08.02.2026

Schnurbäume statt Linden: Wie Wuppertal Stadtklima mit Symbolpolitik verwechselt

Der Umweltausschuss hat eine Vision! Ich habe Angst!



Wieder einmal wird in Wuppertal über Stadtbäume entschieden – und wieder einmal wird das eigentliche Problem elegant umgangen. Anlass ist ein Antrag im Umweltausschuss, der nach dem Umfallen einer Linde vorsieht, fünf weitere Linden auf dem Rathausvorplatz am Montag gefällt werden, vorsieht durch „klimaresiliente“ Baumarten zu ersetzen. Als Beispiel wird der Japanische Schnurbaum genannt.

Das klingt modern, zukunftsorientiert und klimabewusst. Ist es aber nicht.

Denn Schnurbäume sind in Wuppertal längst keine theoretische Idee mehr. Sie stehen bereits am neuen Döppersberg oder auf dem Von-der-Heydt-Platz. Wer diese Orte kennt, weiß: Diese Bäume sind alles – aber nicht stadtraumprägend.
Ihr Kronenvolumen ist gering, ihre Verschattungsleistung minimal, ihre Kühlwirkung kaum messbar. Ein Zahnstocher bietet vergleichbaren Schatten.

Gerade das ist jedoch entscheidend in Zeiten zunehmender Sommerhitze: Stadtbäume sind kein Dekoobjekt, sondern funktionale Infrastruktur. Sie sollen kühlen, verschatten, Luft filtern und Aufenthaltsqualität schaffen. Große Linden können das – Schnurbäume in engen Baumgruben eher nicht.

Linden waren nicht gescheitert – der Standort war es

Der Antrag erweckt den Eindruck, als seien Linden grundsätzlich nicht mehr für innerstädtische Standorte geeignet. Das ist fachlich falsch. Linden haben sehr wohl eine realistische Chance – wenn der Standort stimmt.

Und genau hier liegt der eigentliche Skandal:
Die betroffenen Linden zeigten offenbar eine gute Vitalität. So gut sogar, dass städtische Baumprüfer nicht von einem generellen Vitalitätsproblem ausgingen und auch nicht gezielt Probleme im Wurzelraum vermuteten. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Mit anderen Worten: Nicht der Baum war das Problem, sondern die von Menschen geschaffenen Rahmenbedingungen – Versiegelung, eingeschränkter Wurzelraum, fehlende Bodenluft. Trotzdem wird nun nicht über eine Verbesserung dieser Bedingungen gesprochen, sondern über den Austausch der Baumart.

Denkmalschutz als vorgeschobenes Argument?

Hinzu kommt ein weiterer, altbekannter Konflikt: der Denkmalschutz. Bereits aus anderen Vorlagen ist bekannt, dass Maßnahmen zur Verbesserung des Wurzelraums regelmäßig mit Verweis auf den Denkmalschutz ausgebremst werden – oder zumindest werden sollen. Spannend dabei ist das es bei Versorgungsleitungen dann möglich ist deren Wege wegen einen achso wichtigen Bodenfund zu verlegen. Für Bäume wird das eher selten in der Planung berücksichtigt. 

Ob hier tatsächlich ein unlösbarer Konflikt besteht oder ob der Denkmalschutz erneut zum pauschalen Totschlagargument gemacht wird, bleibt offen. Geprüft scheint es jedenfalls nicht ernsthaft worden zu sein. Dabei wäre genau das die Aufgabe eines Umweltausschusses: Möglichkeiten ausloten, Ressorts zusammenbringen, Lösungen suchen – nicht vorschnell fällen. 

„Gleichwertige Eignung“ – aber wofür eigentlich?

Besonders problematisch ist ein Satz im Antrag:

„… oder ähnliche Arten mit gleichwertiger Eignung.“

Gleichwertig – in welcher Hinsicht?
Hitzetoleranz? Ja.
Begrenzter Wurzelraum? Vielleicht.
Aber was ist mit Biodiversität?

Nicht-heimische Baumarten wie der Japanische Schnurbaum leisten für heimische Insekten, Vögel und Pilze nur einen sehr begrenzten Beitrag. Dieser Aspekt wird im Antrag vollständig ausgeblendet. Ausgerechnet im Umweltausschuss. Wie wäre es noch mit Ginkobäume passend zu den Verliehenen Preis an Ressortleitung Berendes? 

Ironischerweise wird damit ein Stadtbild gefördert, das an eine sehr spezielle Form japanischer Gartenkultur erinnert: Schottergärten, streng kontrollierte Bonsai, künstlich begrenztes Wachstum. Ästhetisch interessant – ökologisch jedoch hochproblematisch, wenn es zum Leitbild für den öffentlichen Raum wird.

Symbolpolitik statt struktureller Veränderung

Wenn politische Anträge formuliert werden, ohne ernsthaft prüfen zu lassen, was am Standort tatsächlich machbar wäre, darf man keine große Sorgfalt bei der Umsetzung erwarten. Das Grünflächenamt wird kaum motiviert sein, grundlegend etwas zu ändern – denn das würde bedeuten, sich mit anderen Ressorts anzulegen: dem Gebäudemanagement, dem Ressort 104, dem Denkmalschutz.

Dafür scheint die Zeit zu fehlen. Schließlich müssen bereits jetzt Baumfällungen für die BUGA 2031 vorbereitet werden. Am Boettingerweg wurden jüngst Ausnahmegenehmigungen für vier weitere geschützte Linden beantragt – ohne Investor, ohne Betreiber, aber mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit.

Die Zukunft: Blumenkübel statt Stadtbäume?

Wenn diese Linie beibehalten wird, droht Wuppertal zur Stadt der Blumenkübel-Bäume zu werden: mobile, austauschbare, pressewirksam platzierbare Gehölze. Praktisch, flexibel – und ökologisch weitgehend wirkungslos.

Was fehlt, ist der Mut, Stadtgrün wieder als das zu begreifen, was es ist: kritische Infrastruktur, die Platz braucht, Planungstiefe und politische Rückendeckung.
Nicht noch ein „klimaresilientes“ Feigenblatt auf einem Betonplatz oder indem fall versiegelte Kopfsteinpflaster. 

Anmelden

Kommentare

Neuen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert