13.01.2026evangelisch wuppertal
Im Schatten der Schwebebahn
Am Ortseingang des Wuppertaler Stadtteils Sonnborn grüßt sie die Fahrgäste der Schwebebahn: Seit 100 Jahren steht die Hauptkirche unübersehbar und mächtig wie eine Burg neben der weltberühmten Bahn. Die Gemeinde feiert das Jubiläum ab dem 19. Januar mit vielen Veranstaltungen.

Am Ortseingang des Wuppertaler Stadtteils Sonnborn grüßt sie die Fahrgäste der Schwebebahn: Seit 100 Jahren steht die Hauptkirche unübersehbar und mächtig wie eine Burg neben der weltberühmten Bahn. Die Gemeinde feiert das Jubiläum ab dem 19. Januar mit vielen Veranstaltungen.
Wenn die Schwebebahn am Sonntag während des Gottesdienstes in der Sonnborner Hauptkirche wieder einmal geräuschvoll um die Ecke biegt, macht Pfarrer Gernold Sommer gerne eine humorvolle Bemerkung und kleine Pause, bevor er weiterspricht. Die Gemeinde kennt das schon lange, denn: „Die Schwebebahn gehört zu unserer Kirche wie der Turm ohne Helm“, sagt er.
Dass dem wuchtigen Turm ein stilvolles Dach fehlt, war zunächst nicht geplant. Als die Sonnborner Hauptkirche am 3. Oktober 1926 feierlich eingeweiht wurde, musste er aus Geldmangel unvollendet bleiben. „Und dann haben sich alle Gemeindeglieder so daran gewöhnt, dass es einen Sturm der Entrüstung gab, als wir 1995 ankündigten, endlich genug Geld für ein Zwiebeldach zu haben“, erinnert sich Frank Römpke. Was nur als Aprilscherz gedacht war, löste Emotionen aus, mit denen der pensionierte Bankangestellte, der 48 Jahre lang Presbyter der Gemeinde war, nicht gerechnet hatte.
Turm mit Talblick und Turmuhr
Doch der Turm bietet auf seinem Flachdach einen wunderbaren Blick über das Tal, auf den viele Sonnborner nicht verzichten wollten. Die Turmführungen, die die Gemeinde seit vielen Jahren regelmäßig anbietet, sind äußerst beliebt. Ein Zwiebeldach hätte das vereitelt. Zwar fehlt dem Turm das stilvolle Dach, aber dafür punktet er mit einer schönen mechanischen Uhr.
Bildergalerie: Turmuhr, Glocken, Kanzel und Familienkirche – Gernold Sommer und Frank Römpke führen durch die Hauptkirche.
Frank Römpke gehört zu den wenigen Gemeindegliedern, die mit dem mechanischen Uhrwerk umgehen können. Bei jeder Zeitumstellung stellt er die Uhr von Hand vor oder zurück. Dabei wirft er auch gerne einen Blick auf die alten Bronzeglocken im Turm, die aus den Jahren 1453 und 1458 stammen. Sie erklangen schon im Gotteshaus, das zuvor an der Stelle der heutigen Hauptkirche stand und 1917 komplett ausbrannte.
Das Wunder der Glocken
Um die Glocken rankt sich eine abenteuerliche Geschichte, wie Pfarrer Gernold Sommer berichtet. Bevor das Feuer 1917 ausbrach, waren sie abgehängt worden, um für die Rüstungsindustrie im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen zu werden. Sie standen zur Abholung bereit, wurden aber aufgrund des baldigen Kriegsendes nicht mehr abtransportiert.
„Im Zweiten Weltkrieg drohte ihnen das gleiche Schicksal. Sie standen schon am Steinbecker Bahnhof, verschwanden aber von dort und tauchten nach dem Krieg plötzlich wieder auf. Wer sie für die Kirche gerettet hat, ist nicht bekannt.“
Die Glocken waren jedenfalls so gut im Stadtteil zu hören, dass sie bisweilen einem der früheren Pfarrer als Wecker dienten. „Wenn er den Frühgottesdienst um 8 Uhr halten musste und verschlafen hatte, sprang er zum Klang der Glocken aus seinem Bett und eilte im Schlafanzug in die Sakristei“, erinnert sich Frank Römpke. Dort zog der Pfarrer schnell seinen Talar über und stieg auf die Hochkanzel, wo niemand seine Füße sehen konnte.
Im Schatten der Ahnen
Im Laufe der Jahre ist die Kanzel von zahlreichen Theologen genutzt worden. Eine Galerie mit Ölgemälden der Pfarrer, die in der Gemeinde pensioniert wurden, hängt bis heute in der Sakristei. Doch auch prominente Gäste wie der damalige NRW-Minister- und Bundespräsident Johannes Rau durften die Kanzel besteigen. Für Frank Römpke gehört der Besuch des SPD-Politikers im Oktober 1989 zum 450-jährigen Jubiläumsfest der Gemeinde zu seinen persönlichen Highlights.

Gernold Sommer und Frank Römpke vor den Bildern der pensionierten Pfarrer in der Sakristei
Als 1992 die Ermordung des Küsters Gustav Stäbisch durch einen psychisch kranken Attentäter die Gemeinde erschütterte, sei Johannes Rau sogar zur Trauerfeier gekommen, berichtet Frank Römpke. In der Hauptkirche erinnert noch heute eine Gedenktafel an den beliebten Küster. „Er hätte sich gefreut, wenn er die Eröffnung unserer Familienkirche 2006 miterlebt hätte“, ist Römpke überzeugt.
Ausgezeichnete Familienkirche
Im Kirchraum, sozusagen im „Herzen der Gemeinde“ wurde ein kleiner, multifunktionaler Raum geschaffen, der als Spielbereich für Kinder während des Gottesdienstes, als Gemeindecafé und Treffpunkt dient. Für ihre Familienkirche erhielt die Gemeinde sogar die „Auszeichnung guter Bauten 2007“ des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten. Denn die Umgestaltung in der denkmalgeschützten Kirche war eine echte Herausforderung.
Unter Denkmalschutz stehen auch die alten Kirchenbänke, in deren Mitte eine rote Kordel gespannt ist. Sie erinnert daran, dass Frauen und Männer früher im Gottesdienst getrennt saßen. Diese Tradition ist längst aufgehoben. Sie sorgt aber bis heute dafür, dass die 100-jährige Hauptkirche bei Hochzeitspaaren nicht sehr beliebt ist. „Unsere wunderschöne Kirche hat keinen Mittelgang, durch das ein Brautpaar zum Altar schreiten kann“, erklärt Pfarrer Sommer. „Und mit der Schwebebahn hineinschweben – das ist dann doch nicht möglich.“
Text und Fotos: Sabine Damaschke
100 Jahre Hauptkirche Sonnborn – Alle Veranstaltungstermine 2026
Weiter mit:








Kommentare
Neuen Kommentar verfassen