Sozialismus gegen Barbarei

Das Werk sollte am 9. April 1940 erscheinen. Quisling und den Nazis ist zu „verdanken", dass es nicht in den Handel kam und heute vermutlich weniger als zehn Exemplare „überlebt“ haben. Mein Buch des Monats.

Unglaublich, mit welcher Weitsicht der exilierte junge Willy Brandt, noch ohne die Hunderte von Akteneditionen, Erinnerungen und Monographien, über die wir heute verfügen, die politische Situation in Europa und deren handelnde Akteure analysiert hat. Dem im September 1938 ausgebürgerten Sozialisten verdankt die europäische Arbeiterbewegung die „Wiederentdeckung Europas“ (Einleitung, S. 9). Ohne Wenn und Aber beschrieb er „kapitalistische Großmachtinteressen“ als „Ursache des Zweiten Weltkriegs“ (zitiert auf S. 10). Messerscharf auch die Analyse der Triebkräfte der sowjetischen Außenpolitik.

Was er über den brüchigen Frieden sagt, der 1918/19 verordnet wurde, hat die Zeiten überdauert: „Der Anspruch des Versailler Vertrages auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker und die Errichtung des Völkerbundes stimmten mit den Forderungen nach Gerechtigkeit und Demokratie überein. Aber diese Seiten des Versailler Friedens wurden von den imperialistischen Machtgeboten torpediert. Der Imperialismus schloss einen Kompromiss mit der Demokratie. Man beseitigte weder die ökonomischen Kriegsursachen noch den Militarismus“ (S. 135). Die Völker wurden ein zweites Mal zur Schlachtbank geführt – in der Hauptsache von den Nationalsozialisten.

Einhart Lorenz, der 1940 geborene Herausgeber und Übersetzer, emeritierter Professor für europäische Geschichte an der Universität Oslo, ist Mitglied des Internationalen Beirates der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung. Arbeitsgebiete: Deutschsprachiges Exil, Geschichte der Juden, Antisemitismus, Rechtspopulismus, Theorie und Praxis der norwegischen und internationalen Arbeiterbewegung. Brandts „Kriegsziele“ sind eine schöne Gabe unter einem sozialistischen Weihnachtsbaum.

MATTHIAS DOHMEN

 

Willy Brandt, Die Kriegsziele der Großmächte und das neue Europa. Hrsgg. von Einhart Lorenz, Bonn: J. H. W. Dietz 2018 (= Willy-Brandt-Dokumente, 4), ISBN 978-3-423-8012-0535-5, 148 S., Euro 18,00, www.dietz-verlag.de.

 

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