17.07.2015

Zukunftsvision aus der Vergangenheit

Mechanische Elemente wie Zahnräder und Uhren, kombiniert mit viktorianisch inspirierter Kleidung, sind die typischen Merkmale des „Steampunk“.

BennyTrapp_BT14342Wer die fantasievollen Kostüme betrachtet, der fühlt sich schnell an die Romane von Jules Verne oder den Kinofilm „Wild Wild West“ erinnert. Doch was sind die Wurzeln dieser immer beliebter werdenden Subkultur?

Alles wird besser mit Dampfkraft – das war das große Versprechen des 19. Jahrhunderts. Die Eisenbahn ermöglichte damals noch undenkbar erscheinende Geschwindigkeiten und Dampf trieb die Maschinen ganzer Fabriken wie von Geisterhand an. Im Rausch des Fortschritts schrieben unter anderem Jules Verne, Mary Shelley und H. G. Wells Bücher über fantastische – oder unheimliche – Erfindungen, die der Menschheit noch bevorstanden.

Diese Werke gelten als die Urschriften der Science Fiction, die seitdem hin und wieder für Verfilmungen oder Neuerzählungen abgestaubt wurden. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts belebt das Genre Cyberpunk die Science-Fiction neu. Gleichzeitig werden Geschichten im Geiste Vernes, Shelleys und Wells’, die in viktorianischen Zeiten mit fortgeschrittener Technik spielen, immer beliebter. Der SF-Autor K. W. Jeter schlägt für dieses retro-futuristische Genre den Namen „Steampunk“ vor.

Damit gibt er einem Phänomen einen Namen, das sich bis heute nicht nur gehalten hat, sondern gewachsen ist. Die Anhänger dieser Bewegung greifen das Bild der Zukunft des 19. Jahrhunderts auf und gestalten einen Mix aus technischen und viktorianischen Elementen. Authentizität ist dabei nicht immer zwingend notwendig, Steampunk durchdringt mittlerweile alle medialen Sphären: Typische Merkmale wie dampfbetriebene Blechmänner, kupferne Zahnräder, Zeppeline und die unvermeidlichen dicken Schweißerbrillen (Goggles) finden sich nicht nur in Büchern und Filmen aus dem Genre Science Fiction, sondern auch in der Fantasy oder im Horror.

Außerhalb der Literatur haben Steampunk-Elemente in Computerspielen, Spielfilmen und Kinderspielzeug Einzug gehalten, sogar Steampunk-Bands wie Abney Park und eine eigene (Cosplayer-)Szene sind entstanden. Auch in Wuppertal gibt es eine kleine Szene von Steampunkern unterschiedlicher Ausrichtung. Nicole Paul gehört dazu. Sie übt halbtags eine Tätigkeit im Büro aus und widmet sich nebenberuflich der mehr oder weniger authentischen Darstellung von historischen Phänomenen.

Wenn sie als Darstellerin oder als Walking-Act auf Festen und Veranstaltungen unterwegs ist, trägt sie den Pseudonym „Lola Wellington“. „Es ist wirklich eine Kunst, man muss erfinderisch und kreativ werden“, sagt sie. Ihr Kopfschmuck besteht aus einem barocken Dreispitz, einem Objektiv eines alten Fotoapparats und einer selbst gebastelten Uhr. Dazu kombiniert die Wuppertalerin einen Rock vom Flohmarkt mit einer langen Spitzenunterhose. „Ich schöpfe aus dem Fundus, den ich mir selbst zusammengestellt habe. Ich kaufe meine Requisiten auf Flohmärkten, Tauschbörsen und Second-Hand-Läden. Das ist alles low-budget.“

Auch der Historiker Heiko Schnickmann, Schriftführer des Bergischen Geschichtsvereins, kann sich für das Genre begeistern und sieht einen klare Bezug zu seiner Stadt: „Als alte Industriestädte bieten Barmen, Elberfeld und die anderen Stadtteile eine schier unzählbare Menge an Industrieanlagen, Gründerzeitvillen, Jugendstilhäusern und romantisierten Parkanlagen, die perfekt mit dem harmonieren, wofür Steampunk steht. Zum anderen sind in den alten Textilhochburgen des Wuppertals genau die Kleidungsstücke gewebt, gebleicht oder gefärbt worden, denen die Steampunkter heute nachstreben, während gleichzeitig in Cronenberg, aber auch in Solingen und Remscheid, die Maschinen gebaut wurden, die den Steampunkern als Vorlage für ihre Technik dienen.“

Text: Mirja Dahlmannn, Fabian Mauruschat

Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus der neuen Ausgabe der talwaerts, Wuppertals Wochenzeitung. Den vollständigen Artikel lesen Sie in der neuen Ausgabe, die immer freitags erscheint. Überall, wo es Zeitschriften gibt und unter www.talwaerts-zeitung.de

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