09.09.2016

Buch des Monats Dietrich Heither Emil Gumbel matthias dohmen

In den Blutkeller hineingeleuchtet

Ein aufrechter Mann, der keiner Auseinandersetzung aus dem Wege ging, und ein vorbildlicher Demokrat war Emil Julius Gumbel, dessen Leben und Wirken in einem neuen handlichen und preiswerten Bändchen gewürdigt werden: Unser Buch des Monats September.

Es war Arnold Zweig, dessen Weltkrieg-I-Romane zu den besten gehören, die in deutscher Sprache verfasst wurden, der Gumbel attestierte, mit seinen Bücher „in den Blutkeller der deutschen Reaktion hineinzuleuchten“. Die Finger hat er sich wund geschrieben, das „Stahlbad“ des Weltenbrandes war sein Thema so wie die politischen Morde der deutschen Rechten und ihre wohlwollende Behandlung vor den Gerichten, die im Zweifelsfall „Verständnis“ für die Freikorps entwickelten. Mit Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Kurt Eisner fing ja nur an, was sich durch die ganze Weimarer Republik hinzog und mit dem 30. Januar 1933 quasi höhere Weihen erhielt.

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Eine fürchterliche Kontinuität: Die deutsche Professorenschaft war, wilhelminisch erzogen, in die Demokratie hineingestolpert, die ihr weitestgehend fremd blieb, und wurde mit dem neuen braunen Regime schnell Freund. Nachdem Gumbel 1932 die Verherrlichung des Ersten Weltkrieges verurteilt und in diesem Zusammenhang ein möglicherweise missverständliches Bild benutzt hatte, fielen seine Kollegen über ihn her, und die für ihn zuständige Fakultät und der dazugehörige Senat entzogen dem Mathematiker die Lehrerlaubnis. So säuberte sich die Universität selbst – von Linken.

Auch Gumbels Aktivitäten im Exil, etwa sein konstruktives Auftreten auf der Lutetia-Konferenz Anfang 1936 in Paris, werden sorgsam dokumentiert (Seite 130 f.) und unter Verweis auf ältere und frisch erschienene historiographische Untersuchungen anschaulich beschrieben. Dokumentiert werden Einlassungen Kurt Tucholskys und Gustav Radbruchs. Sein Andenken versuchten später Juristen wie Heinrich Hannover und Wolfgang Abendroth aufrechtzuerhalten.

Vergeblich. Als Gumbel 1966 in New York starb, blieb das Echo äußerst dünn. Der „Vorwärts“ ignorierte den Tod Gumbels, lediglich in der Zeitschrift „Geist und Tat“ erschien ein von Willi Eichler verfasster Nachruf (S. 100). Auch die DDR erinnerte äußerst sparsam an den eigenständigen Kopf. Um so erfreulicher, dass der Papyrossa-Verlag an den vor fünfzig Jahren Verstorbenen erinnert.

 

 

MATTHIAS DOHMEN

 

Dietrich Heither, Ich wusste, was ich tat. Emil Julius Gumbel und der rechte Terror in der Weimarer Republik, Köln: Papyrossa 2016 (= Neue Kleine Bibliothek, 235), ISBN 978-3-89438-621-4, 131 S., Euro 12,90, www.papyrossa.de.

 

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