Historiker im Krieg

... lautete die Überschrift einer Rezension meines Buchs auf www.vorwaerts.de (http://www.vorwaerts.de/rezension/historiker-krieg), die an dieser Stelle anlässlich der Herausgabe der "Träume" als E-Book zitiert sei. M. D.

Idee, Argumentation und Stil sind so bemerkenswert wie der Aufbau: Der Wuppertaler Historiker und Journalist Matthias Dohmen legt eine Studie zu einem „deutschen Geschichtskrieg“ vor. Er behandelt die Wahrnehmung des Jahres 1923 in Ost- und Westdeutschland.

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Es handelt sich um einen nicht häufig zu beobachtenden Versuch, aus der Geschichtswissenschaft heraus diese selbst in die Geschichte zu stellen. Dohmen befasst sich mit der unterschiedlichen „geschichtspolitischen Verarbeitung“ des Jahres 1923 durch die Historiker in Ost- und West-Deutschland. Er greift die vom finnischen Historiker Hentilä 1994 in die Diskussion gebrachte Formulierung vom „kalten Geschichtskrieg“ auf. Für seine Analyse hat er eine Fülle an Originalquellen – von wissenschaftlichen Darstellungen bis hin zur Belletristik, Kultur und biografischen Informationen – herangezogen.

Nach einer ausführlichen Einleitung, in der Dohmen u.a. von zwei umfassenden „Meistererzählungen“ zum „Scharnierjahr“ 1923 (aus der DDR von Wilhelm Ersil und von Hans-Ulrich Wehler aus der BRD) ausgeht, folgen die sechs Hauptkapitel der Studie. Mit Aussagen von Historikern und Politikern nimmt Dohmen die Besonderheiten des Jahres 1923 in den Blick: von der Hyperinflation und der Ruhrbesetzung über den Hitlerputsch bis hin zur Niederschlagung der demokratisch gewählten KPD/SPD-Regierung in Sachsen durch die damalige Reichsregierung. Dass in Ost wie in West dieses Jahr der Anlass zur Entstehung von vielerlei Legenden, sogar Lügen, aber auch Lehren wurde, wird hier bereits herausgearbeitet.

Auf sie geht Dohmen in den folgenden Kapiteln ein. Er befasst sich mit den seit den 1950ern entstandenen ideologisch bestimmten Publikationen. In den 1960er-Jahren entstanden der Oberbegriff „Restauration“ im Westen und die „marxistische Geschichtstheorie“ im Osten. Diese Ausrichtungen hätten, so Dohmen, die Geschichtswissenschaftler in beiden Teilen Deutschlands von den Historikerkollegen im Ausland isoliert. Das belegt er am Beispiel der Beobachter aus dem neutralen Finnland.

Bis weit in die 1970er Jahre spitzten sich die Konfrontationen zwischen den Historikern aus Ost- und West-Deutschland weiter zu. Erst in den 1980er Jahren verzeichnet Dohmen „Das ,Ende’ des Kalten Krieges“. – Parallel zur beginnenden politischen Entspannung entsteht das Bedürfnis nach einem sachlichen wissenschaftlichen Austausch. Dieses klare Ergebnis ist aber noch keineswegs der Abschluss der Studie. In weiteren Kurzkapiteln behandelt der Verfasser Teilfragen und Kernbegriffe des „Geschichtskriegs“ wie „Arbeiterregierung“, „Kulturbund“ und „Antikommunismus“.

Dohmens Werk ist thematisch, formal und sprachlichen von hoher Qualität. Der umfangreiche Anmerkungsapparat – ebenso wie auch die Informationen zu den Biografien der wichtigsten Wortführer in den Debatten in Ost- und Westdeutschland – liefert zudem eine Fülle an zusätzlichen Anregungen. Allerdings fehlt ein Namens- und Sachregister.                                              JÜRGEN REULECKE

 

 

Matthias Dohmen: Geraubte Träume, verlorene Illusionen. Westliche und östliche Historiker im deutschen Geschichtskrieg, Wuppertal: Nordpark 2015, 457 S., ISBN 978-3-943940-10-7, Euro 18,50, www.nordpark-verlag.de

beziehungsweise als E-Book

Blieskastel: Chichili 2016, ISBN epub 978-3-95865-750-2, ISBN Mobi 978-3-95865-751-9, Euro 9,99, www.110-ebook-avenue.net.

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