Mit realistischen Visionen gegen die Sünden der Bauindustrie

,,Sie träumen noch vom Bauen? Machen Sie jetzt Ihre Träume wahr, wir bauen für Sie Ihr Traumhaus''! Diese oder ähnliche Werbesprüche liest man in Zeitungen oder online jederzeit, wenn man sich mit zukünftigem Eigentum beschäftigt.

Dass Deutschland bereits über ein anthropogenes, also durch den Menschen verursachtes Lager von 50 Milliarden Tonnen Materialien in Gütern sowie in Abfällen verfügt und dieses Lager jedes Jahr pro Person um 10.000 Tonnen wächst, erfährt man nur, wenn man sich, wie Prof. Annette Hillebrandt, intensiv mit der Materie beschäftigt. Die studierte Architektin hat in Wuppertal seit 2013 den Lehrstuhl für Baukonstruktion/Entwurf und Materialkunde inne und wendet sich mit realistischen Bauvisionen gegen die Ressourcenverschwendung im Baubereich.

Foto UniService Transfer

„Über 50 Prozent aller Abfälle in Deutschland kommen aus dem Bauwesen“, sagt die engagierte Wissenschaftlerin und nimmt den Kampf David gegen Goliath bewusst auf, denn, so sagt sie verschmitzt, „ich erinnere mich, dass doch der Richtige gewonnen hat, oder?“ Sicher lähmen solche Fakten zunächst, doch die Lösung muss anders aussehen. Hillebrandt weiß um die weltweite Ressourcenknappheit und sagt bestimmt: „Wir müssen einfach wegkommen von zu vielen Abfällen im Baubereich!“

Obschon sie seit Jahrzehnten Mitglied bei Greenpeace ist, entstand ihr aktives Umdenken in Bezug auf ein ressourcenschonendes Bauen erst so richtig durch Forschungsarbeiten im Rahmen ihrer Professuren, als sie das ganze Ausmaß der Verschwendung realisierte. „Ziel unserer Forschung ist es, das Abfallaufkommen aus der Bauwirtschaft zu verringern, indem jede Baumaßnahme als eine spätere Ressourcenquelle geplant und entsprechend erstellt werden kann.“

Die Essenerin plant Gebäude so, dass sie leicht wieder zu demontieren sind und die Materialien daraus recycelt werden können. Dazu müssen die Materialien jedoch rein voneinander getrennt werden. „Sortenrein heißt“, sagt sie, „dass sie nicht durch andere Materialien verschmutzt sind. Man kann sich das sehr gut bei Abdichtungen von Beton- oder Mauerwerkskellern vorstellen. Üblicherweise wird der Keller gegen Bodenfeuchtigkeit schwarz abgedichtet. Diese Abdichtungen aus Bitumen sind in der Regel flüssig und ziehen in den Beton ein. Damit ist aber der reine Beton kontaminiert. Und das kriegt man nicht wieder getrennt. Beide Stoffe sind durch diesen Verbund nicht mehr sortenrein zu separieren und zu recyceln. Und damit verlieren wir diese Materialien.“ Doch das muss gar nicht sein, denn Hillebrandt weiß unter anderem, wie man Abdichtungen im Keller- oder Flachdachbereich auch lose verlegen und aus recyclingfähigem Material demontabel verbauen kann.

Die Friday for Future-Bewegung hat gezeigt, dass man Menschen zum Handeln mobilisieren kann, doch die von Hillebrandt geschilderte Dramatik im deutschen Baubereich scheint bei den Bürgern noch gar nicht angekommen zu sein. „Das Problem dringt gerade erst in das Bewusstsein der Politik vor“, erklärt die Forscherin. „Jahrelang hat man sich dort mit der Energiewende beschäftigt, die kennt jetzt jeder. Aber eine Materialwende, das ist bisher noch kein großes Thema gewesen. Es gibt erst seit kurzem eine Broschüre vom Umweltbundesamt zum Urban Mining. Urban Mining meint, die Stadt als Mine zu denken und aus den Häusern, Infrastrukturen und Gebrauchsgütern Rohstoffe wieder zurückzuholen. Dieses Kreislaufdenken ist ein relativ neues Thema.“

Vintage im Baubereich darf keine Mode bleiben

Das Umdenken der Menschen scheint das schwierigste Problem zu sein. Auftraggeber wollen meist alles neu erstellen. Eine direkte Ressourcenschonung bedeutet für Hillebrandt u.a. auch die Wiederverwertung ganzer Bauteile wie Ziegelsteine oder Holzdielenböden. Und da kommt ihr eine aktuelle Modeströmung unterstützend zur Hilfe. Vintage ist das Stichwort, dass sich im Bauwesen, so hofft sie, als Dauerströmung festigt. „Alle wollen aktuell im Innenausbau gerne ein Flair von etwas Älterem, was Patina hat, sich echt anfühlt und auch echt ist. Es soll nach Holz oder Linoleum, also Leinöl, riechen. Das finden die Leute heute spannend. Aber es darf keine Mode bleiben, sondern muss Mainstream werden. Diese Strömung muss sich im Sinne von Ressourcenschonung und Abfallvermeidung etablieren.“

Gegen die Nutzung von gebrauchten Materialien sprechen die fehlenden Garantiezusagen, die Hersteller nur für Neuprodukte machen. Dazu sagt die Professorin: „Eine Holzdiele zum Beispiel, die hält, ohne dass einer eine Garantie gibt, sowieso 50, 80 bis 150 Jahre. Also kommt es mehr darauf an, dass man über eine generelle Materialkenntnis verfügt. Der Wert liegt in dem Material an sich.“ Außerdem ändern sich die Anforderungen an Bauteile durch DIN- oder EU-Normen so schnell, dass Gebrauchtbauteile diese innerhalb wenigen Jahre nicht mehr erfüllen, z.B., weil sie nicht mehr aktuellen Brandschutzanforderungen oder Energieeinsparverordnungen genügen. Dann könnten sie nur eingebaut werden, wenn der Bauherr das Risiko dafür trägt. „Und da liegt im Moment die Schwierigkeit“, betont Hillebrandt, „es muss sich auch die Gesetzgebung ändern, wenn wir weniger verschwenden wollen.“

Wer besitzt Materialkenntnis?

Das Thema Materialwende ist sowohl in der Politik als auch im Kollegenkreis noch lange nicht angekommen. „Wir haben im letzten Jahr den ‚Atlas Recycling‘ veröffentlicht, in dem wir unsere Forschung anschaulich gemacht haben. Ich toure momentan durch die Republik und halte ein bis zwei Mal im Monat einen Vortrag vor Architekten, Produktherstellern oder Handwerkern, um das Bauen für die Ressourcen- oder Materialwende zu propagieren.“

Sachlich stellt sie fest, dass jeder Architekt durch Werbung der Bauindustrie mit neuen Produkten und beeindruckenden Hochglanzbroschüren regelrecht zugeschmissen wird und dadurch den Blick für größere Zusammenhänge verlieren kann. „Man muss wirklich in die Zutatenliste der Produkte schauen. Und man muss auch die Nachkommastellen lesen. Wenn nur ein bisschen toxisches Material drin ist, dann ist das nicht nur baubiologisch gesehen gesundheitsschädlich, sondern es ist auch nicht mehr recycelbar. Niemand will am Ende ein Recyclingprodukt haben, von dem er befürchten muss, dass Gift drin ist.“

Und damit verweist sie auf bestehende Gesetze, die nicht zur Anwendung kommen. Z.B. auf das Kreislaufwirtschaftsgesetz, „da steht drin, dass die Bunderegierung (eigentlich) neue Produkte verbieten könnte, wenn sie schwer recyclingfähig sind oder wenn sie Schadstoffe enthalten. Aber das Gesetz wird nicht verfolgt, es wird nicht durchgesetzt.“

Solche Lippenbekenntnisse ärgern die engagierte Akademikerin, denn „dadurch entstehen immer wieder Probleme wie die Asbestschwemme, an der wir ja immer noch kranken. Bei jeder Umbaumaßnahme nehmen wir erst einmal Asbestproben. Das billige Material war ja überall drin. Im Estrich, im Putz, in der Farbe. Sie können kein Haus ab den 1960ern bis Anfang der 1990er anfassen, ohne sicher zu sein, dass kein Asbest drin ist. Und dieser Stoff muss immer fachgerecht teuer entsorgt werden. Das nächste Problem hat uns die Bauindustrie erst vor kurzem mit den Wärmedämmungsverbundsystemen aufgehalst. Viele Leute haben im Zuge der Energiewende ihr Haus gedämmt und haben sich eventuell für Kunststoff- statt mineralischer Dämmung entschieden, weil die billiger ist. Aber jedes Kunststoffprodukt ist aus Erdöl, d.h. es brennt gut. Als dann klar war, dass das vielleicht eine Gefahr für die Stadt ist, hat man einen Brandhemmer zugesetzt, um dieses billige Polystyrol tauglich zu machen, d.h. entgegen seinen ursprünglichen Materialeigenschaften (aus Erdöl) brandhemmend auszurüsten. Dieser Brandhemmer, HBCD genannt, ist giftig, langlebig, sammelt sich in Lebewesen an und ist mittlerweile weltweit zu finden. Mineralwolle, Glaswolle oder Schaumglas z. B. wären aufgrund ihrer ursprünglichen Eigenschaften von sich aus unbrennbar und müssten nicht mit Brandhemmern ausgestattet werden.“

Mit entsprechender Kenntnis und Transparenz über die Inhaltsstoffe wäre dieser Kunststoffdämmstoff nie zum Einsatz gekommen. Erst 2016 wurde der Flammhemmer (mit Ausnahmen) verboten. „Das sind Sünden, mit der die Bauindustrie einem gesunden Wohnen und einem Recycling der Stoffe im Wege steht. Deshalb braucht es vom Gesetzgeber eine Durchsetzung der Gesetze, die er schon hat.“

Und jeder Bürger kann sich auch selber schlau machen. „Es lohnt sich als Bauherr auf jeden Fall immer die Seite des Umweltbundesamtes zu besuchen. Da kann man sich sehr gut über viele Dinge informieren.“

Urban Mining Award

Hillebrandt arbeitet an ihrem Lehrstuhl natürlich vor allem mit jungen Studierenden, die sich in dem von ihr initiierten Urban Mining-Wettbewerb mit anderen Hochschulen messen. Stolz erklärt sie: „Wir hatten schon einige Preisträger von der BUW!“.

Der wichtigste Aspekt im Urban Mining Student Award ist, „dass man alles wieder demontieren kann. Gut ist auch, wenn bereits gebrauchte Bauteile oder recyceltes Altmaterial verwendet wurde. Man muss Konstruktionen zurückbauen können, Bauteile und Materialien voneinander lösen können. Die Dinge dürfen nicht miteinander verklebt sein, sie müssen lose geklemmt, gesteckt oder beschwert konstruiert sein, und die Materialien müssen recyclingfähig sein.“ Dazu eignen sich neben allen Metallen vor allem nachwachsende Rohstoffe wie Holz, Flachs, Kork oder Hanf.

Allerdings: „Nur, wenn diese nachwachsenden Rohstoffe auf nachhaltige Weise so angebaut werden, dass nie mehr geerntet wird als nachwächst, ist der natürliche Kreislauf geschlossen.“ Nachdrücklich sagt sie noch einmal: „Falls der einmalige Gebrauch eines Materials zu seinem unwiederbringlichen Verlust führt, dürfen wir dieses Material erst gar nicht verwenden.“

Gebäude als Rohstoffzwischenlager

Urban-Mining gerechtes Bauen beinhaltet für Hillebrandt folgende Vorteile. „Nehmen wir mal an, sie haben eine Metallverkleidung an ihrem Haus, Aluminium oder verzinkte Stahlplatten, die können sie dem Schrotthandel wiederverkaufen. Oder sie haben teure Eichendielen verwendet, auch die können sie zurückbauen und verkaufen. Ebenso können hochwertige Ziegelsteine einen Verkaufswert haben. Demgegenüber stehen bei Umbau oder gar Abriss des Hauses richtig hohe Entsorgungskosten für nicht recyclingfähige oder gar gefahrenstoff-belastete Materialien.“

Auf die Frage hin, ob es sich beim Müll aus dem Bausektor um ein modernes Phänomen handle antwortet die Wissenschaftlerin „Ja, vor 200 Jahren gab es ja noch gar keinen Abfall. Nehmen wir das Bergische Haus: Seine Konstruktionen bestanden aus Holz, als Wandausfachung Lehm und Stroh und als Dachdeckung oder Witterungsschutz der Wand Platten aus Schiefer. Am Lebensende des Hauses verrotteten Holz und Stroh, den Lehm konnte man mit Wasser immer wieder anmischen und die Steinbekleidung zerfiel in kleine Teilchen. Also im Grunde genommen ein Kreislauf: Erde zu Erde.“

Wie sähe ein nachhaltig geplantes Bauwerk der Zukunft aus?

„Umbau vor Neubau“ heißt dann auch zunächst Hillebrandts Credo. „Es ist wichtig, dass keine neuen Flächen verbraucht werden, denn die stehen in Konkurrenz z.B. zu Flächen für Ernährung oder Erholung. Wenn neue Baugrundstücke erschlossen werden, sollten die Gebäude aufgeständert werden, der Boden darunter bleibt unberührt, die Bodenorganismen bleiben erhalten. Regenwasser darf nicht im Kanal verloren gehen, es muss am besten auf dem Grundstück versickern können. Oder es wird zuvor z.B. für die Toilettenspülung genutzt (sogenannte Grauwassernutzung). Das Bauwerk der Zukunft ist nicht nur hoch wärmegedämmt, es erzeugt auch seine Energie selbst vor Ort über Photovoltaik oder Erdwärmesonden. Und es bietet etwas für die Natur, gibt zurück, was es nimmt: z.B. durch Gründächer, die Regen zurückhalten und Verdunstungskühle in die überhitzten Städte bringen oder gar als Bienenweide dienen. Begrünt werden kann auch die Fassade, zumindest sollte sie aber eine helle Oberfläche haben, weil dunkle Flächen zu heiß werden und das Mikroklima überhitzen. Und das wunderbare daran ist, dass diese Bauwerke eine lange Nutzungsdauer haben werden, weil sie flexibel als Skelettbauten, also mit Verzicht auf massive Wände, geplant sind. Dadurch lassen sie sich gut umnutzen. Was als Wohnbau geplant wurde, kann – falls sich die Nachfrage ändert – einfach zu Büros werden und umgekehrt. Gleichzeitig können diese Häuser den Ort wechseln, also woanders erneut aufgebaut werden, weil sie ja demotabel sind.“

Bis dahin ist es sicher noch ein weiter Weg, den zu beschreiten Hillebrandt jeden Tag aufs Neue wagt. Ginge es nach ihr, so hätte jeder Bauherr klare Vorgaben. „Jeder, der ein Haus baut, muss dafür sorgen, dass es am Ende zurückgebaut und recycelt werden kann. Dazu muss er Sicherheiten in Höhe des Abfalls, den er verbaut, bei der Gemeinde eingestellt haben, oder nachweisen, dass das Objekt nach Rückbau eine Ressource ist, die dann für Rückbau und Entsorgung eine weniger hohe Kaution erfordert. Der Investor muss gepackt werden können keine Investitionsruinen zu hinterlassen.“

Nach diesem Gespräch kommt man ins Grübeln und sieht sein Zuhause mit ganz anderen Augen. Das ist der erste Schritt. Richtig so.

Weitere Transfergeschichten unter www.transfer.uni-wuppertal.de/transfergeschichten.html

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Prof. Dipl.-Ing. Annette Hillebrandt studierte Architektur an der Universität Dortmund. Danach führte sie einige Jahre ein eigenes Büro und übernahm ihre erste Professur für Baukonstruktion, Entwerfen und Bauen im Bestand an der Fachhochschule Kaiserslautern in 2001. Danach wechselte sie zur münster school of architechture und kam 2013 an die Bergische Universität nach Wuppertal. Dort leitet sie den Lehrstuhl für Baukonstruktion/Entwurf und Materialkunde mit Forschungsschwerpunkt Kreislaufpotenziale im Hochbau und unterstützt ihren Partner Martin Schneider im gemeinsamen Architekturbüro msah in Köln.

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