Erinnerungen eines Unermüdlichen

Scheitern, Gesundheit, die Freude am Leben, Freundschaften: Das ist die Themenpalette des letzten Buchs von Karl Otto Mühl. Und man erfährt, wie Dichter ticken

Eine Art Vermächtnis bildet das jetzt bei Nordpark und posthum erschienene Buch „Mein Leben als Greis“ des 1923 geborenen und 2020 verstorbenen Karl Otto Mühl, dessen markantes Gesicht in einer Aufnahme von Torsten Krug das Cover prägt. Notizen, Geschichten, Beobachtungen und Aperçus wechseln sich ab, so wie man es aus seinen letzten Büchern kennt. Er war ein Kämpfer. „Der Mensch ist eine Flamme, die sich durch die Lebensjahre vorwärts frisst. Sobald er versucht, sich bequem einzurichten, kränkelt sein Geist“, heißt es auf Seite 69.

Mit den Zu-kurz-Gekommenen und den Schwächeren hat er sich, heißt es an anderer Stelle, „immer identifiziert“. Mühl war ein Kämpfer. Und er war ein Freund. Einige werden mit Namen genannt. Aus der Zeit der Künstlervereinigung „Turm“ beispielsweise Paul Pörtner oder über die Jahrzehnte der Verleger und Schriftsteller Hermann Schulz.

Oft kreisen die Gedanken um gesundheitliche Beeinträchtigungen, die im Alter durchgängig und zeitweise dramatisch zunehmenden Artbesuche und das Sterben von so vielen Freunden und Bekannten. „Alle par Wochen stirbt jemand, den ich kenne“, schreibt er resigniert.

Ebenfalls den Löffel abgegeben hat der Kölner Erasmus Schöfer, mit dem Mühl kurz vor seinem Tod telefoniert hat. „Einig waren wir uns über die Plumpheit der westlichen Politik gegenüber Russland“, fasst Mühl das Gespräch zusammen.

Er lässt sich nicht klein kriegen und gibt nicht auf, auch wenn die nachlassende Sehkraft ihm schwer zu schaffen macht: „Meine Makuladegeneration ist fortgeschritten. Langsame Erblindung. Es ist wie Aufwachen auf einem fremden Planeten – nichts Lebendes ist zu sehen.“ Und dann folgen tief-resignative Worte: „Auf der Erde weiß niemand, dass ich hier bin, bald werde ich vergessen sein.“

Wirst du nicht, rufen wir ihm hinterher.

Leider fehlt in dem besprochenen Band eine ordentliche Bibliographie, eine Zeittafel. Schwere Rätsel gibt auch der Untertitel auf. Immerhin ist er Träger des Von-der-Heydt-Kulturpreises und war zeitweise einer der meistgespielten deutschen Theaterautoren. Das alles wissen die Jüngeren nicht. Aber vielleicht ist ein solches Werk in Vorbereitung. Wer weiß.

Sein Humor war bemerkenswert. Oder nennen wir es Schalk? Ironie? Mal so, mal so. Und von allem reichlich. Ein Zitat mag diese Buchbesprechung beenden:

Wenig Aussicht auf Verwirklichung hätte wohl meine Erfindung der „Schwundbücher“. Bei denen verblasst die Schrift acht Wochen nach dem Kauf. Schließlich verschwindet der Kuchen ja auch, wenn man ihn gegessen hat. Und das Hungerdasein der Autoren und Buchhändler hätte dann ein Ende.

Nachzulesen auf Seite 63.                           MATTHIAS DOHMEN

 

Karl Otto Mühl, Mein Leben als Greis. Teil der bewegten Welt, Radevormwald: Nordpark 2023, 303 S., ISBN 978-3-943940-77-0, Euro 17,00, www.nordpark-verlag.de.

 

 

Kommentare

  1. Karl Gießling sagt:

    „Wie Dichter ticken“.

    Wenn Dichter ticken, sind es keine.

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