„Wuppertaler Kreative können sagen, woher sie kommen – ohne den Zusatz ‚das ist bei Köln'“

Die Kreativwirtschaft wird zunehmend als eigenständiger Wirtschaftszweig wahrgenommen und rückt immer stärker in den Fokus von Politik und Wirtschaftspresse. Der "Bergische ThinkTank" will die Kräfte der Kreativbranche im Städtedreieck bündeln und mit dem klassischen Unternehmertum vernetzen. Ein Interview mit Koordinator Oliver Francke.

bergischerthinktank

njuuz: Herr Francke, im Dezember startete der Bergische ThinkTank. Können Sie kurz beschreiben, um was es dabei geht.

Francke: Der „Bergische ThinkTank“ ist ein interdisziplinäres Projektkonsortium, das sich zum Ziel gesetzt hat, die bergische Kultur- und Kreativwirtschaft mit der bergischen produktionsorientierten Unternehmerschaft zu vernetzen. Durch diese moderierte Annäherung neue zukunftsfähige Produkte, neue regionale Wertschöpfungsketten, neue Dienstleistungen, Aufgaben und Nischen zu entwickeln, die dem bergischen Städtedreieck mittel- und langfristige Perspektiven in Zeiten des Wandels aufzeigen.

 

njuuz: Sind Sie mit dem Start des Projektes zufrieden?

Francke: Wir sind sogar sehr zufrieden. Wir hatten im Rahmen unseres Zukunftsforums: neues denken schafft neue märkte 80 Teilnehmer als Obergrenze angedacht, mussten dann aber auf 100 erweitern [s. Video, red.]. Insofern werten wir den Auftakt klar als Erfolg. Jetzt müssen wir das Thema „Kultur- und Kreativwirtschaft“ noch deutlicher als wirtschaftlich relevantes Thema in der Region etablieren. Die Relevanz dieses Themas ist im klassischen Wirtschaftskontext noch nicht angemessen wahrgenommen. Beispiel: der Kreativwirtschaftsbericht der Bundesregierung weist 2,6% des BiP aus im Verhältnis zur Automobilindustrie mit 3,2%. Neueste Untersuchungen bescheinigen der Kreativökonomie bessere Wirtschaftsdaten als der Chemieindustrie. Da kann man dann schon mal hellhörig werden.

njuuz: Wer organisiert den Prozess?

Francke: Der Bergische ThinkTank (BTT) ist ein Gemeinschaftsprojekt der Sanierungsgesellschaft südliche Innenstadt Solingen und der Bergischen Entwicklungsagentur. Darüber hinaus sind mit dem Bergischen Institut, der Wirtschaftsförderung, dem Gründer- und Technologiezentrum und der Lebenshilfe vier weitere Partner im Boot. Die Sanierungsgesellschaft wird vertreten von Dr. Mira Stock und ich zeichne für das BEA Engagement verantwortlich.

Der BTT hat die Aufgabe interdisziplinäre Projekte zwischen „klassischen“ Wirtschaftsunternehmen und der Kreativökonomie anzustoßen. Das klingt zunächst sehr TopDown und verkopft, aber ich denke, dass wir einen Weg gefunden haben, dieses Projekt bereits zeitnah mit Leben zu füllen. Denn langfristig wollen wir einen selbstragenden Prozess initiieren, der auch nachhaltigen Kriterien entspricht und Potenziale auch über die Projektdauer hinaus aktiviert.

njuuz: Welche weiteren Schritte sind nach dem Start geplant?

Francke: Im Dezember starteten wir mit dem Projektauftakt zukunftsforum. Dies war eine kombinierte Vortrags- und Workshopveranstaltung in der die Teilnehmer Themen formuliert haben, die unserer Region zukunftsfähige Handlungsfelder sichern sollen. Diese Ergebnisse haben wir ausgewertet und sind momentan dabei einen Wettbewerbsaufruf wasserdicht zu machen, der in den nächsten Wochen veröffentlich wird. Dieser Wettbewerb ist dotiert mit 10.000€ und der oder die Gewinner erhalten zusätzlich die Möglichkeit der Prototypenentwicklung. Am Ende steht ein marktfähiges Produkt, das in der Region erdacht, entwickelt, hergestellt und von hier aus vertrieben werden kann.

Weitere Schritte: Nach der Auswertung der Workshopergebnisse starten wir einen Innovations-Wettbewerb. Hier wird der Nutzen für die Beteiligten dann sehr konkret. Es können Firmen, Agenturen, Freelancer, Privatpersonen, Studenten und Schüler teilnehmen. Das Thema wird in den kommenden Tagen veröffentlicht. Ende März trifft sich eine hochkarätig besetzte Jury und entscheidet, wer 10.000 Euro Preisgeld und die Möglichkeit für zwei Preisträger für eine halbjährige F+E-Phase inkl. Prototypenbau erhält. Abschließend werden wir den Siegern bei Bedarf mit Kontakten zu Herstellern und Vermarktern zur Seite stehen.Außerdem bereiten wir momentan die Gestaltung und Programmierung eines Web-Portals vor, dessen Aufgabe es maßgeblich sein wird, die Vernetzung der Teilnehmer voranzutreiben und moderiert zu entwickeln.

Oliver Francke (Bergische Entwicklungsagentur), einer der Koordinatoren des Bergischen ThinkTanks.Oliver Francke (Bergische Entwicklungsagentur), einer der Koordinatoren des Bergischen ThinkTanks.

 

 

njuuz: Der klassische Bergische Unternehmer soll mit der Kreativwirtschaft zusammen gebracht werden. Warum schafft er das nicht ohne BEA und ThinkTank?

Francke: Ja, diese Frage ist berechtigt, die beantworte ich mittlerweile routiniert (lacht). So wie die Frage formuliert ist, kann man nur sagen: natürlich schafft er das alleine, aber es geht um eine ganz andere Aufgabe. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist ein wirtschaftlich mächtiger Bereich, der jedoch zum überwiegenden Teil aus autark handelnden Kleingruppen besteht. Hier ist zur Entwicklung und Kräftebündelung eine Vernetzung und Clusterbildung gefragt. Und das geht nur, wenn man der Kreativökonomie auch Entwicklungsspielraum gibt; im Sinne von Möglichkeiten, nicht im Sinne von Geld. Das ist sozusagen der Ausgangspunkt. Mittel- und langfristig soll der BTT Zusammenhänge schaffen, in denen Industrie und Kreativökonomie gemeinsam an neuen Aufgaben und Lösungen denken, eine gemeinsame Sprache entwickeln. Es geht um neue Wertschöpfungsketten, eine interdisziplinäre Entwicklung die jenseits von Auftraggeber/Auftragnehmer-Hierarchien entsteht. Stichworte sind hier Open Innovation und ChangingMindsets.

Wir wollen Unternehmern die Möglichkeit geben, auf Augenhöhe miteinander an neuen Wegen zu arbeiten. Es geht beim BTT nicht vorrangig darum die Dienstleistung Kreation an Unternehmen zu verkaufen. Das es aber in der Folge der Projektarbeit auch zu einer Verstärkung der regionalisierten Zusammenarbeit kommt ist selbstverständlich ein gewollter Effekt.

njuuz: Wuppertal wird von manchen als deutsche Eventhauptstadt bezeichnet. Mythos oder Wahrheit?

Francke: Mythos und Wahrheit. In Köln, Düsseldorf, München und Berlin sitzen sicherlich deutlich mehr Event-Agenturen als in Wuppertal und dem Bergischen Land. Im Kreativranking der Agenturen fanden sich 2005 unter den Top5 drei Wuppertaler Agenturen; da steht 2009 nur noch eine. Jedoch muss man eben diesen Agenturen auch mal bescheinigen: In der Eventbranche kann man als Wuppertaler oder Solinger bequem sagen woher man kommt ohne den Zusatz „das ist bei Köln“.

njuuz: Wie gut ist die Kreativwirtschaft in der Schwebebahnstadt und dem Bergischen Städtedreieck tatsächlich aufgestellt?

Francke: Kreativökonomie ist ja ein Oberbegriff, der irreführend wirken kann. Es geht hierbei ja nicht nur um direkte Kreativ- und Kulturschaffende, sondern auch um deren Peripherie. Es haben sich im Schatten der Agenturen eine ganze Reihe Firmen entwickelt, die im Show-, Event-, Werbe- und Entertainmentbereich heute weltweit tätig sind (z.B. Funktechnik, Ton- und Lichttechnik, Videotechnik, Druckereitechnik, Catering, Projektbüros). Das sind direkte Effekte von Kreativökonomie, die aber gerne übersehen werden. Außerdem haben wir durch die jahrelange Nähe zum Fachbereich Kommunikationsdesign, durch Industrial- und Produktdesign eine außergewöhnlich hohe Dichte an qualitativ hervorragend arbeitenden Werbeagenturen, Designbüros und Entwicklern. Qualitativ können wir uns in dieser Region absolut mit allen messen.

Darüber hinaus: Die freie Musik- und Tanzszene hat maßgebliche Vertreterinnen und Vertreter in der Region. Und laut sagen muss man mal, dass Wuppertal mit Tony Cragg den Rektor der Kunstakademie Düsseldorf stellt (der die Nachfolge von Herrn Lüpertz angetreten hat). Derlei Beispiele sind zahlreich. Da gilt es auch mal die eigene Wahrnehmung und den Blick auf die regionale Identität zu schärfen.

Kurz: Im Vergleich mit anderen Städten und Regionen stehen wir qualitativ in Bezug auf Kreativökonomie gut dar. Die Entwicklung und Einbindung dieser Community lohnt sich in jedem Fall aus mehreren Gründen. Kulturell, gesellschaftlich und eben auch monetär.

njuuz: Einer der Referenten des Workshops sagte zu Beginn Ihrer Auftaktveranstaltungen: „Innovationen starten nicht mit Ideenworkshops, sondern Innovation ist, wenn der Markt ‚Hurra‘ schreit.“ Hand aufs Herz: wann erwarten Sie konkrete Resultate vom ThinkTank? Und welche Innovationen könnten das sein?

Francke: Die Resultate des eingangs erwähnten Wettbewerbs stellen wir Ende März vor. Dann hat die Jury entschieden und die Einreichungen werden öffentlich im Rahmen einer kleinen regionalen Roadshow an drei Standorten präsentiert. In welche Richtung die Innovationen gehen darf ich momentan noch nicht verraten, weil der Wettbewerb erst öffentlich ausgeschrieben sein muss. Aber versprechen kann ich konkrete Ergebnisse und spannende Kooperationen.

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Fragen: Georg Sander

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Weitere Infomationen finden Sie unter www.bergischerthinktank.de.

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