21.12.2010

Dajana Meier Johannes Slawig Krippen Weihnachten

Herr Dr. Slawigs Ankunft in Betlehem oder Weihnachtskrippen in Wuppertal

Es war in der Weihnachtszeit 2009 zwischen Weihnachtsstress und Jahresabschlusspanik. Ich war mit Dajana Meier verabredet, die mir im Verlauf unseres Gesprächs erzählte, sie habe wieder eine Holtmann-Figur für Ihre Weihnachtskrippe gefunden. Die aber sei auch dieses Mal arg mitgenommen...

Sie müsse komplett abgeschliffen und neu bemalt werden. „Was hast Du?“ verdutzt fragte ich nach: „Dajana Meier – Du restaurierst Krippenfiguren und baust eine Weihnachtskrippe auf? So wie mein Vater allweihnachtlich die Modelleisenbahn aufgebaut und ergänzt hat?“ Weihnachtskrippen kannte ich bisher nur vom Hörensagen.  Umso mehr faszinierte es mich, dass eine mir bekannte Person einer solch’ exotischen Beschäftigung nachging. Ich wollte herausfinden was es damit auf sich hat. Weihnachten 2010 verabredete ich mich mit ihr und Pfarrer Michael Grütering an „ihrer“ Krippe in der katholischen Kirche Herz Jesu in Elberfeld.

Schon beim Eintritt begeistert mich die – nach der Restaurierung – mit einer roten Decke ausgemalte Kirche in ihrer filigranen Klarheit. Das Krippenfigurenensemble mit den 100 cm großen Krippenfiguren aus Gips ist nicht zu übersehen. Um die Jahrhundertwende in Kevelaer vom renommierten Kirchenbildhauer Jakob Holtmann (1863-1935) entworfen, zeichnen sich die Figuren durch eine fein durchgearbeitete Plastizität und einen großen Detailreichtum aus. Jede Figur ist ein Individuum.

Heute sehe ich eine Alltagsszene: vor dem Stall von Betlehem wird gekocht. 3 Hirten, einiges Kochgeschirr, eine paar Schafe, der Ochs, der Esel und eine Reihe weiterer Viecher bevölkern die Szene. Vilmo – die Darstellung von Dajanas Kater – belauert eine Maus, ein Huhn stolziert durch das Bild, ein Kaninchen versucht sich vor dem Hund in Sicherheit zu bringen und ein Spatz sitzt auf dem First.

In die klassische Weihnachtskrippe gehört der Stall, Maria, Josef und das Jesus-Kind, (nach Lukas 2), mit Ochs und Esel (Jesaja 1,3), Engel, Hirten und die drei Könige aus dem Morgenlande. Doch wo sind die drei Hauptfiguren, wo die drei aus dem Morgenland? Die Antwort ist simpel. Am heutigen 16. Dezember sind Maria und Josef laut der Überlieferung noch nicht im Stall zu Betlehem angekommen. Erst am 24. Dezember werden sie einziehen. Die 3 Weisen werden erst am 6. Januar dem nach der biblischen Geschichte benannten Dreikönigstag eintreffen. Die Weihnachtsgeschichte als dreidimensionaler Comic?

Die Entstehung der Weihnachtskrippe wird ungefähr auf die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts datiert. Die größten Förderer der Krippenkunst waren die Jesuiten. 1560 erscheint in Coimbra (Portugal) die erste Krippe des Ordens. Eine Sonderrolle nahmen im 16. Jahrhundert die neapolitanischen Weihnachtskrippen ein. Neben den tatsächlichen Gestalten der Heilsgeschichte tauchten in den italienischen Krippen auch Personen und Darstellungen auf, die dem weltlichen Bereich entstammten und nichts mit der Überlieferung des Evangeliums zu tun hatten, die so genannten Milieukrippen entstanden. Seit dieser Zeit entfernten sich die dargestellten Szenen immer weiter von der eigentlichen Geschichte und verarbeiteten aktuelle Ereignisse. Als Kampanien 1980 von einem schlimmen Erdbeben heimgesucht wurde, das über 3000 Opfer forderte, wurde in den Krippenszenen die Katastrophe nachgestellt. Die Krippe wurde immer mehr zum Spiegelbild des Volksempfindens, die auch vor politischen Kommentaren und Satire keinen Halt machte.

Nach einer Reihe von spannenden Geschichten und lustigen Anekdoten verabschieden wir uns von Pfarrer Grütering und machen uns auf den Weg nach St. Maria Hilf in Dönberg. Dort soll heute Stadtkämmerer Johannes Slawig in das Weihnachtskrippenensemble einziehen, denn er ist Dönberger. Seit Anfang des Jahres hat sich eine Gruppe von Gemeindemitgliedern zusammengefunden, um die Tradition der Weihnachtskrippe in Dönberg aufzunehmen und den Keim für eine Milieukrippe zu legen. Als Keramikerin leitet Dajana die Arbeitsgruppe und unterstützt die Gemeinde mit ihren Kenntnissen bei der Herstellung.

Als wir ankommen werden gerade alle notwenigen Utensilien für den Aufbau in die Kirche getragen. Zunächst wird die Fläche für die Krippenszene vergrößert. Das im Verhältnis zu den etwa 40 cm großen Figuren maßstabgerechte Dönberger Fachwerkhaus ist inzwischen fertig gestellt und wird vom Bauherrn stolz präsentiert. Jedes Detail wird ausgiebig betrachtet und gewürdigt: Die Ziegel sind von Hand geformt, die Fenster und Schlagläden sind zu öffnen.

St Maria Hilf verwandelt sich nach und nach in eine Bastelwerkstatt. Überall auf den Kirchbänken liegt Material: die Gliederpuppen mit den selbst modellierten Köpfen und Händen, Stofftücher, Besticktes, Gehäkeltes, Gestricktes, Bänder, Scheren und noch verschlossene Kartons. Frauen sitzen versunken in den Bankreihen und zupfen die Bekleidung der Figuren zurecht. Wo normalerweise die Gesangsbücher ihren Platz haben, liegen die schon angekleidete Kirchengründerin, oder der Dönberger Bandweber. Erstaunt erfahre ich, dass noch heute sechs oder sieben Bandwebereien im Ort in Betrieb sind. „Nein die sieht noch nicht richtig schwanger aus! Da muss noch was d’runter!“ Es geht um die hochschwangere Maria, die heute zur Volkszählung antreten muß.

Bis die Frauen zufrieden sind und alle diskutierten Punkte abgearbeitet sind, dauert es eine Weile. Die Gruppendynamik stimmt – nach etwa 3 Stunden Aufbauarbeit ist die Oase mit den 3 heiligen Königen und die Volkszählungsszene gestellt. Und im Zentrum, unverkennbar mit Brille und Fliege ausgestattet, sitzt Dr. Slawig. Er leitet die Volkszählung des Herodes.

Nichts hat sich so gründlich dem Zugriff gelehrter Theologie entzogen wie die Weihnachtsgeschichte. Die Weihnachtskrippen sind zu einem Volksbrauch und zu einem Speicher von Alltagsgeschichte geworden, der sich weltweit ausgebreitet hat. Ob Bauern im Erzgebirge, Indios in den Anden oder Bierbrauer in Köln: Sie alle stellen Jahr für Jahr im Dezember kleine Figuren auf: Maria, Josef und das Jesuskind, dazu Hirten, Ochs, Esel, Schafe und das eine oder andere einheimische Tier. Die Könige aus dem Morgenland dürfen nicht fehlen und eine Reihe lokaler Persönlichkeiten sind dabei – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt – genau wie hier in Dönberg.

Mehr Informationen:
www.wuppertaler-krippen.de

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