04.03.2017

Humanismus: Mehr Gender wagen!

Seit mehr als 100 Jahren wird soziale und politische Gleichberechtigung von Frauen in der Gesellschaft gefordert. Seit damals ist der 8. März ein öffentlicher Tag zur Erneuerung dieser Forderungen. Was kann der Humanistische Verband (HVD) zu deren Verwirklichung selbst beitragen?

Nach jahrelanger Vorberatung hatte der Humanistische Verband Deutschlands im Jahr 2015 seinen Entwurf zum „Humanistischen Selbstverständnis“ (HSV) öffentlich vorgelegt (1). Schon in dieser Phase machte Frieder Otto Wolf aufmerksam, es „… haben sich immer wieder ältere weiße europäische Männer … selber zu Vorbildern … ernannt … Das müssen wir hinter uns lassen – sonst hat der Humanismus keine Zukunft mehr! … Die Frauenfrage wird ebenso zu einer Existenzfrage des künftigen Humanismus werden wie die Herausforderungen, die von der Migration ausgehen.“ (2) Wenn wir wollen, dass alle Menschen unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, sozialer und ethnischer Herkunft frei, selbstbestimmt, ohne Ausbeutung und im Einklang mit der Natur leben können, dann hat das Konsequenzen für unsere Sichtweise auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse.

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Seminar-Foto:
Oppermann

Im Rückblick auf die Begründung des (europäischen) Humanismus wird im HSV die Einsicht festgehalten: „Der wichtige Beitrag von Frauen für diese Entwicklung wurde lange vernachlässigt. Erst in neuer Zeit ist die Bedeutung von beispielsweise Sappho, Hypatia, Olympe de Gouges … herausgearbeitet worden.“ (HSV, S. 8) Bei der Auswahl der Beispiele wird recht weit ausgeholt. Warum sind nicht etwa Helene Stöcker (3) dabei oder Alma Kettig (4)? Beide haben sich sehr für die freidenkerische Bewegung und die Frage von Frauenrechten engagiert. Darüber hinaus bezeugt der HVD Berlin „22 Portraits freigeistiger Frauen“ (5). Auch Rosa Luxemburg hat pointierte Beiträge zu religionspolitischen Fragen verfasst, die der HVD ansonsten zu würdigen weiß (6). Räumliche und historische Nähe könnten evtl. die Identifikation erhöhen.

Kommen wir von der theoretischen bzw. „politischen“ Ebene zur Rolle des „Praktischen Humanismus für Geschlechtergerechtigkeit“. Reproduktionsarbeit wird bekanntlich mehrheitlich von Frauen verrichtet. Hier könnte eine deutlichere Kennzeichnung der Geschlechterbeziehung als Herrschaftsverhältnis zu finden sein. Da bleibt das HSV eher vage: „Die humanistische Lebensauffassung setzt die Gleichberechtigung aller Menschen voraus, unabhängig ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht oder ihrer sexuellen Orientierung. Wir unterstützen eine Politik, die Emanzipation und Beteiligung in allen Lebensbereichen ermöglicht.“ (HSV, S. 24)

Schon während der Frühphase der Diskussion um das neue HVS empfahl F. O. Wolf: „… dass sich der HVD als Organisation des praktischen Humanismus geeignete Maßnahmen überlegt, um die bestehende Diskriminierung von Frauen abzubauen – auch in seinen eigenen Reihen und in seinem praktischen Einflussbereich. Angesichts des Standes der gesellschaftlichen Debatte heißt dies unbestreitbar auch, dass er dabei ernsthaft über Quotenregelungen nachdenken muss.“ (7) Sind nicht – entgegen der verkündeten Werte – die Strukturen und die Organisationskultur im HVD auch aktuell noch männer-dominiert? Wo wird besondere Aufmerksamkeit darauf verwandt, gerade Frauen für den Verband und für Leitungsaufgaben zu interessieren, dieses Potenzial für die Modernisierung der Verbandskultur zu mobilisieren? Darauf machte unlängst Ines Scheibe aufmerksam (8), die dem Präsidium des HVD angehört, der seit Jahren den bundesweiten Aktionstag anlässlich des Internationalen Frauentages unterstützt. (9)

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Das HSV nimmt das Statement auf: „Ebenso wird kontrovers über die Selbstbestimmungsrechte der Menschen diskutiert. Dabei geht es etwa um die Gleichstellung von Frauen oder um verschiedene sexuelle Orientierungen, um Schwangerschaftsabbruch …“. (HSV, S. 6) Die gesellschaftliche Praxis geht hingegen über eine „einfache“ Diskriminierung hinaus. Das Recht auf selbstbestimmte Familienplanung wird durch gesellschaftlichen Druck auf betroffene Frauen, Ärzt/innen und Beratungseinrichtungen ausgehöhlt und führt schließlich zu deren Stigmatisierung und Kriminalisierung. Gerade in den letzten Jahren fordern rechte Politiker und Kirchen-Lobbyisten wieder stärker das allgemeine Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen. (8)

In einzelnen Bundesländern tritt der HVD als Träger humanistischer Kitas auf. Bezüglich der Stärkung von Frauenrechten wäre aktuell eine Gelegenheit, auch in anderer Hinsicht konkreter zu werden: So könnte die Ausweitung der Schwangerschaftskonflikt-Beratung durch HVD in Aussicht gestellt werden. Das HSV könnte für eine politische Initiative zur Streichung des § 218 StGb votieren. Es ließe sich über die HVD-Trägerschaft für ein Frauenhaus reden. Mit diesen Positionen sollte der HVD für sich ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen säkularen Organisationen erlangen. Manche „blinken“ zwar konfessionsfrei, fahren dann aber weiter bzw. fort wie bisher. Am Ende würden sich innerhalb des HVD mehr Frauen häufiger zu Wort melden und auch gern engagieren.

Hinweise und mehr Info unter www.HVD-Wuppertal.de

 

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