30.01.2026evangelisch wuppertal
Zwischen Bahnhof und Hoffnung
Auch auf Wuppertals Straßen sind sie zu finden: Jugendliche ohne festen Wohnsitz. Madleine Gabriel von der Diakonie Wuppertal begleitet sie in ihrem Alltag zwischen Bahnhof und Behördenstress. Eine Reportage zum Tag der Straßenkinder am 31. Januar.

Auch auf Wuppertals Straßen sind sie zu finden: Jugendliche ohne festen Wohnsitz. Madleine Gabriel von der Diakonie Wuppertal begleitet sie in ihrem Alltag zwischen Bahnhof und Behördenstress. Eine Reportage zum Tag der Straßenkinder am 31. Januar.
Für Streetworkerin Madleine Gabriel ist es absoluter Grundsatz: „Bei mir geht niemand hungrig weg“, sagt sie. Egal, ob sie in Wuppertal am Bahnhof unterwegs ist oder Jugendliche in ihrem Büro berät: Immer fragt sie zuerst, ob sie schon etwas gegessen und getrunken haben. Was meistens nicht der Fall ist. Wasser, Schokobrötchen und Müsliriegel hat die 26-jährige Sozialarbeiterin stets dabei. Viele Jugendliche greifen zu, bevor sie mit Madleine Gabriel über das sprechen, was ihnen gerade Probleme macht.
Und Grund sich zu sorgen, gibt es genug: Stress im Elternhaus oder der Wohngruppe, die Schule geschmissen, von zuhause abgehauen, bei Freunden oder in der Jugendschutzstelle geschlafen, kein Geld, aber Konflikte mit der Polizei oder Ausländerbehörde. Die Probleme sind vielfältig und so verschieden wie die Mädchen und Jungen, mit denen Madleine Gabriel es täglich zu tun hat.
Verdeckte Wohnungslosigkeit
Seit über fünf Jahren arbeitet die Streetworkerin bei der „Mobilen Kinder- und Jugendarbeit der Diakonie Wuppertal – Kinder, Jugend, Familie gGmbH“. Ihre Stelle wird durch eine private Stiftung ermöglicht und durch die Diakonie Wuppertal finanziell ergänzt.
Rund 250 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 27 Jahren trifft Madleine Gabriel monatlich auf den Straßen in Oberbarmen, Wichlinghausen und Heckinghausen. Etwa 40 von ihnen kommen pro Monat zu ihr ins Büro, um sich Unterstützung bei Anträgen, Bewerbungen oder der Wohnungssuche zu holen.

Madleine Gabriel hat immer Wasser, Obst und Snacks für die Kinder und Jugendlichen dabei.
Einige von ihnen gehören zu den schätzungsweise 44.000 Kindern und Jugendlichen in Deutschland, die laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts ohne festen Wohnsitz leben. Sie übernachten bei Freunden oder Bekannten, in der Jugendschutzstelle oder als junge Erwachsene manchmal auch in einer Notunterkunft. Viele verbringen ihre Tage in stetig wechselnden Wohnungen, am Bahnhof, in Passagen oder Schnellimbissen.
Teilhabe möglich machen
Dort kommt auch Madleine Gabriel regelmäßig hin, um zu hören, wie es den Jugendlichen geht, die größtenteils zwischen 15 und 22 Jahren alt sind. Sie berät sie in ihrem Büro, begleitet sie zu Terminen bei Behörden, beim Arzt oder der Polizei und lädt sie in die „Offene Tür“ der Diakonie ein, wo sie gemeinsam mit ihnen kocht und spielt, organisiert Ausflüge in Freizeitparks oder ins Kino.
„Viele sind schon lange nicht mehr in der Schule gewesen und müssen erst wieder lernen, sich in einer Gruppe zurechtzufinden“, sagt sie. „Gemeinsam etwas Schönes zu erleben, ist unfassbar wichtig für diese Jugendlichen, die so viel Ablehnung und zum Teil auch Gewalt erfahren haben. Das brauchen sie dringend.“
Madleine Gabriel kennt die Geschichten von Jugendlichen, die aus Elternhäusern kommen, in denen Armut, Arbeitslosigkeit, Gewalt und Sucht eine Rolle spielen. Sie weiß von ungewollten Schwangerschaften und Haftstrafen für den Diebstahl von Lebensmitteln und Schwarzfahrten in der Bahn, weil es im Winter so kalt war.
Vertrauen als Basis der Kontakte
Vieles erfährt sie „eher nebenbei“ in Gesprächen, die während der Ausflüge, der Kochnachmittage oder in der „Offenen Tür“ der Diakonie stattfinden. „Es dauert oft lange, bis diese Jugendlichen Vertrauen zu Erwachsenen haben“, erzählt sie. „Doch inzwischen habe ich zu vielen eine so vertrauensvolle Beziehung, dass sie auch ihren Freunden raten, sich bei Problemen direkt an mich zu wenden.“

Madleine Gabriel ist viel am Bahnhof unterwegs – und immer per Handy erreichbar.
Meist geschieht das per Handy und eher spontan. Einen geregelten Arbeitsalltag kennt die Streetworkerin daher nicht. Der Klassiker, so sagt sie, seien Anrufen am 18. Geburtstag. „Dann habe ich Jugendliche am Ohr, die von ihren Eltern rausgeschmissen oder aus Wohngruppen entlassen wurden und mich fragen: Und was jetzt, Madleine?“ Sie hilft dabei, einen Schlafplatz zu organisieren, einen Minijob und bestenfalls auch einen Schul- oder Ausbildungsplatz zu finden.
Lebensziele nicht aufgeben
„Viele Jugendliche brauchen mehrere Anläufe, bis sie den Weg in ein selbstständiges und geregeltes Leben finden“, sagt sie. „Als Sozialarbeiterin brauche ich da oft einen langen Atem.“ Wichtig ist ihr, dass sie Lebensziele haben und diese nicht aufgeben. „Die meisten wünschen sich gar nicht viel: einen Lebenspartner, Kinder, eine Wohnung und einen Job“, weiß Madleine Gabriel. „Und das i-Tüpfelchen ist ab und zu ein Urlaub, denn den kennen viele gar nicht.“
Auch das versucht die Sozialarbeiterin möglich zu machen. Zweimal war sie mit einigen Jugendlichen für eine Woche in einem Freizeitheim in Wolfsburg und Stralsund. „Sie waren so begeistert und dankbar für diese Zeit, dass ich das gerne häufiger anbieten würde“, sagt Madleine Gabriel. „Überhaupt erlebe ich viele als ausgesprochen freundlich.“
Text und Fotos: Sabine Damaschke
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