„Selbstkritisch auseinandersetzen“

Vor 90 Jahren wurde das KZ Kemna eröffnet. Am Festakt des Jugendrings nimmt auch Superintendentin Ilka Federschmidt teil. Ein Interview.

Ilka Federschmidt bei den Kemna-Thementagen im April 2023

Vor 90 Jahren wurde das KZ Kemna von der SA eröffnet. Seit 40 Jahren erinnert das Mahnmal des Jugendrings auf der gegenüberliegenden Straßenseite daran. Am Sonntag (9.7.) gibt es um 14.30 Uhr erstmals einen Festakt auf dem Gelände der ehemaligen Putzwollfabrik, bei dem auch Superintendentin Ilka Federschmidt spricht. Ein Interview mit der Pfarrerin.

Der Kirchenkreis hat das Gelände 2019 gekauft. Haben Sie von Beginn an geplant, auf dem Gelände einen Gedenkort zu errichten?

Ilka Federschmidt: Wir haben von Anfang an beabsichtigt, einen Gedenkort zu errichten, aber die Größenordnung des Projekts haben wir da noch gar nicht ermessen können. Durch die aufwändigen bauhistorischen Untersuchungen sind dann einige wichtige Erkenntnisse gewonnen worden und authentische Anknüpfungspunkte entdeckt worden, wie zum Beispiel ein Lastenaufzug, in dem Gefangene gequält wurden, und die Spuren der ehemaligen Wachstube und der Schreibstube, in der die SA neue Häftlinge bei der Ankunft verprügelte. Damit wurde uns deutlich, dass es um mehr gehen muss als etwa eine kleine Ausstellung – vor allem auch im Blick auf die Bedeutung eines solchen frühen Lagers für die Zerschlagung der Demokratie.


Blick auf das Gebäude an der Beyenburger Straße.


Wie weit sind die Planungen für den Gedenkort, der ja auch ein Lernort für Demokratie sein soll?

Federschmidt: Zurzeit entwickeln wir als Kirchenkreis mit einem Fachbüro ein historisch-pädagogisches Konzept. Die Umsetzung wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Anhand der Ereignisse von 1933 in Kemna soll deutlich werden, wie die damals jungen Gehversuche einer Demokratie angefochten wurden. Es wird auch um den Aspekt gehen, dass sich in Kemna viele Opfer und Täter persönlich gekannt haben und früher Tür an Tür wohnten. Auch die Zeitzeugenberichte ehemaliger Inhaftierter werden eine Rolle spielen, wie der Bericht des sozialdemokratischen Malermeisters Friedrich Braß: Sein nüchtern-ironischer Bericht über den Lageralltag aus dem Jahr 1934 wurde für uns zu einem wertvollen Wegbegleiter durch das Gebäude.

KZ Kemna

Das Lager, in dem insgesamt ca. 3.500 politische Gefangene interniert waren, bestand zwischen Juli 1933 und Januar 1934. Es war eines von deutschlandweit damals rund 70 „frühen Lagern“ und das einzige auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen. Inhaftiert wurden dort vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten und Sozialisten aus dem Bergischen Land und dem Ruhrgebiet. Der Kirchenkreis Wuppertal hat das Gelände 2019 gekauft, als er auf der Suche nach Räumlichkeiten für sein Archiv war.


Und warum sind solche Gedenk- und Lernorte gerade heute so wichtig?

Federschmidt: Lernorte für Demokratie sind heute ein wichtiges Thema, vor allem durch das Erstarken des Rechtsradikalismus, wie wir es ganz aktuell mit Blick auf die politischen Veränderungen in Ostdeutschland sehen. Manche Frustration über aktuelle politische Zustände mag berechtigt sein. Die Probleme lösen sich aber nicht, wenn man sich in die Arme von rechtsextremen Kräften wirft. Ganz im Gegenteil: Rechtsradikale Denkweisen zielen in der Konsequenz immer auf eine Diktatur. Wir müssen beim Aufbau eines Gedenk- und Lernortes vor allem die jungen Menschen im Blick haben. Für sie wollen wir, unabhängig von ihrer Bildung, die Zeitzeugenberichte und die verbliebenen Spuren vor Ort in einem guten pädagogischen Konzept zum Sprechen bringen.

Auf Spurensuche im ehemaligen Wachraum


Warum fühlt sich die evangelische Kirche in besonderer Verantwortung für das ehemalige Konzentrationslager Kemna?

Federschmidt: Wir als Kirche wollen uns selbstkritisch mit unserer eigenen Rolle in der Kemna vor 90 Jahren auseinandersetzen. Selbst die „Bekennende Kirche“, die sich gegen eine Gleichschaltung von Kirche und Theologie durch die Nationalsozialisten gewehrt hat, hat den Verfolgten aus der Arbeiterbewegung mit Ausnahme von Einzelnen nicht beigestanden. Die Pfarrer Trummel und Altenpohl, die beide den Deutschen Christen angehörten und damals nacheinander als Seelsorger im KZ tätig waren, sahen stattdessen in der Lagerhaft die Gelegenheit, Kommunisten und Sozialisten zu missionieren statt ihnen beizustehen. Kirche muss sich im Namen Jesu an die Seite der Opfer stellen. Und in diesem Sinne muss Seelsorge auch parteilich sein.

Das Interview führte Nikola Dünow.
Fotos: Archiv/Thorsten Levin/Daniela Tobias

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