Geldverdienen für Fortgeschrittene: mein Ferienjob im Schuhlager

Der Wecker zeigt 4.10, als er mich erbarmungslos wach klingelt. Eine Minute lang bleibe ich noch liegen und verfluche den Wecker, die Frühschicht und meinen Ehrgeiz, vor dem Studium eigenes Geld zu verdienen. Dann quäle ich mich aus dem Bett. Es ist Montag, der 26. Juli. Das Wochenende ist vorbei, meine letzte Woche als Aushilfe im Schuhlager beginnt.

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Im Dunkeln und bei Dauerregen erreiche ich die Lagerhalle in Barmen. Hier herrscht schon reger Betrieb. Neonröhren beleuchten die langen Tische und die vielen hundert Schuhkartons darauf. Im Radio laufen die 5-Uhr-Nachrichten. Ich bin mal wieder spät dran, die anderen sind schon da. So früh am Morgen hat niemand Lust auf Smalltalk, also gehen alle wortlos an die Arbeit.

Vier fest angestellte Frauen arbeiten in meiner Schicht, dazu kommen neben mir noch vier weitere Aushilfen. Wir sind die „Auszeichnerinnen“. Unser Job ist simpel.
Von der Schichtführerin bekommen wir Etiketten und Bestellscheine. Dann geht’s los: die Etiketten sortieren, sie auf die Schuhkartons und die Schuhe kleben. Anschließend die Kartons zusammenschnüren, aufs Fließband legen und sich die nächsten Etiketten holen. Und dann alles wieder von vorne.
Jedes Mal, wenn wir einen der Tische leer geräumt haben, bauen die Männer den nächsten Kartonstapel auf. Sie sind die „Auspacker“. Ihre Arbeit erfordert mehr Konzentration und Muskelkraft. Aber sie ist vermutlich nicht ganz so eintönig.

Nachdem ich vier Stunden lang an den Tischen gestanden und Schuhkartons beklebt habe, tun mir die Füße weh. Sitzmöglichkeiten gibt es nicht, sie wären auch kaum zu gebrauchen. Die Kartonstapel sind so hoch, dass ich mich auf die Zehenspitzen stellen muss, wenn ich einen Karton ganz oben vom Stapel holen will.
Immerhin stehen mir in jeder Schicht insgesamt 45 Minuten Pause zu. Also schleppe ich mich mit schmerzendem Rücken und knurrenden Magen in den Pausenraum.

Eigentlich hat alles ganz harmlos angefangen. Ich hatte einen langen Sommer vor mir, mit viel Zeit und wenig Geld. Da lag es auf der Hand, sich hier in Wuppertal einen Ferienjob zu suchen. Und der Aushilfsjob im Schuhlager schien perfekt. Etiketten auf Kartons kleben – das kann doch jeder, dachte ich. Nachdem ich mir eine Lohnsteuerkarte und eine Sozialversicherungsnummer zugelegt hatte, sei der schwierigste Teil schon geschafft, glaubte ich.
Anders als bei einem 400-Euro-Job kann ich hier Vollzeit arbeiten, dafür ist mein Vertrag auf nur vier Wochen befristet. In kurzer Zeit viel Geld verdienen, genau das wollte ich ja.
Die Bewerbung war reine Formsache. Es waren keinerlei Vorkenntnisse erforderlich und ich musste nicht einmal Probearbeiten. Nur durchhalten muss ich jetzt.
Fünf Tage die Woche arbeite ich acht Stunden lang – in der Frühschicht ab fünf, in der Spätschicht bis um 22.30 Uhr. Jede zweite Woche zusätzlich noch samstags für sechs Stunden. Als Aushilfe verdiene ich sechs Euro die Stunde und die Pause wird von der Arbeitszeit abgezogen.

Schon nach drei Tagen hätte ich am liebsten alles hingeschmissen. Ich war ständig müde, hatte Rückenschmerzen und wunde Fußsohlen. Aber ich dachte an das Geld und machte weiter. Immer den 31. Juli im Blick, meinen letzten Arbeitstag.
Die fest angestellten Auszeichnerinnen haben unbefristete Verträge. Und sind froh darüber. Wie motivieren sie sich jeden Morgen?
Den anderen Aushilfen geht es wie mir: sie sind Wuppertalerinnen Anfang zwanzig, haben Abitur gemacht, eine abgeschlossene Ausbildung oder studieren schon. Der Job hier ist nur eine unbequeme Zwischenstation auf dem Weg zu ihrem Traumberuf.
Die meisten Festangestellten sind schon über 40 und haben nur die Wahl zwischen dem Schuhlager und der Arbeitslosigkeit. Fehlende Ausbildung, betriebsbedingte Kündigung oder ein zu langer Erziehungsurlaub – jede der Frauen hat ihre eigene Geschichte. Keine mag den Job wirklich, aber alle sind froh, überhaupt einen zu haben.

Meine Pause ist vorbei, ich mache mich wieder an die Arbeit. Ein neuer Stapel Etiketten, ein neuer Berg Schuhkartons. Meine Laune ist auf dem Tiefpunkt.
Im Gang neben mir stapelt der Auspacker Jan Kartons auf den Tisch und pfeift dabei vor sich hin. Jan ist 19 und arbeitet seit Januar im Lager. Er hat Übergewicht, zu viel Gel in den Haaren und einen ziemlich derben Humor. Die anderen Auspacker machen sich über ihn lustig, aber Jan hat immer gute Laune. Er mag seinen Job.
Jan hat keinen Schulabschluss und seine Eltern haben ihn zu Hause rausgeschmissen. Weil er jetzt hier angestellt ist, kann er sich eine eigene Wohnung leisten, CDs von seiner Lieblingsband „Reamonn“ kaufen und sonntags zum Tanzkurs gehen.
Sein größter Wunsch ist es, hier im Schuhlager eine Ausbildung zum Lagerlogistiker anfangen. Ob das klappt – und ob sein Vertrag im September überhaupt verlängert wird – weiß er noch nicht.

Wie immer versucht Jan auch heute, über die Kartons hinweg ein Gespräch mit mir anzufangen. Ich signalisiere Desinteresse. Worüber soll ich mit ihm reden? Wir leben in zwei verschiedenen Welten – und ich fühle mich schuldig, weil ich froh darüber bin.

Weitere vier Stunden lang beklebe ich Schuhe und Kartons. 600 Paar Schuhe soll ich in einer Schicht auszeichnen und abpacken. Wer zu weit unter dieser „Paarzahl“ zurückbleibt, fliegt raus. Eine Aushilfe musste letzte Woche gehen.
Die Festangestellten haben das mit Genugtuung gesehen. Für sie sind wir Aushilfen Konkurrenz: jung, unerfahren, aber für den Konzern billiger im Unterhalt. Und wenn sich genug Langzeitaushilfen finden – wer braucht dann noch die Festangestellten?

Zumindest in meiner Schicht ist ihre Sorge unbegründet. Nur eine Aushilfe hat den Vertrag verlängert. Und ich kann das Ende dieser Woche kaum erwarten.
Ich will endlich wieder Zeit für meine Freunde haben, für meine Hobbys und für mich selbst. Seit drei Wochen führe ich ein Leben auf Sparflamme. Wenn meine Freunde im Freibad waren, lag ich auf der Terrasse, unfähig, irgendwo hinzufahren. Wenn meine Familie Eisessen ging, hing ich auf der Couch und hatte keinen Appetit. Und wenn mein Freund mich abends ins Kino einladen oder meine Freundinnen mit mir ausgehen wollten, schlief ich meistens schon und träumte von riesigen Bergen aus Schuhkartons.

Der Kartonstapel vor mir wird zum Glück immer kleiner. Das Fließband transportiert meine Pakete aus Schuhkartons weiter hinten ins Lager, wo sie in Regale sortiert und schließlich in LKW verladen und quer durchs Land verschickt werden.
Ich stelle mir vor, wie eine reiche Dame irgendwo in Hamburg oder München die Prada-Stiefel für 430 Euro anprobiert, die ich gerade ausgezeichnet habe. Wenn sie dann sieht, wie schief ich die Etiketten unter die Sohle geklebt habe, rümpft sie sicher ihr gepudertes Näschen.

Dann habe ich endlich Feierabend. 520 Paar Schuhe habe ich heute geschafft. Für eine Aushilfe ist das okay, für die große Karriere reicht das nicht. Fatima schafft an guten Tagen 800 Paar. Sie hat auch als Aushilfe hier im Lager angefangen, das war vor 20 Jahren. Jetzt gehört sie zur Stammbelegschaft.
Manchmal frage ich mich, ob sie nachts auch von den Kartons träumt – oder ob sie noch andere Träume hat. Von einem besserem Job, einem anderen Leben.

Für mich ist die Zeit im Barmer Schuhlager eine Woche später vorbei. Rund 900 Euro habe ich in den letzten vier Wochen verdient. Für mich ist das viel Geld – aber Geld allein macht eben auch nicht glücklich.

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