusern und erst recht auf den Straßen zu warnen. In einem Zeitungsartikel von 1898 wurden sie aufgefordert, „angesichts der verwüstenden Wirkungen, welche die mit der Karnevalsfeier verbundenen sittlichen Ausschreitungen auf unser ganzes Volksleben üben, diesem Unwesen nach Kräften entgegen zu treten“.

Feiern trotz aller protestantischen Bedenken

Viele Barmer und Elberfelder Bürger aber dachten nicht daran. Sie betrachteten das närrische Treiben in Köln, Düsseldorf und Mainz nicht nur mit großem Interesse. Die Barmer hatten 1866 sogar den ersten öffentlichen Umzug gestartet, wie Historiker Heiko Schnickmann berichtet. Und dabei ein Motto gewählt, das ihre Nachbarn in Elberfeld ärgern sollte: „Wir Barmer können uns das leisten“.

Eduard Edelmann, Präsident zweier Karnevalsgesellschaften und angesehener Inhaber eines Putzgeschäfts, sei auf dem Rosenmontagsumzug sogar als „Prinzess Venetia“ verkleidet und geschminkt aufgetreten, erzählt Schnickmann. Der Grund: Seine Frau, die diese Rolle eigentlich spielen sollte, war erkrankt. Dennoch kam diese aus der Not geborene Aktion bei vielen Protestanten gar nicht gut an.

Auch Maskenbälle waren gestattet. Allerdings musste für die Verkleidung bei der Polizei eine Genehmigung eingeholt werden, die sechs Groschen zugunsten der Armen kostete.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte schließlich in ganz Wuppertal zu einem unerwarteten Ende des Karnevals. „Auch in den 1920er Jahren verhinderten finanzielle Engpässe und mangelnder Mut eine Wiederbelebung, sodass einige Karnevalisten stattdessen nach Köln ausweichen mussten, um an Sitzungen teilzunehmen“, weiß der Historiker. Dennoch blühte die lokale Karnevalskultur langsam wieder auf.

Das Aufblühen der Karnevalskultur

So richtig Fahrt nahm sie nach Recherchen Schnickmanns aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Schon 1948 gründete sich die Prinzengarde der Stadt Wuppertal. Einen eigenen Narrenruf gab es seit 1951 mit „Wupp-Di-Ka“, einer Zusammensetzung aus „Wuppertal – die Karnevalisten“.

Auch aus den evangelischen Gemeinden gab es Menschen, die mitfeierten. In den siebziger Jahren versuchte Gottfried Gurland, Geschäftsführer der Kirchlichen Hochschule, Wuppertaler Oberbürgermeister und Pfarrerssohn, zu zeigen, dass evangelische Frömmigkeit und Karneval zusammenpassen. So übergab er den Wuppertaler Stadt-Schlüssel im Rathaus feierlich an die Narren.

Karneval als Ausdruck des Glaubens

In die Gottesdienste schafften es Büttenpredigt und Polonaise aber deshalb noch lange nicht. Norma Lennartz hat sie als erste Pfarrerin in einer Wuppertaler Gemeinde fest etabliert. „Ich komme aus einer sehr jecken Familie. Karneval gehört von klein auf zu meinem Leben“, sagt sie.

Pfarrerin Norma Lennartz liebt die Büttenpredigt und verkleidet sich gerne als Kapitänin.

Die Büttenpredigt falle ihr sogar leichter als eine klassische Predigt, gibt sie zu. „In Versform muss ich meine Gedanken klarer formulieren und schneller auf den Punkt bringen.“ Die Gemeinde ist aktiv beteiligt: An mehreren Stellen ergänzt sie die Reime, spricht Kehrverse mit – Kirche wird zum gemeinsamen Erlebnis.

Wo der Karneval in Wuppertal lange als Götzenfest galt, feiert ihn heute eine Pfarrerin als Ausdruck von Gemeinschaft, Lebensfreude und Glauben. Nicht trotz des Protestantismus – sondern mitten in ihm.

Text: Sabine Damaschke/Heiko Schnickmann
Fotos: Norma Lennartz/pixabay

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