01.11.2014

Buch des Monats; Hermann Schulz; Matthias Dohmen

Buch des Monats: Hermann Schulz‘ neuer und großer Afrikaroman

Unser Autor, Germanist und Historiker, stellt am Monatsanfang ein besonderes Wuppertaler (oder bergisches) Buch vor, meist (aber nicht immer) eine Neuerscheinung. Heute präsentiert er "Die Nacht von Dar es Salaam" des Wuppertaler Roman-, Kinder- und Jugendbuch- sowie Sachbuchautors.

Hermann Schulz nimmt den den Leser dieses Mal nach Tanganjika mit: humorvoll, packend, voller Empathie für die handelnden Personen, aber ohne die übliche Afrika-Duselei.

Und so beschreibt es der Verlag: Tanganjika am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Die aufwühlende Geschichte eines Europäers, der lange versucht seinen Idealen zu folgen und gegen den Strom zu schwimmen und sich am Ende, todkrank, sein Scheitern eingestehen muss. Die letzte Nacht in Dar es Salaam vor der Rückkehr in das dem Krieg entgegentreibende Europa wird zu seiner Schicksalsnacht: eine schonungslose Abrechnung mit dem eigenen Leben. Aufgezeichnet von Ndasenga, seinem afrikanischen Vertrauten und „Boy“, der viele Jahre an seiner Seite verbracht hat.

Ein armer, etwas verwahrloster Missionar schickt sich an, am Tag vor seiner Schiffsreise zurück nach Europa in den Hotels und britischen Clubs von Dar es Salaam sein Gewehr zu „verticken“. An Europäer wohlgemerkt, denn an Schwarze Waffen zu verkaufen, ist nicht erlaubt. Drei Sack Rohkaffee verlangt er dafür. Ndasenga, der als Zwölfjähriger sein Begleiter wurde und jetzt kurz vor seiner Lehrerprüfung steht, begleitet den todkranken Mann.

In einem arabischen Restaurant verbringen sie die Nacht. Ndasenga Sebalili hört in diesen Stunden die Lebensbeichte des Mannes. Da geht es um Besessenheit und Gewalt, um letzte Worte der sterbenden klugen Nichtchristin Ntitihera, die dem Missionar auf Augenhöhe begegnet und ihn mindestens so beeindruckt und fasziniert wie er sie, und um eine Bilanz, die sehr widersprüchlich ausfällt.

Schulz zieht den Leser von Beginn an in die Geschichte herein. Die Bilder stimmen: Jemandes Haare sind „rosa wie Antilopenfleisch“, Erinnerungen, die verschwinden, „fallen in einen Brunnen“, und einer, dem nichts mehr Angst macht, fürchtete „sich nicht vor Leoparden“.

In einer Nachbemerkung bekennt Schulz, mit Richard May seinen eigenen Vater im Blick gehabt zu haben, der so früh starb, dass der Autor keine Erinnerung an ihn hat und ausgedehnte Archivstudien anstellen musste, um die frei gestaltete Story „rund“ zu bekommen.die-nacht-von-dar-es-salam

Weißes Pack: „Egal aus welchem Land in Europa sie stammen, mutieren sie hier in Afrika zu Despoten, Hurenböcken, Dieben und Mördern. Die Afrikaner sind wehrlos gegen diese Kuhzecken“, heißt es in dem Roman. Das politische Fazit ist demnach bitter. Aufklärung und Bildung? In Wahrheit vertreten die Kolonisatoren nur ein Ziel: „Sie wollen mit ihren Schulen nicht mehr als ein paar einheimische Verwaltungsleute heranbilden. Das ist billiger, als Engländer oder Inder ins Land zu holen. Andere Interessen haben sie nicht. Andere Interessen werden die Europäer niemals haben in diesem Kontinent.“ Auch 70 Jahre später nicht, wenngleich das Selbstbewusstsein der „Schwarzen“ in diesen sieben Jahrzehnten gewachsen und ein ganz anderes ist und sie heutzutage mit ihren eigenen Zecken und Heuschrecken zu kämpfen haben.

MATTHIAS DOHMEN

Hermann Schulz, Die Nacht von Dar es Salaam. Roman, Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 2014 (= Literarisches Programm, 161), ISBN 978-3-95558-064-3, 631 S., Euro 19,90, www.brandes-apsel.de.

 

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