Walter Moers karikiert sich selbst

Totgelaufen? 43 Abenteuer inklusive Happyend bewältigt Prinz Kaltbluth, aber es liest sich so, als karikiere der Meister nicht die Wirklichkeit, sondern der Abwechslung halber sich selbst

Qwert Ziuopü (die ersten und letzten Buchstaben der dritten Reihe einer gewöhnlichen deutschen Rechnertastatur) stürzt durch ein Dimensionsloch. Dabei handelt es sich bei ihm um eine Wiederentdeckung aus den „13½ Leben des Käpt’n Blaubär“, mit dem der Siegeszug des Großen Fabulators so richtig begann. Aber dieses Mal spielt die Geschichte nicht in Zamonien, sondern im Reich Orméa, zu dem Reitwürmchen, Riesengletscherzwerge, Ruinenraupen und alle möglichen Sorten von Rittern gehören. Wie froh ist der Leser, wenn eine bewährte Gestalt wie Abdul Nachtigaller von sich reden macht.

 

 

Statt reale Vorgänge und Personen zu karikieren, hat man den Eindruck, Moers mache sich über sich selbst und die von ihm so liebevoll und ausdifferenziert geschaffenen Figuren lustig. Neu sind in diesem Zusammenhang sogenannte Kofferwörter, die aber nichts anderes sind als Zusammenziehungen, so wenn aus unwahrscheinlichen Zufällen Unwahrzus werden oder aus spontanen Gedankensprüngen Spongesprüs.

Das hält einfach nicht für fast 600 Seiten. Da hilft auch nicht der kurze Ausflug in die Allgemeine Relativitätstheorie und Einsteins Raumzeit. „Es gibt keine Zeit“, heißt es auf S. 68, jedenfalls „nicht in dem Sinne, wie wir sie kennen“. Das hätte ausgebaut werden können und müssen und wäre eine neue für einen dicken Roman tragfähige Idee gewesen.

So richtig zündet es immer nur ansatzweise, wenn Motive und Figuren vom Baron Münchhausen bis Nibelungen, von König Artus bis zu modernen Fantasyfilmen oder aus Ovids Metamorphosen auftauchen – wie immer mit kongenialen Zeichnungen des Autors. Es wird nur noch um seiner selbst willen gespielt. Es handelt sich nur noch um „Literatur, die sich nicht besonders um Relevanz bemüht und schwerwiegende Bedeutsamkeit“, wie der Rezensent einer Frankfurter Zeitung – lobend! – meinte. Prinz Kaltbluth alias Qwert Zuiopü hat offenbar vor der Realität kapituliert. „Immer bis zum Hals in Schwierigkeiten und dabei schon mit einem Bein im nächsten Fettnäpfchen“, das reicht nicht für einen großen Wurf, da fällt man zu schnell in ein rabenschwarzes Loch.

Auf www.reddit.com hat ein Moers-Enthusiast seinem leichten Frust Ausdruck verliehen und spricht von „gestreckten“ Geschichten und dem „Gefühl der Vorhersehbarkeit“ des Erzählflusses.

Der Rezensent wird „Qwert“ in die Reihe der Moers-Romane stellen im Bewusstsein, dass es bei kleinen und auch bei großen Romanciers ein Auf und Ab gibt. Das „Einhörnchen“ war ganz große Klasse, und der nächste Moers kommt ja ganz bestimmt.       MATTHIAS DOHMEN

 

Walter Moers, Qwert. Ein Prinz-Kaltbluth-Roman in 43 Aventiuren, München: Penguin\Penguinrandomhouse 22025, ISBN 978-3-328-60427-3, 582 S., 42,00 Euro. www.penguin-verlag.de.

 

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