23.02.2026evangelisch wuppertal
Kirche als Stimme im Parlament
Zwischen Seelsorge und Lobbyarbeit bewegt sich Martin Engels als Leiter des Evangelischen Büros NRW. Jetzt ist er auf dem Pfarrkonvent zu Gast - und erzählt im Interview, wie er kirchliche Interessen in politische Debatten einbringt.

Zwischen Seelsorge, Lobbyarbeit und politischer Diplomatie bewegt sich Martin Engels als Leiter des Evangelischen Büros NRW. Jetzt ist er auf dem Wuppertaler Pfarrkonvent zu Gast – und erzählt im Interview, wie er kirchliche Interessen und christliche Werte in politische Debatten einbringt.
Herr Engels, was genau ist das Evangelische Büro NRW – und welche Aufgaben hat es im politischen Alltag?
Martin Engels: Unser Büro wurde 1961 gegründet, um die Interessen der drei evangelischen Landeskirchen auf dem Gebiet von Nordrhein-Westfalen zu vertreten. Wir koordinieren gemeinsame Positionen der Landeskirchen und bringen diese – etwa im Rahmen von Stellungnahmen oder Gremienarbeit – in den Landtag und bei der Landesregierung ein und halten die Kirchen über die Landespolitik auf dem Laufenden. Es gibt übrigens auch ein katholisches Büro, mit dem wir gut zusammenarbeiten.
Was wir hier tun, ist eine typische „Vertretungs- und Schnittstellenarbeit“.
Wir sind ansprechbar für Landtag und Landesregierung, für Fraktionen und Abgeordnete im Landtag NRW und halten Kontakt zu den politischen Parteien, den kommunalen Spitzenverbänden, zu gesellschaftlichen Vereinigungen und Verbänden auf Landesebene. Was wir hier tun, ist eine typische „Vertretungs- und Schnittstellenarbeit“.
Wie sieht Ihr persönlicher Arbeitsalltag als Pfarrer und Interessensvertreter der Kirchen am Landtag aus?
Engels: Zu meinem Büro gehören fünf Mitarbeiterinnen, darunter eine Bildungsreferentin, eine Juristin und eine Migrationsexpertin. Mit den drei Fachfrauen erarbeite ich Stellungnahmen für die Kirchen, die wir in politische Beratungen einbringen. Diese Positionen vertrete ich als Sachverständiger häufiger auch in Anhörungen. Die Kirchen und ihre Diakonie sind zum Beispiel als Träger evangelischer Kitas und Schulen gefragt, aber auch wenn es um Migration, Denkmalschutz, das Bestattungsrecht oder um wichtige soziale und gesundheitspolitische Fragen geht.
Sie sagten aber gerade schon richtig, dass ich Pfarrer am Landtag bin und das bedeutet: Ich gestalte hier gemeinsam mit meinem katholischen Kollegen auch Gottesdienste und Andachten und habe als Seelsorger ein offenes Ohr für die Abgeordneten und Mitarbeitenden der Verwaltung. Mein Arbeitsalltag ist also gut gefüllt und sehr vielfältig, was ich sehr mag.
Wie erleben Sie als Seelsorger die Herausforderungen, mit denen Politikerinnen und Politiker heute konfrontiert sind?
Engels: Alle stehen unter enormem Druck und haben eine hohe Arbeitsbelastung, aber als gestresst erlebe ich die Abgeordneten und Ministeriumsmitarbeitenden selten. Viele sind ja noch in der Kommunalpolitik unterwegs, arbeiten zeitweise in ihrem Beruf und haben Familie. Das alles unter einen Hut zu bekommen, ist eine große Herausforderung.
Ich erlebe bei Politikerinnen und Politikern eine hohe Wertschätzung für Kirche und Diakonie.
Eine starke Belastung ist für viele der raue Umgangston, mit dem sie vor allem bei Social Media umgehen müssen, der aber auch politische Debatten in den Medien und manchmal auch im Landtag prägt. Manchen tut es gut, darüber mit mir zu reden.
Kirche wird oft kritisch gesehen und verliert Mitglieder. Wie ist die Wahrnehmung der Kirchen im politischen Raum?
Engels: Ich erlebe eine hohe Wertschätzung für Kirche und Diakonie, was aber nicht heißt, dass Politiker:innen nicht kritisch auf manche Punkte schauen. Viele haben Sorge, dass unsere Gemeinden in dieser Zeit, in der immer mehr Menschen aus den Kirchen austreten, als Orte der Gemeinschaft, Vermittlung christlicher Werte und demokratischer Meinungsbildung verloren gehen. Sie kritisieren, dass Kirche stark mit sich selbst beschäftigt ist und sich nicht mehr als wichtigen Teil der Zivilgesellschaft versteht.
Es geht mir darum zu zeigen, an wie vielen Orten Kirche und Diakonie unser gesellschaftliches Zusammenleben mitprägen und zusammenhalten.
Wie wichtig Gemeinden heute sind, zeigt sich zum Beispiel beim Thema Einsamkeit, das die Landesregierung stärker in den Fokus gerückt hat: Unsere Kirchengemeinden sind mit ihren vielfältigen spirituellen, kulturellen und sozialen Angeboten schon „Agenturen gegen Einsamkeit“.
Wie sehen Sie hier Ihre Rolle? Sind Sie ein Vermittler zwischen Politik und Kirchen?
Engels: Es geht mir darum zu zeigen, an wie vielen Orten Kirche und Diakonie unser gesellschaftliches Zusammenleben mitprägen und zusammenhalten. Daher bringe ich Abgeordnete mit kirchlichen Arbeitsfeldern zusammen, lade aber auch Kirchen zu Hintergrundgesprächen, z.B. mit Unternehmerverbänden ein. Besonders in diesen politisch unruhigen Zeiten, in denen wir ein Erstarken von rechtsextremen Kräften haben, ist es wichtig, viele unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen.
Sie haben in Wuppertal die Ausstellung zur Barmer Theologischen Erklärung kuratiert. Wie beeinflusst das Ihre politische Haltung und Arbeit am Landtag?
Engels: Ohne die intensive Beschäftigung mit der Barmer Erklärung von 1934 könnte ich mir die Arbeit hier nicht vorstellen. Kirche ist immer politisch, aber nicht parteipolitisch. Sie sollte Glaube und Vertrauen mit einer klaren Haltung verbinden und laut und wehrhaft werden, wenn die Würde von Menschen in unserer Gesellschaft missachtet wird.
Kirchengemeinden sollten politische Meinungsvielfalt zulassen und dafür Räume schaffen.
Aber sie sollte auch politische Meinungsvielfalt zulassen und dafür Räume schaffen. Unsere Kirchengemeinden sind lokal eingebunden in den Stadtquartieren und können dort Gesellschaft aktiv mitgestalten. Ich wünsche mir, dass sie das selbstbewusster tun.
Das Gespräch führte Sabine Damaschke.
Zur Person
Martin Engels ist seit Anfang 2024 Beauftragter der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung von Nordrhein-Westfalen. Von 2019 bis 2023 leitete der verheiratete Vater von vier Kindern das Evangelische Forum in Bonn. Davor war er Moderator des Reformierten Bundes (2015-2019), Projektleiter des Reformationsjubiläums in der rheinischen Kirche (2014-2018), Leiter des Ausstellungsprojektes „Gelebte Reformation – Die Barmer Theologische Erklärung“ (2012-2017) und Pfarrer in der reformierten Gemeinde Ronsdorf (2012-2014). Martin Engels ist gebürtiger Wuppertaler.
Foto: Wilfried Meyer/Ev. Büro NRW
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